Luxuslimousine statt Biogemüse in der Markthalle

Die Markthalle wird zur Eventhalle: Ein Hersteller von noblen Autos präsentiert zwischen den Delikatessenläden vier Tage lang sein neustes Modell. Das weckt Kritik.

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Die Markthalle hat in diesen Tagen ein neues Gesicht erhalten: Zwischen Käse, Wein, Teigwaren, Brot und Fleisch preist Mercedes seine neuen Luxuslimousinen an. In der ganzen Halle verteilt, stellt der Autohersteller Fotos aus, mitten in der Halle thront für die Gäste eine Bar aus Chromstahl, die für einen Energy-Drink wirbt. Noch vor wenigen Monaten verkaufte genau an dieser Stelle ein Laden Biogemüse.

Mercedes schwärmt in den Werbeunterlagen zum Anlass von der «aussergewöhnlichen Location». Und lädt bei der «Exhibition» in Zürich zur unvergesslichen und atemberaubenden Probefahrt. Das Unternehmen lockt die Kunden mit weiteren Superlativen in den Kreis 5. «Lass dich vom fachkundigen Personal zu Technik, Design und dem einzigartigen Fahrerlebnis beraten und tauche ein in die multimediale Welt des neuen GLA», steht in der Einladung.

«Der Gipfel der Misere»

Nichts von der Veranstaltung hält Matthias Pilliod von der Weinhandlung Südhang – für ihn ist sie eine Frechheit. «Ich bin Mieter in einer Markthalle und nicht in einer Marketinghalle», sagt er. Der Anlass habe nichts mit der Idee der Markthalle zu tun und trage darum auch nichts zu ihrem Renommee bei. Die Zulassung eines solchen Anlasses sei Ausdruck der Strukturlosigkeit der Halle. «Ich hoffe, wir haben damit den Gipfel der Misere erreicht und die Vermieterschaft wird sich endlich ihrer Verantwortung gegenüber ihrem Projekt bewusst.»

Kritik hat Pilliod bereits vor knapp einem halben Jahr geäussert, als der Bachser Märt mit seinem Angebot an Gemüse und Obst in Bioqualität sowie ein Blumenladen ausgezogen waren. Immer mehr Verpflegungsstände hätten sich eingemietet und den Ort zu einer Fresshalle gemacht.

3 von 14 Geschäften waren dagegen

Für die Vermieterin der Halle ist der Event mit dem Autohersteller ein Testlauf. «Das Echo auf die Öffnung für einen rein kommerziellen Veranstalter werden wir auswerten», sagt Daniel Bollhalder von der Stiftung PWG zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen in der Stadt Zürich. Alle Mieter seien im Voraus um ihre Meinung angefragt worden, von den 14 Geschäften hätten sich nur 3 dagegen ausgesprochen.

Die Mieter würden vom viertägigen Event auch profitieren, sagt Bollhalder. Die Veranstaltung rund um das Auto locke Kunden in die Halle, die noch nie dort eingekauft hätten. Heute Abend könnten diese Geschäfte 200 Gäste des Anlasses exklusiv bewirten. Und die Mieteinnahmen des Events würden fürs Marketing der Markthalle eingesetzt. Wobei der Mietzins für Mercedes nicht hoch sei, die Firma sei ein ganz normaler Mieter, sagt Bollhalder.

Bollhalder räumt ein, dass sich die Markthalle seit der Eröffnung stark verändert habe. Von der ursprünglichen Idee, einen Markt mit frischen Waren an sechs Tagen zu je zwölf Stunden zu betreiben, sei man abgekommen. Die Halle habe sich den Bedürfnissen der Kundschaft angepasst. Darum habe sie sich mehr und mehr zu einem Lifestyle-Ort und einer Spezialitäten- und Gourmethalle entwickelt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2014, 16:08 Uhr

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