Männerdominierte IT? Nicht ganz

An Hackathons ist das männliche Geschlecht meist in der Überzahl. Nicht so am Hack 'n' Lead – weil die Voraussetzungen frauenfreundlich waren.

Das Teilnehmerfeld des ersten frauenfreundlichen Hackathons in der Schweiz war vorwiegend weiblich.

Das Teilnehmerfeld des ersten frauenfreundlichen Hackathons in der Schweiz war vorwiegend weiblich. Bild: PD

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Ein Blick in IT-Abteilungen: vorwiegend Herren. Nerds: männlich. Teilnehmer an Hackathons: ausschliesslich Bart- oder Brillenträger, denn das nächtelange Tüfteln an datenbasierten, technischen Lösungen scheint dem männlichen Geschlecht mehr zu liegen als dem weiblichen. Doch der Schein trügt. Es gibt stetig mehr Frauen, die über das technische Wissen verfügen und es anwenden wollen – doch die Rahmenbedingungen müssen auf sie zugeschnitten sein.

Das zeigen die Zahlen von Hack 'n' Lead, dem ersten frauenfreundlichen Hackathon in der Schweiz, der am vergangenen Wochenende im Kraftwerk in Zürich stattfand. 82 Frauen und 18 Männer nahmen daran teil. 15 Teams arbeiteten an 5 Challenges, für die Zurich-Versicherung unter anderem an digitalen Helfern für den passenden Versicherungsschutz, für Thomson Reuters an einer Browser-Erweiterung, die vertrauenswürdige Nachrichten fördert.

Lernort mit Yoga und Gemüse

Um Teilnehmende mit Familie anzuwerben, wurden insbesondere die Anwesenheitszeiten angepasst. Statt über die Nacht dauerte der Anlass samstags wie sonntags von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr. Für die Kinderbetreuung war gesorgt und für den nötigen Nachwuchs in der Branche auch. Alle Kinder ab 4 Jahren – egal, ob Mädchen oder Knabe – erhielten pro Tag zwei Stunden Einführung ins Programmieren. Ganz auf Frauen zugeschnitten war das Drumherum. Es gab gesundes Essen und für die Regeneration von Körper und Geist Yoga-Sessions.

Eindrücke vom ersten frauenfreundlichen Hackathon in Zürich. Quelle: Zurich-Versicherung

Beim Tüfteln selber stand nicht allein die Leistung im Vordergrund, denn gerade der naturwissenschaftlich-mathematische Bereich gilt als kompetitiv. Das zieht Männer schon im Knabenalter an und schreckt Mädchen ab, wie eine Studie im neusten Bildungsbericht zeigt. Co-Organisatorin Elizaveta Semenova (32), die selber schon an mehreren Hackathons teilgenommen hat, sagt: «Es sollte explizit kein Event werden, an dem es nur um Wettbewerb geht.»

Lernen war beim Hack 'n' Lead beispielsweise ein wichtiger Bestandteil. Nicht nur Teilnehmer mit vielen Jahren Erfahrung wurden akzeptiert, sondern auch eine Anzahl Anfänger. Aus der Sicht von Aleksandra Sokolowska (26), Gründerin von der veranstaltenden Organisation Women ++, ist es heute einfach, sich das entsprechende Wissen mit Online- oder Teilzeitschulungen zu erwerben. Sie sagt: «Zentral ist, dass sich viele Frauen mit künstlicher Intelligenz und Blockchain beschäftigen und zu den Entwicklungen beitragen, denn sie werden die Welt, wie wir sie kennen, vollständig verändern.» Zudem stand jeweils zwei Teilnehmern ein Mentor oder eine Mentorin zur Seite.

Und immer die eine Frage

Dem eigentlichen Anlass ging eine Vorbereitungsveranstaltung mit technischen Workshops voraus, unter anderem zum Thema Blockchain oder Pitchen. Interessierte konnten zudem Fragen zum Ablauf des Hackathons stellen. Und sie nutzten die Gelegenheit. «Viele Frauen wollten wissen, ob sie qualifiziert genug seien», sagt Semenova. Zudem sollte der Anlass den Teilnehmerinnen Gelegenheit bieten, gleichgesinnte Frauen kennen zu lernen und Kontakte zu knüpfen.

Beworben wurde der Anlass, das sei hier nachgereicht, ausschliesslich in technikaffinen Frauennetzwerken. Die Organisatorinnen suchten schliesslich jene 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus, die in möglichst vielen technischen Bereichen fachkundig waren. Ein zu grosser Männeranteil hätte wohl auch ein weiteres Ziel des Anlasses torpediert, Frauen für eine Führungsposition in der Branche zu begeistern. Gemischte Teams, so die Überzeugung der Organisatorinnen, seien auch in der Technologiebranche erfolgreicher. Sokolowska sagt: «Und immer mehr Frauen spielen mit dem Gedanken, in die Techbranche zu wechseln.»

Der Versicherungskonzern Zurich geht dabei mit gutem Beispiel voran. Die Hälfte der weltweiten Belegschaft sind Frauen. Der Anteil der Frauen in der Konzernleitung beträgt 27 Prozent. Damit erfüllt der Konzern als einziges von 20 Schweizer SMI-Unternehmen den Geschlechterrichtwert, den der Nationalrat vergangene Woche festgesetzt hat.

Tiefer Frauenanteil in der Branche

Beim Frauenanteil hat die ICT-Branche gerade im Kanton Zürich Optimierungspotenzial. Im Vergleich mit allen Branchen, wo Frauen 45 Prozent aller Beschäftigten ausmachen, liegt der Frauenanteil in ICT-Unternehmen im Kanton Zürich bei 23 Prozent, bei IT-Dienstleistungen gar bei 21 Prozent, wie eine Untersuchung des kantonalen ICT-Clusters zeigt. Dies ist deshalb brisant, weil ein Viertel aller ICT-Unternehmen landesweit 2015 ihren Sitz im Kanton hatten, mehr als ein Drittel aller ICT-Beschäftigten arbeiten rund um die Stadt Zürich, und sie generieren mehr als 30 Prozent der Wertschöpfung.

Frauenanteil nach Firmengrössenklasse und Teilmarkt IT-Dienstleistungen Kanton Zürich, ICT Cluster, 2015

Quelle: BFS (STATENT), Auswertung: Statistisches Amt Kanton Zürich

Gemäss Bericht ist der Frauenanteil vor allem in mittleren und grossen Firmen mit mehr als 50 Beschäftigten stagnierend tief. Weniger als 10 Prozent der neuen ICT-Firmen werden zudem von Frauen gegründet.

Hack 'n' Lead führte zu 16 innovativen Projekten. Co-Organisatorin Aleksandra Sokolowska sagt: «Da die Schweiz und Zürich mit der wachsenden Nachfrage nach ICT-Spezialisten nicht mithalten kann, lohnt es sich, in diese stark motivierte und wachsende Gruppe zu investieren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2018, 11:21 Uhr

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