Lokomotiven, die den Zug von hinten schieben

Comeback-Versuche, Überläufer, Ehemänner, Väter und viele prominente Hilfskräfte prägen die Parteilisten für die Gemeinderatswahlen. Nicht alle Wahllokomotiven wollen aber gewählt werden.

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1119 Personen figurieren auf den 101 Listen, die dem Stadtzürcher Wahlvolk am 9. Februar 2014 in den neun Wahlkreisen vorgesetzt werden. Ins Parlament kommen schliesslich 125. Es gibt also – wie so oft im Leben – mehr Verlierer als Gewinner. Wobei sich in diesem Fall auch Verlierer als Gewinner fühlen können. Doch dazu später.

Hier ein paar personelle Notizen zu den 101 Wahllisten. Interessant präsentiert sich der Anfang der SVP-Liste im heftig umstrittenen Wahlkreis 7 + 8. Es geht von Fehr (Urs) über Fehr Düsel (Nina) zu Düsel (Thomas). Letztgenannter ist tatsächlich der Ehemann der Stadtratskandidatin, die wiederum nicht verwandt oder verschwägert ist mit dem Spitzenkandidaten, sehr wohl aber mit SVP-Nationalrat Hans Fehr. Zur Orientierung: Auf einer Skala von 1 (linker SVP-Flügel) bis 10 (Super-Hardliner) sieht sich Nina Fehr Düsel bei 5, ihren Mann bei 6, Urs Fehr bei 7 oder 8 und ihren Vater bei 9 oder 10 Punkten.

Die SVP 7 + 8 hat turbulente Zeiten hinter sich. Einen Riesenkrach gab es, als Doyen Theo Toggweiler vor drei Jahren wieder für den Kantonsrat kandidierte, obwohl alle den Rücktritt des 74-Jährigen erwartet hatten. Er stand damit der 39-jährigen CVP-Überläuferin Susanne Brunner vor der Sonne, die wiederum Lorenzo Leutenegger, Ex-Bachelor und Sohn von FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger, von der Liste verdrängte. Gewählt wurde übrigens nur Rechtsprofessor Hans-Ueli Vogt – mit einer Stimme Vorsprung auf Brunner. Nun tauchen weder Toggweiler, Brunner noch Leutenegger junior mehr auf der Liste auf.

Im selben Kreis haben die Grünen alles aufgeboten, was sie haben. Prominenter als die Fraktionschefs im Nationalrat (Balthasar Glättli) und Kantonsrat (Esther Guyer) sowie Ex-Gemeinderatspräsident Christoph Hug geht es fast nicht mehr. Sie führen die Liste allerdings von unten an. Das heisst: Sie wollen gar nicht gewählt werden, sondern spielen Hingucker und Listenfüller. Hug unterstützt seine Tochter Christina, die zuoberst auf der Liste steht, und die Parteidissidenten, die ihr folgen: Ex-AL-Mann Peider Filli und Simon Kälin, der vor vier Jahren noch für die FDP ins Stadtparlament gewählt worden ist.

Nicht alle Helfer deklarieren ihr bestehendes Amt auf dem Wahlzettel, womit unklar ist, ob sie im Erfolgsfall die Wahl annehmen würden. Letzte auf der SP-Liste des Kreises 1 + 2 ist Partei-Co-Präsidentin Andrea Sprecher, die einst aus dem Kantonsrat abgewählt wurde. Jedidjah Bollag schaffte vor vier Jahren auf der SVP-Liste die Wahl und war der erste orthodoxe Jude im Gemeinderat. Er trat während der Legislatur zurück und taucht nun wieder auf der Liste auf. Kantonsrat Ralf Margreiter hilft seinen Grünen im Kreis 3 und Ratskollegin Gabi Petri ihrem Partner Markus Knauss im Kreis 4 + 5, wobei dieser noch lieber in die Stadtregierung gewählt würde. CVP-Alt-Gemeinderatspräsident Robert Schönbächler tut dasselbe wie Christoph Hug: Er hilft seinem Nachwuchs. Sohn Marcel will im Kreis 4 + 5 wiedergewählt werden.

Weitere kantonsrätliche Lokomotiven, die den Zug von hinten schieben wollen, sind Lorenz Habicher (SVP), Andreas Hauri (GLP), Res Marti (Grüne, alle Kreis 9), Eva Gutmann (GLP), Judith Stofer (AL, beide Kreis 10), Silvia Steiner (CVP), Peter Ritschard (EVP, beide Kreis 11), Hansruedi Bär (SVP) und Alma Redzic (Grüne, beide Kreis 12).

Andere Prominente versuchen ein Comeback. So will die frühere Gemeinderätin, Kantonsrätin und abgewählte Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber offenbar wieder in die Politik einsteigen. Sie versucht sich nach knapp zweieinhalb Jahren Politpause auf Platz 2 der Grünen-Liste im Kreis 9. Im Kreis 3 will es Preliczs Parteikollegin Claudia Gambacciani nochmals wissen. Vor einem Jahr war sie aus dem Kantonsrat zurückgetreten, weil sie eine längere Asienreise unternahm. Nun steigt sie wieder «unten» ein. Und der vor vier Jahren abgewählte EVP-Mann Richard Rabelbauer steigt im Kreis 3 als Spitzenkandidat in die Hosen, während Ehefrau und Parteipräsidentin Claudia Rabelbauer-Pfiffner im Kreis 10 am Listenkopf steht – im Kreis übrigens, in dem SVP-Fraktionschef Mauro Tuena seit langem wohnt und für den er nach vielen Jahren im Exil (Kreis 4 + 5) endlich antritt. Sozusagen im Listenexil befindet sich Andreas Kyriacou. Der Chef-Freidenker kandidiert auf der Liste der Piraten und Konfessionslosen, obwohl er immer noch Parteimitglied bei den Grünen ist.

Weitere auffällige Personalia: Alexander Peske tritt für die GLP im Kreis 1 + 2 an, nachdem er es 2011 bereits für den Kantonsrat versucht hatte. Peske war 1997 als 18-Jähriger illegal aus Tschetschenien in die Schweiz eingereist und wurde nach langem Hin und Her als Härtefall beurteilt. 2008 wurde er Schweizer und vermittelt inzwischen zwischen Russland und der Schweiz. Im selben Kreis zeichnet sich ein spannender Kampf zwischen zwei Heimatschützern ab, die wegen eines Hauskrachs in den Schlagzeilen standen. Es duellieren sich Anton Monn mit seiner Partei Aktion für humanen Städtebau und Eduard Guggenheim an der Spitze der AL-Liste. Im Wahlkreis 4 + 5 tritt Konfliktmanagerin Sefika Garibovic für die SVP an. Sie hatte sich auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit der Aussage «Ich bringe Carlos in einem Jahr ins Berufsleben» profiliert.

Fast schon zur Tradition gehört, dass sich Kulturschaffende für die AL engagieren. So tritt zum wiederholten Mal Filmregisseur Samir («Snow White») für die Alternativen an – im Kreis 6 gleich hinter Dokumentarfilmer Paul Riniker («Sommervögel») auf dem letzten Platz. Autor Stephan Pörtner («Köbi Krokodil») steht genauso auf der AL-Liste des Kreises 7 + 8 wie Schriftstellerin Iris Muhl («Drei Sommer wie ein Winter»). Und im Kreis 11 kann man Theaterregisseurin und Godard-Kennerin Laura Huonker («2 oder 3 Dinge, die ich über ihn weiss») wählen.

Erstellt: 19.12.2013, 14:10 Uhr

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