Mal bei Hollywoodstars, heute im Hallenstadion

Hundetrainer Cesar Millan zeigt, wie man selbst aggressive Vierbeiner in den Griff bekommt. Setzt er dazu Würge- und Stachelhalsbänder und Elektroschocks ein, wie im Gegner vorwerfen?

«Ein Hund gehorcht nur einem ruhigen, selbstbewussten Rudelführer»: Millan mit Rudel in Los Angeles. Foto: Evan Hurd (Alamy)

«Ein Hund gehorcht nur einem ruhigen, selbstbewussten Rudelführer»: Millan mit Rudel in Los Angeles. Foto: Evan Hurd (Alamy)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Film mit Robert Redford ist weltberühmt. Er zeigt, wie ein Cowboy in Montana ein schwer traumatisiertes Pferd kuriert, indem er, ohne Gewalt anzuwenden, mit ihm arbeitet. Der Pferdeflüsterer wurde damit zum Synonym für eine sanfte Tiererziehung, eine Erziehung, die nicht darauf basiert, den Willen des Wesens zu brechen, sondern auf Kooperation setzt. Nicht nur Pferde sprechen auf diese Behandlung an. Deshalb gibt es mittlerweile kaum ein Tier, das nicht mit Flüstern geheilt werden kann; und selbstverständlich gibt es auch einen Hundeflüsterer. Schliesslich sind viele Hunde schlecht erzogen oder verhaltensgestört.

Mit solchen Tieren befasst sich Cesar Millan, der berühmteste Hundeflüsterer der Welt. Selbst Hollywoodstars vertrauen ihm ihre Vierbeiner an, wenn ihnen ihre Chihuahuas, Chinesischen Faltenhunde oder Bullterriers nicht mehr gehorchen und zur Plage werden. So geschehen bei Oprah Winfrey und Mark Zuckerberg. Wie er mit Hunden trainiert, zeigt Millan in seiner eigenen Fernsehserie «The Dog Whisperer». Auf Youtube erklärt er seine Methoden.

Wenn der Hund dominiert

Das geht so: Golden Retriever gelten grundsätzlich als ruhige, aufmerksame und nicht aggressive Haushunde. Sie brauchen viel Bewegung und Training. Und sie lieben das Wasser. Durch Fehlerziehung können sie aber auch anders – sogar gefährlich werden. Der Golden Retriever in Millans Youtube-Beitrag dreht durch, sobald er Wasser sieht. Wenn sich sein Besitzer im Swimmingpool mit seinem Sohn aufhält, stürzt sich das Tier wie eine Furie ins Wasser und gefährdet das Leben des Knaben. Was macht der Hundeflüsterer? Er knöpft sich den Hundebesitzer vor. «Ich sollte die Hunde trainieren, aber dann trainiere ich die Menschen und rehabilitiere die Hunde», sagt Millan.

Das macht er auch mit dem wasser- verrückten Golden Retriever. Das Problem, sagt Millan, liege bei der verkehrten Rollenverteilung. «Nicht der Besitzer dominiert den Hund, sondern umgekehrt.» Der Besitzer des Golden Retrievers hat es verpasst, seinem Liebling Grenzen zu setzen, deshalb war er in der Nähe des Wassers nicht mehr zu bremsen: «Wenn Menschen ihre Tiere zu sehr vermenschlichen, nehmen die Hunde ihre Besitzer nicht mehr als ‹Rudelführer› ernst und entwickeln Verhaltensstörungen.»

Wie Millan arbeitet. (Youtube / Cesar Millan Deutschland)

Beispielloser Aufstieg

Ein Hundeflüsterer zu werden, ist offenbar keine Hexerei. Millan hat nicht einmal eine Ausbildung. Seine Karriere wird in den Medien oft wie ein modernes Märchen erzählt. In Mexiko aufgewachsen, lebte er auf einer Farm mit vielen Tieren. Zu Hunden hatte er immer schon einen besonderen Draht. Als Kind bewunderte er Lassie und träumte davon, nach Amerika zu gehen, wo Lassies tolle Trainer leben mussten. Mit 21 Jahren machte er seinen Traum wahr. Es gelang ihm, illegal über die Grenze nach Kalifornien einzureisen. Ohne Beruf und ohne Geld.

In Los Angeles fiel er auf, als er mit grossen Hunden ohne Leine durch ein Viertel spazierte, das von Gangs beherrscht war. Er kümmerte sich um die schlimmsten Fälle, die alle anderen aufgegeben hatten, vor allem Rassen, die einen schlechten Ruf haben, wie Rottweiler, Pitbulls und Schäferhunde. Sein Credo: «Ein Hund gehorcht nur einem ruhigen, selbstbewussten Rudelführer.»

Das machte Eindruck und war der Anfang seines beispielhaften Aufstiegs als Hundetrainer. Er bekam eine eigene Fernsehshow: «The Dog Wisperer», dann «Leader of the Pack», zuletzt «Cesar 911», die ein Millionenpublikum begeistern. Inzwischen werden diese Shows rund um den Globus ausgestrahlt. Dazu kommen sechs Bücher und eine eigene Zeitschrift. Kurz: Millan hat sich nicht nur als Hundeflüsterer, sondern auch als Showgrösse etabliert.

