Mahlen, wo gebacken wird

Einer der letzten Zeugen des Zürcher Industriequartiers hat eine Aufstockung auf 118 Meter verdient. Wer beim Swissmill-Silo von einem Lagerhaus spricht, verkennt die Fakten.

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Es rattert und zischt, vibriert und schüttelt, riecht nach Getreide, das unablässig durch ein Wirrwarr unzähliger Röhren schiesst. Die Mühle am Sihlquai ist eine grosse Fabrik. Mit der benachbarten MAN-Turbo eine der letzten in der Bankenstadt Zürich. Betreiberin Swissmill will nun das bestehende, rund 40 Meter hohe Silo auf 118 Meter aufstocken. Ob die Coop-Tochter das zweitgrösste Hochhaus nach dem Prime Tower (126 Meter) bauen darf, entscheidet das Volk nächstes Wochenende an der Urne.

Der Ausbau des Kornhauses im Industriequartier ist nötig, weil Swissmill in Basel Lagerkapazitäten abgebaut und nur teilweise ersetzt hat. Und weil über die letzten Jahre die Produktepalette immer grösser wurde, die Qualitätsansprüche stetig gewachsen sind. Heute freuen sich die Zürcherin und der Zürcher über Weizenbrot, Leinsamenbrot, Sojabrot, Roggenbrot, Dinkelbrot, Kleiebrot. Rund 70 verschiedene Sorten führt zum Beispiel Coop in seinem Sortiment. Und das Gesetz schreibt vor, dass die Herkunft der Zutaten, welche fürs Backen verwendet werden, stets rückverfolgbar ist. Der Nahrungsmittelkontrolleur will wissen, wo das Getreidekorn lagerte, welches später zu Brot weiterverarbeitet wurde. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, befinden sich im Innern des Kornhauses 45 Silozellen und jede Menge Rohre und Maschinen. Hier wird verteilt, gesäubert, gemischt und gemahlen. Wer also von einem Lagerhaus spricht, verkennt die Fakten.

Industriebetrieb mit Tradition

Dass so ein Betrieb nicht ohne weiteres den Standort wechseln kann wie eine Anwaltskanzlei, ist logisch. Aber selbst wenn ein Umzug möglich wäre, dürfte Zürich kaum daran interessiert sein. Die Mühle produziert seit 1843 am Limmatufer, liefert Steuern ab und beschäftigt heute 75 Mitarbeiter. Als Industriebetrieb trägt sie dazu bei, dass die Zürcher Stadtkasse nicht allein von Finanzdienstleistern abhängig ist. Die Abläufe bei der Swissmill entsprechen den hohen ökologischen Anforderungen der Stadt, namentlich der anvisierten 2000-Watt-Gesellschaft. Die Tageslieferungen an Getreide erfolgen ausschliesslich mit der Bahn – die dafür notwendigen Gleise sind so ganz nebenbei eine sympathische Skurrilität im boomenden Kreis 5. Einen Grossteil des Mehls transportieren Lastwagen zu den Produktionsstätten. Diese Fahrten werden aber nicht zunehmen.

Bleibt also noch die Optik. Denkmal- und Grundwasserschutz zwingen die Swissmill, auf dem bestehenden Silo in die Höhe zu bauen. Dabei entsteht ein schlanker Turm, der ab 16 Uhr einen wandernden Schatten auf die Badeanstalt Unterer Letten werfen wird. Der Ärger der Gegner darob ist nur teilweise verständlich. Natürlich stört es den Sonnenhungrigen, wenn ein dunkles Band über seine Matte zieht. Fakt ist aber auch, dass die Badi Unterer Letten vor allem von Menschen besucht wird, die den Schatten suchen. Nie wäre jemand in den letzten Jahrzehnten auf die Idee gekommen, die massiven Bäume dort fällen zu wollen.

Ein Hochhaus der anderen Art

Bei der Abstimmung über den privaten Gestaltungsplan geht es um eine Güterabwegung. Was ist höher zu gewichten: Quartierinteressen oder das Interesse der Stadt, einem ihrer letzten Industriebetriebe, der grössten Mühle der Schweiz, ein langfristiges Fortbestehen am etablierten Standort zu ermöglichen? Die Gegner des Silos sollten über ihren Schatten springen. Es ist ein Segen, dass die Stadtmühle vor über 150 Jahren ihren Betrieb am Sihlquai aufgenommen hat. Kein Stadtteil verändert sich heute spannender. Ein weiteres Hochhaus, für einmal ohne Grossraumbüros und Luxusrestaurants, passt hervorragend in das alte, neue Industriequartier.

Erstellt: 04.02.2011, 23:05 Uhr

Sauberes Mehl aus einer modernen Anlage: In der Swissmill. (Bild: Sabina Bobst)

Abstimmung vom 13. Februar

Die Swissmill, eine Tochter des Gross-verteilers Coop, plant am Sihlquai die Aufstockung ihres bestehenden Silos um 80 Meter auf 118 Meter. Gegen den im Stadt- und Gemeinderat breit abgestützten privaten Gestaltungsplan haben die Quartiervereine Wipkingen, Industrie und die IG Unterer Letten zusammen mit der AL das Referendum ergriffen.

Die Gegner sprechen von einem unnötigen Koloss, der eine schützenswerte Landschaft beeinträchtige. Sie zweifeln an der Richtigkeit der Aussage, dass dank der Swissmill Mehl dort gemahlen wird, wo es verbraucht wird. Zum überparteilichen Pro-Komitee gehören Vertreter der Sozialdemokraten, SVP, FDP, CVP, EVP, der Grünen und der Grünliberalen.

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