Little Istanbul

Nirgendwo ist Zürich exotischer als hinter dem Bahnhof Oerlikon. An der Friesstrasse gibt es Wasserpfeifen-Bars, türkische Spezialitäten – und die Pizzen eines bekannten Posträubers.

90 Wasserpfeifen am Tag, sieben Tage die Woche: Jungwirt Petrit (19) in der Hanedan-Bar.

90 Wasserpfeifen am Tag, sieben Tage die Woche: Jungwirt Petrit (19) in der Hanedan-Bar. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Petrit zeigt den Weg ins Hinterzimmer, ins Wasserpfeifen-Labor. Zwei Dutzend weisse Eimerchen, bedruckt mit arabischen Schriftzeichen, sind auf einem schmalen Tresen gestapelt. In einem an die Wand geschraubten Ofen glühen Kohlewürfel. 13 silbern glänzende Wasserpfeifen sind am Boden aufgereiht. Gelächter dringt aus dem vorderen Raum, R. Kelly säuselt: «Fiesta, Fiesta!» Süsslich-schwerer Rauch wabert durch die offene Tür. Petrit, 19-jährig, breiter Nacken, getrimmte Augenbrauen, sagt: «Ich mache die besten Shishas der Schweiz.»

Er öffnet einen der Behälter. Der Inhalt sieht aus wie verkochtes Rotkraut, klebt an den Fingern und riecht so penetrant nach Vanille, dass es Brechreiz auslöst. Dieses Mus soll das Geheimnis der perfekten Wasserpfeife sein?

«Nein, Mann. Das ist Al-Fakher-Tabak. Der Beste. Kommt direkt aus Arabien. Pass auf!» Mit seinen dicken Automechaniker-Fingern klaubt Petrit ein paar Gramm Tabak aus dem Eimerchen und stopft ihn in einen Apfel, den er zuvor ausgehöhlt hat. Dazu kommt Kraut aus einem zweiten Eimer – identisch aussehend, aber nach Kokosnuss riechend. Zwei Lagen Alufolie um den Apfel gewickelt, oben einige Löchlein in die Folie gepiekst. Den präparierten Apfel steckt er auf eine der bereitstehenden Wasserpfeifen. Mit einer Zange platziert er Kohlestücke auf den Apfel. Und was ist jetzt das Geheimnis? «Zwei Kaffeerähmli im Wasser. Dann schmeckt die Shisha wie ein Bounty.»

Petrit eilt nach vorne ins Lokal, wo 40 junge Serben, Kosovaren, Kroaten, Italiener und Schweizer Blödsinn reden, Rauchringe gegen die Decke blasen und ihren Facebook-Status checken. Petrit hat volles Haus, drei Viertel Männer, ein Viertel Frauen. «Ey! Coco-Vanille! Wer?» ruft er in den Dunst hinein.

«Gömmer Balkanstrass?»

Der junge Kosovare Petrit ist nicht der Einzige, der das Geschäft mit dem süssen Tabak für sich entdeckt hat. An der Friesstrasse beim Bahnhof Oerlikon ist eine Shisha-Meile herangewachsen – «Little Istanbul» sagen die einen, «gömmer Balkanstrass?» fragen die anderen.

Zum Strassenbild gehören nebst den Wasserpfeifen-Bars mehrere Döner-Buden, Take-aways und die berüchtigte Punto Bar. Dort backt einer der früheren Fraumünsterposträuber Pizzen – laut seinem Strafverteidiger Valentin Landmann «die besten der Stadt».

Am Samstag ist nach elf Uhr abends in den Shisha-Bars kein freier Platz mehr zu entdecken. Am Strassenrand reiht sich Auto an Auto, zu sehen sind Berner, Basler und sogar Bündner Nummernschilder. Die Besucher wollen zu Petrit ins Hanedan, zu Hasan ins Laila, zu Toni ins Samsara oder ins Goranac, das türkische Spezialitätenrestaurant.

Aber am grössten ist der Andrang bei Ismail. In seiner Mahsen Shisha Bar Lounge kriegt man heute ohne Reservation keinen Tisch, gut 100 Gäste haben sich ins Fumoir und in den geheizten Wintergarten gequetscht.

«Weisst du, Ismail macht die besten Shishas der Schweiz!», sagt Stammgast Irfan. Er redet für den Chef, weil dessen Deutsch zu holprig ist. Ismails Lokal war die erste Wasserpfeifen-Bar an der Friesstrasse, seit fünf Jahren gehört ihm das Mahsen». Wie die meisten anderen Shisha-Wirte hat er das Business in der Schweiz kennen gelernt – und nicht in seiner Heimat, der Türkei. Der Trick mit dem Apfel hat sich an der Friesstrasse längst herumgesprochen, ebenso die «Bounty-Shisha», die auch im «Mahsen» zu den Bestsellern gehört. Ismail sagt, er versuche, sich von den anderen abzugrenzen, indem er den Standard der «Balkanstrasse» anhebe: Bei ihm durchsuchen Türsteher jeden Gast, und am Eingang prangt die Hausregel: Mit Trainerhose verboten! «Das gilt aber nur am Wochenende», sagt Irfan grinsend.

