«Man glaubte mir erst, als ich eine Kurzhaarfrisur trug»

Zwei Frauen verfassen eifrig Blogeinträge für eine tolerantere Welt – und mehr weiblich wirkende Lesben.

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Schicke, weibliche Lesben? Zwei junge Frauen unterhalten eine Internetplattform zu diesem Thema und nehmen die hiesige Frauenszene unter die Lupe. Chantal Genoud und Manuela Binggeli schreiben über Ausgehtipps, knutschende Heteras, das richtige Shampoo – und gegen Vorurteile. Wir trafen die beiden Bloggerinnen an einem kalten Freitagmorgen in einer Bar nahe des Hauptbahnhofs. Die Frauen warteten zeitig. Intoleranz, erzählten sie, gebe es nicht nur ausserhalb der Lesbenszene. Sondern auch innerhalb.

Mit Ihrem Blog «lesbian chic» wollen Sie weiblich wirkenden Lesben eine Stimme geben. Warum ist das nötig?
Chantal Genoud: Die Lesbenszene ist nach wie vor von Codes beherrscht. Als ich mit 16 das erste Mal in die Kanzlei an eine Frauenparty ging, hatte ich lange Haare. Niemand nahm mir die Lesbe ab. Man glaubte mir erst, als ich eine Kurzhaarfrisur und Männerkleider trug. Wir werben mit unserem Blog für Vielfältigkeit und Toleranz sowohl innerhalb wie auch ausserhalb der Lesbenszene. Wir wollen unser Image neu definieren, weil das gesellschaftliche Bild immer noch stark von der männerhassenden Lesbe geprägt ist. Eine Frau im Karohemd . . .

Manuela Binggeli:. . . die Bier trinkt, mit dem Lastwagen vorfährt und rülpst. Als Erstes muss sich dieses Vorurteil innerhalb der Lesbenszene ändern. Wir können ja nicht Toleranz verlangen, wenn wir selber nicht tolerant sind. Wenn wir der Gesellschaft zeigen, dass es uns eben auch gibt, dann können wir dazu beitragen, dass sich das doch sehr einseitige Bild von frauenliebenden Frauen in der Gesellschaft und in der Szene ändert. Die Zeit ist reif dafür.

Wie ist denn eine «feminine Lesbe»?
Genoud: Eine feminine Lesbe unterwirft sich keinem vorgefassten Rollenbild. Sie ist selbstbewusst und authentisch. Sie definiert ihre eigene Weiblichkeit und steht zu ihrer Schönheit.

Binggeli: Und zu ihren Kurven.

Liegt diese Feminisierung der Lesben im Trend?
Binggeli: Wir stellen fest, dass im Vergleich zu früher 15- bis 18-jährige Lesben viel mehr zu ihrer Weiblichkeit stehen.

Genoud: In der früheren Emanzipationsbewegung brauchte es solche Geschlechtercodes, um sich abzugrenzen, um eine Art Kampfstellung einzunehmen. Je mehr Lesben aber in der Gesellschaft toleriert sind, desto weniger ist es nötig, sich Codes zu unterwerfen.

Weshalb, Manuela Binggeli, tragen Sie denn kurze Haare?
Binggeli: Wie gesagt, für uns sind nicht alle langhaarigen Lesben per se feminin. Ich trug immer lange Haare, bis vor einem Monat. Auch ich wurde an jeder Lesbenparty gefragt: «Aha, welches ist dein bester schwuler Freund?» Heute nicht mehr.

Sie raten also allen Lesben dazu, sich möglichst weiblich zu stylen?
Binggeli: Ganz und gar nicht. Wir sagen nicht, dass alle Lesben feminin werden müssen. Wir sagen bloss, dass es Toleranz braucht.

Genoud:Wir wollen keine Zwänge mehr. Ob chic oder nicht – jede soll selber entscheiden dürfen.

