Luxusgeschäfte entdecken Alternative zur Bahnhofstrasse

Die Mietzinse an den Toplagen der Stadt Zürich sind kaum bezahlbar – internationale Ketten kommen, Boutiquen und Galerien ziehen weg. Zum Beispiel an den Talacker.

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Als das Traditions-Musikgeschäft Jecklin an der Sihlporte vor einem Jahr seine Türen schloss, wurden besorgte Stimmen laut, die das Verschwinden eines weiteren Fachgeschäfts aus der Innenstadt beklagten. Zu dieser Besorgnis besteht kein Grund, wie die neusten Entwicklungen zeigen.

Im Gegenteil: Der Talacker blüht auf. Gleichzeitig verändert die Bahnhofstrasse im Sog der Globalisierung ihr Gesicht. Im Gegensatz zu den internationalen Ketten können angestammte Fachgeschäfte die ausserordentlich hohen Mietzinse nicht mehr bezahlen und wandern in nahe Seitenstrassen ab. In der mittleren Bahnhofstrasse werden zum Teil Jahresmieten von über 7000 Franken pro Quadratmeter bezahlt.

Der Talacker ist einer der Profiteure dieser Entwicklung an der Bahnhofstrasse. Hier bewegen sich die Mietpreise zwischen 3000 und 4000 Franken, wie Bernhard Blum sagt, der Präsident der IG Pelikan. Wer mit dem 2er-Tram von der Sihlporte Richtung Paradeplatz fährt, dem fällt auf, dass die Strasse in den vergangenen Monaten neue Geschäfte angezogen hat. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Galerien und exklusive Designermodeläden, die meisten gehören zu einem hohen und höchsten Preissegment.

Geschäftsviertel mit Potenzial

Zum Beispiel die Dansk Møbelkunst Gallery, eine Mischung aus Galerie und Möbelladen. Zu kaufen gibt es dort rare dänische Designmöbel zu stolzen Preisen. 45'000 Franken kostet etwa ein Stuhl des Designers Paul Kjaerholm. «Wir wollten nicht an die Bahnhofstrasse ziehen», sagt Geschäftsführerin Dorte Slot, «die Talackerstrasse ist für uns der bessere Standort, weil sie zentral gelegen ist.» Man habe den Hauptsitz eigens von Kopenhagen an den Talacker verlegt, weil «wir als internationales Unternehmen so einen besseren Service und Kundennähe garantieren können». Die Strasse sei eine «Shoppingperle» mit Entwicklungspotenzial, sagt Slot. «Ich hoffe, es ziehen noch weitere Galerien hierher.»

Wenige Gehminuten vom Paradeplatz entfernt befindet sich das Kleidergeschäft DeeCee Style. Angeboten wird Freizeitmode für Männer. Im Sortiment finden sich japanischer Denim, handgefertigte Schuhe und exklusive Lederjacken. «Wir verkaufen keine gewöhnlichen Holzfällerhemden», sagt Stefan Baldesberger. Er sei seit mehr als einem Jahr an der Talackerstrasse und mit der Geschäftsentwicklung sehr zufrieden. «Die Bahnhofstrasse und das Niederdorf sind für Modebewusste keine Geheimtipps mehr.» Zwar verkehre hier weniger Laufkundschaft als an der Bahnhofstrasse, aber tauschen möchte Baldensberger trotzdem nicht. Am Talacker werde zwar weniger flaniert, dafür stimme der Ladenmix, «der Kunde kauft gezielt».

Diese Beobachtung macht auch Laurence Antiglio, die kürzlich ihr Modegeschäft Vestibule vom Niederdorf an die St.-Peter-Strasse/Ecke Talacker verlegt hat. Eine Handtasche kostet in ihrem Geschäft schnell über 2000 Franken. «Wir haben neue Kunden gewonnen, und die Stammkundschaft ist uns treu geblieben», sagt Antiglio. Ihr Ziel sei es nicht gewesen, ein Geschäft in der Nähe der Bahnhofstrasse aufzubauen. «Prestige nützt mir nichts», meint Antiglio, «wichtig ist das richtige Umfeld.»

Bahnhofstrasse wandelt sich

Markus Hünig, Präsident der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse, geht davon aus, dass der Talacker von der Nähe zur Bahnhofstrasse profitiert. Es freue ihn, wenn der Ladenmix an der Talackerstrasse attraktiver werde. Eine Konkurrenz zur Bahnhofstrasse sei sie aber nicht. Hünig weiss um die Vorwürfe, dass die teuerste Einkaufsmeile der Schweiz immer mehr veröde, ihre Individualität verliere und dadurch austauschbar werde. Die Entwicklung hin zu immer mehr internationalen Ketten könne er aber nicht stoppen. «Die Wirtschaft ist schnelllebig geworden. Auch an der Bahnhofstrasse findet eine Globalisierung statt.»

Trotzdem könne von einem Niedergang der Einkaufskultur in der City keine Rede sein. Hünig: «Das Gegenteil ist der Fall. Ich stelle eine Zunahme des Detailhandels und der Gastronomie in dieser Stadt fest.» Löwen- und Sihlstrasse, der Rennweg, Ober- und Niederdorfstrasse, Strehl-/Storchengasse, die Talackerstrasse und das Limmatquai hätten sich zu spannenden Einkaufsgebieten entwickelt. «Hier blühen neue Branchen auf.»

Dass die Bahnhofstrasse für renommierte Markenanbieter heute nicht mehr die erste Adresse ist, weiss Andreas Zürcher. Der Geschäftsführer der City Vereinigung stellt eine Verlagerung fest. An der Bahnhofstrasse werde es in den nächsten Jahren wegen der kürzeren Fristen der Mietverträge zu bedeutend mehr Geschäftswechseln kommen. «Die Standorttreue der Geschäftsinhaber ist rapide gesunken.» Blumenhändler zum Beispiel, die weniger Umsatz generieren als Textilläden, dürften in absehbarer Zeit von der Bahnhofstrasse verschwinden. «Von diesem Effekt profitieren Strassen wie der Talacker.»

«Filialisierte Bekleidungscity»

Eine Prognose über die weitere Entwicklung der Bahnhofstrasse will Zürcher nicht wagen. Eine Studie der Zürcher Stadtentwicklung war Ende 2008 zum Schluss gelangt, dass wegen der Renditeüberlegungen zunehmend Kleidung und Gastronomie im Zentrum der Stadt eine Hauptrolle spielen und damit der Branchenmix schlechter würde. «Es besteht die Gefahr, dass sich die vielseitige, historisch gewachsene Innenstadt zu einer filialisierten Bekleidungscity entwickelt», lautete das Fazit. Andreas Zürcher teilt diese Einschätzung. «Das kann passieren. Dann unterscheidet sich Zürich kaum mehr von anderen europäischen Städten wie Wien, Paris oder Rom.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2011, 23:19 Uhr

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Die Bahnhofstrasse links liegenlassen: Schaufenster einer neuen, edlen Kleiderboutique am Talacker. (Bild: Doris Fanconi)

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