«Voll Shisha-krank»

Laut Ismail gibt es zwei einfache Gründe dafür, weshalb ausgerechnet an der Grenze von Oerlikon und Seebach ein Ausgehviertel entstanden ist: tiefe Mieten und viele junge Secondos. «Meine Kollegen und ich sind voll Shisha-krank», sagt Irfan. «Wir sind jeden Tag hier. Seit fünf Jahren.» Auch Gastgeber Petrit erzählt von Stammgästen, die täglich mehrmals für eine oder zwei Pfeifen bei ihm vorbeischauen. «Manchmal frage ich mich, woher die so viel Zeit nehmen.» Und das Geld: Eine Shisha kostet 15 bis 25 Franken.

Draussen heulen zwei Motoren auf. Ein silberner Audi braust vorbei, vom Bahnhof Richtung Seebach, direkt hinter ihm ein mattschwarzer BMW. Ismails Türsteher blickt den Wagen hinterher. «Ich sage der Polizei schon lange, sie sollen hier endlich einen Radar aufstellen.» Er kann sich noch genau an den letzten schlimmen Unfall erinnern. Einer hatte seinen Wagen nicht sauber parkiert, liess das Heck zu weit auf die Strasse hinausschauen. Ein anderer war zu schnell, konnte nicht mehr ausweichen. «Ich habe immer noch das Bild im Kopf: zwei blutige Kopfabdrücke auf der Innenseite der Frontscheibe.»

Abgesehen von den Rasern ist es in «Little Istanbul» überraschend ruhig. Es gebe kaum Probleme, heisst es bei der Stadtpolizei. Stammgast Irfan hat dazu eine Theorie: «Weisst du, im Club, da sind die Männer voll auf Aufriss, voll auf Party und so. Aber Shisha ist zum Runterkommen. Hier ist Chill-out.»

«Es geht gerade erst los»

Kurz vor Mitternacht. Petrit stützt sich auf seinen Tresen, er wirkt erschöpft. Seit er im Oktober das Hanedan übernommen hat, präpariert er 90 Shishas am Tag, sieben Tage die Woche. Um sich ins Lokal einkaufen zu können, hat er von seiner Familie Geld geliehen, das er jetzt zurückzahlt. «Weihnachten, Neujahr – ich hatte immer offen.» Das Leben als Automechaniker war lockerer. Trotzdem will er nicht zurück unter die Hebebühne der Garage in Olten. Er glaubt, dass der Boom gerade erst losgeht: «Das ist meine Chance. Shisha-Bars sind wie Döner-Buden: Jeden Tag geht irgendwo eine neue auf.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2013, 07:06 Uhr

Zürichs Shisha-Meile. (Bild: TA-Grafik ib)

Wasserpfeifen: Wie schädlich ist der Rauch?

Über die Auswirkungen des Wasserpfeifenrauchs gibt es erst wenige wissenschaftliche Untersuchungen. Klar widerlegt ist aber die Annahme, das Wasser, durch das der Rauch gezogen wird, filtere die Schadstoffe heraus. Im Gegenteil, schreibt Sucht Schweiz: Im Vergleich zur Zigarette ist die Wasserpfeife eher schädlicher, weil der Tabak nicht bei 800 bis 900 Grad, sondern bei 400 bis 500 Grad verbrannt wird. Dazu kommt, dass die Rauchdauer bei der Wasserpfeife mit ein bis zwei Stunden viel länger ist. Zudem ist die
Konzentration von Schwermetallen wie Arsen, Chrom, Kobalt, Blei und Nickel im Wasserpfeifenrauch um «ein Vielfaches» höher als im Zigarettenrauch. Im Übrigen ist die Wasserpfeife mit der Zigarette vergleichbar: Das enthaltene Nikotin macht abhängig, der Gehalt an Teer und die Schadstoffe können zu Krebserkrankungen in Lunge, Mundhöhle und Blase sowie zu Tumoren an der Lippe führen. (ms)

Artikel zum Thema

Die beliebtesten Restaurants der Region

Die gestern in Zürich verliehenen Gastro-Awards zeichnen ein gutes Bild der Region. In zwei Kategorien belegen Zürcher Betriebe gleich alle Podestplätze. Dafür hapert es bei der Gourmet-Gastronomie. Mehr...

Der Graf verlässt das Niederdorf

Ein Zürcher Gastronomie-Profi tritt ab: Hanspeter Graf, Pächter des Hotels Hirschen, geht Ende Jahr in Pension. Mehr...

An der Langstrasse steht das nächste Traditionslokal vor dem Umbau

Die Olé-Olé-Bar war die letzte Konstante in der Gastro-Welt an der Zürcher Langstrasse. Die meisten Lokale wurden in den letzten zehn Jahren umgebaut oder wechselten den Besitzer. Eine Übersicht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...