Wie erlebten Sie die Intoleranz ausserhalb der Homo-Szene?
Genoud:Wenn ich mit meiner Freundin Hand in Hand unterwegs bin und eine Gruppe Männer nähert sich, dann lassen wir uns los. Auch hören wir oft: «Wääh. Lesben.» Kürzlich kam es bei einer Kollegin von mir sogar zu einem Handgemenge. Sie und ihre Freundin wurden von zwei Männern bedrängt. Die Polizei musste einschreiten. Auch hört man, dass im Niederdorf Angriffe gegen Schwule zugenommen haben.

Binggeli:Männer rufen uns «Muschileckerinnen» zu oder solche Dinge. Meiner Meinung nach bewegt sich die öffentliche Meinung auf die Extreme zu. Auf der einen Seite gibt es Leute, die mit Homosexuellen absolut kein Problem haben. Und dann solche, die total homophob sind.

Muss man als Lesbe bis zu einem gewissen Grad auch politisch sein?
Genoud: Für mich ganz klar ja. Feminismus ist ein Kernwert von «lesbian chic». Wir sind als Frauen und als Lesben noch lange nicht gleichberechtigt. Natürlich ist die Gesellschaft heute toleranter, doch die Stimmung kann sich noch verbessern – aber leider auch jederzeit kippen.

Wieweit prägen Serien wie «L Word» heute das Coming-out junger Frauen?
Genoud: Ich befürworte solche TV-Rollen, weil Lesben in den Medien immer noch untervertreten sind. Doch die Frauen dort sind auch nur ein Bild, das sich irgendwelche Marketingexperten ausgedacht haben. Die Serie «L Word» bedient sich ebenso starrer Codes: Dort sind die gezeigten Lesben zwangsläufig gestylt und hip.

Binggeli:Die Serie zeigt nicht das reale Leben. Junge Lesben, die zum ersten Mal ausgehen, merken das schnell.

Sie werben für mehr Toleranz homosexuellen Frauen gegenüber, bedienen sich im Blog aber selbst Bezeichnungen wie Lipstick-Lesbe, Drogen-Lesbe oder Mainstream-Lesbe. Das ist ein Widerspruch.
Genoud: Das ist eben kein Widerspruch, sondern zeigt auf, welche verschiedenen Formen von Lesben es gibt – und wir haben nur eine kleine Auswahl davon genannt.

Welcher Typ Lesbe sind denn Sie?
Binggeli: Ich lasse mich in keine Schublade stecken. Ich bin Pro-Individualität.

Genoud: Ich bin eine weibliche Lesbe, doch sehr dynamisch und dominant. Oft werden meine Freundin und ich gefragt, wer der Mann und wer die Frau in unserer Beziehung sei. Dabei haben wir Lesben genau die Möglichkeit, solche Rollen zu durchbrechen.

Binggeli: So eine Frage kann nur von Heterosexuellen kommen. Das ist, weil sie zu wenig über uns wissen und in ihrem Rollendenken zu festgefahren sind. Würde man Ehepaare nach ihrer Rollenverteilung befragen, verhielte sich bei vielen auch der Mann nicht mehr als Mann im klassischen Sinne.

Die heterosexuellen Frauen kommen im Blog eher schlecht weg.
Binggeli: Nein, nicht die Heteras, sondern die Modelesben. Diese verhalten sich lesbisch, weil sie auf Partyfotos abgelichtet werden oder Männer anmachen wollen. Sie begreifen nicht, dass Lesbischsein viel mehr bedeutet, als nur mit Frauen zu schlafen.

Gleichzeitig geben Sie auf Ihrem Blog explizite Tipps, wie man am besten eine Hetera verführt.
Genoud: (lacht) Dass «lesbian chic» die Texte häufig mit Ironie, Witz und Sarkasmus würzt, ist unser Markenzeichen. Unsere Leserinnen sind sich dessen sicherlich bewusst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2010, 22:55 Uhr

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