Doch der 44 Jahre alte Millan, mit grau melierten Haaren, hat nicht nur begeisterte Fans. Der untersetzte, leicht bullige Mann und seine Erziehungsmethoden sind bei Tierschützern umstritten. Seine Gegner werfen ihm den Einsatz von Würge- und Stachelhalsbändern und Elektroschocks vor. Zudem soll er gelegentlich Hunde brutal in den Bauch treten. Der Schweizerische Tierschutz hat sogar beim Veterinäramt des Kantons Zürich einen Antrag auf Auftrittsverbot eingereicht. Es wurde abgelehnt mit der Begründung, Shows seien nicht bewilligungspflichtig und der Kanton könne kein Auftrittsverbot aussprechen.

Überforderte Städter

Die Kritik der Tierschützer lässt Millan kalt. Er ist soeben mit seiner Show durch mehrere deutsche und österreichische Städte getourt und hat dabei positives Echo ausgelöst. Sieht man sich die aktuellen Reaktionen auf seine Show in der Presse an, dann scheint die Sache nicht mal halb so schlimm zu sein. Die «Süddeutsche» schreibt: «Die Cesar-Millan-Show ist keine Dressurnummer – jeder Kindernachmittag im Zirkus ist dagegen eine Orgie der Gewalt.»

Was Zürcher Hundehalter zu Millan sagen. (Video: Anja Metzger)

Offenbar trifft der Hundeflüsterer den Nerv der Zeit: Immer mehr Menschen wohnen in Städten und halten einen Hund. Das Haustier wird für manche ein Mittel gegen Einsamkeit, Kindersatz, Spielgefährte, Begleitung auf Spaziergängen. Viele Hundebesitzer wissen indes nicht mehr, wie sie ihren Tieren das Bellen, Beissen und Betteln abgewöhnen können. Der Hundeflüsterer hilft ihnen, diese Probleme zu lösen. Deshalb tritt er dort auf, wo sonst in Zürich die Rockbands einheizen: im Zürcher Hallenstadion. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2014, 20:38 Uhr

Sie hassen oder sie lieben ihn

Der Hundetrainer Cesar Millan polarisiert – auch in Zürich. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat mit Kritikern und Fans gesprochen.

Nicht nur zur Kinder-, auch zur Hundeerziehung gibt es viele verschiedene Ansichten. Cesar Millan, der heute Abend im Hallenstadion seine Show zeigt, polarisiert die Hündeler. Einige bewundern ihn für seine natürliche Autorität, andere würden seine Auftritte am liebsten verbieten.

Eine seiner Kritikerinnen ist Bettina Stemmler. Die Hundetrainerin und Psychologin hat die «Initiative für gewaltfreies Hundetraining» ins Leben gerufen. Sie findet, Millans Methoden sollten keine Bühne gegeben werden. «Seine Internetvideos zeigen, dass er mit Würge-, Stachel- und Elektroschockhalsbändern und Fusstritten arbeitet.» Auch wenn er bei seinem Auftritt in Zürich darauf verzichte, sei anzunehmen, dass Hunde­halter sein Verhalten imitieren.

Auch Barbara Fehlbaum hält Methoden, die beim Tier Schmerzen und Angst auslösen, nicht für sinnvoll. Die Präsidentin von Vieta, dem Verband der ­diplomierten tierpsychologischen Beraterinnen und Berater, sagt: «Wenn mein Hund andere Hunde anbellt, gebe ich ihm keinen Fusstritt, sondern stelle mich dazwischen. So gebe ich ihm das Signal, dass ich Verantwortung übernehme.» Hunde brauchen Führung, so Fehlbaum. Darin sieht sie auch eine von Millans Stärken: «Er vermittelt den Hunden klar, dass er der Chef ist.»

Begeistert von Millan sind die Besucherinnen der Hundeschule Betzholz in Hinwil im Zürcher Oberland. Laura Knappe aus Bubikon stellt Millan ein gutes Zeugnis aus: «Er kann die Hunde gut einschätzen und weiss, wann er durchgreifen muss.» Hundebesitzerin Claudia Covello ist Fan: «Ich freue mich auf die Show.» Sie kennt Millans Methoden aus dessen TV-Sendung und sagt, sie habe selbst schon davon profitiert. (Mirjam Fuchs)

«Solange ich selbst nichts Schlimmes sehe, bin ich Fan von Cesar Millan»: Claudia Covello in der Hundeschule Betzholz. Video: Anja Metzger

Artikel zum Thema

Der umstrittene Hundeflüsterer darf auftreten

Obwohl er bei der Hundeerziehung fragwürdige Methoden einsetzt, darf Cesar Millan im Oktober im Hallenstadion auftreten. Das Veterinäramt wird den Auftritt aber beobachten. Mehr...

Flüsterer oder Quäler?

Der berühmte amerikanische Hundetrainer Cesar Millan sorgt mit seinem geplanten Auftritt im Zürcher Hallenstadion für Empörung. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Spiel zwischen Mauern: Palästinensische Buben spielen in einem verlassenen Gebäude in Gaza Stadt. (21.Juni 2018)
(Bild: Mohammed Salem) Mehr...