«Man muss über Opfer, nicht nur über die Täter reden»

Wie das neue Opferhilfegesetz die Sicht auf Betroffene veränderte – und ihnen neue Rechte einräumte.

Es dreht sich nicht mehr alles um den Täter: Im September 2013 fand in Lausanne ein Trauermarsch für drei Mordopfer statt. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Es dreht sich nicht mehr alles um den Täter: Im September 2013 fand in Lausanne ein Trauermarsch für drei Mordopfer statt. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Es ist Herbst 1977, als Adelheid R. zu Hause in ihrem Bett von einem vorbestraften Mann überfallen wird. Er schlägt mit einer Eisenstange auf sie ein, verletzt sie schwer. Adelheid fällt ins Koma. Nach mehreren Tagen wacht sie wieder auf, doch für die Frau ist nichts mehr wie zuvor. Sie wird nie wieder Vollzeit arbeiten können, lebt auf dem Existenzminimum, hat psychische und physische Schmerzen. Aussicht auf eine Entschädigung gibt es kaum.

Ähnlich geht es 1980 den Eltern von Monika F. Die 17-Jährige war beim Baden mit ihrem Freund, der mit seiner Waffe bloss einen Schreckschuss abgeben wollte. Monika starb. Die 6000 Franken, die den Eltern für den Verlust des Mädchens zugesprochen wurden, mussten diese selber beim Jungen, der ihre Tochter getötet hatte, eintreiben. Über Jahre hinweg. So war es noch vor 25 Jahren.

Dass Opfer von Gewalttaten heute als solche anerkannt werden und dass der Staat sie für die Gewalt, die ihnen angetan wurde, entschädigt, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Konsens, dass Opfer nicht selber schuld an ihrem Unglück sind, sondern der Staat, um soziale Gerechtigkeit besorgt, sie unterstützen sollte, ist erst seit 25 Jahren gesetzlich verankert. Die Zürcher Justizdirektion feiert heute Dienstag dieses Jubiläum.

Von der Schande zum Recht

Den Anstoss gaben damals Presseberichte. Der «Beobachter» begann 1977 Schicksale von Opfern zu thematisieren, ihnen Namen und Gesichter zu geben, wie Adelheid R. Es sei stossend, schrieb der damalige Redaktor, dass «man zwar viel über die Wiedereingliederung von Straftätern redet, aber kaum über eine Wiedergutmachung für die Opfer».

Letztes Jahr hatten die acht anerkannten Zürcher Beratungsstellen 9790 Fälle zu betreuen.

Die Zeitschrift beschloss zu handeln. Am 15. Mai 1979 lag dem «Beobachter» ein Unterschriftenbogen bei. 1980 reichte er eine entsprechende Volksinitiative ein. Sie stiess auf offene Ohren. Der Bundesrat erarbeitete einen Gegenentwurf, der noch weiter ging als die Initiative. Opfer sämtlicher Straftaten gegen Leib und Leben sollten Hilfe erhalten, und zwar unabhängig davon, ob der Täter vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hatte. Zudem schlug der Bundesrat vor, dass die Opfer nicht nur finanzielle, sondern auch moralische Hilfe erhalten sollten – Beratung und psychische Behandlung. Der Gegenvorschlag wurde von Volk und Ständen klar angenommen. Bis zur Vollendung des Gesetzes, 1993, vergingen aber nochmals 9 weitere Jahre.

«Die grosse Leistung des Opferhilfegesetzes ist, dass die Gesellschaft das Opfer überhaupt erst anerkannte und sich mit ihm solidarisch zeigte», sagt ­Niklaus Oberholzer. Der langjährige Bundesrichter setzte sich selber für die Opferrechte ein. «Der Staat gestand damit ein, dass er die komplette Sicherheit der Bürger nicht garantieren kann, aber trotzdem Verantwortung übernimmt.»

Damit die Schweiz so weit kam, ein solches Gesetz zu verabschieden, musste aber ein breites Umdenken stattfinden. Letztes Jahr veröffentlichte die Zürcher Historikerin Svenja Goltermann ein Buch, das aufzeigt, wie es dazu kam: «Opfer – Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne».

Am wichtigsten für die Entwicklung des neuzeitlichen Opferbegriffs war eine kleine Änderung im US-amerikanischen Klassifikationssystem psychischer Krankheiten. 1980 kam eine neue Dia­gnose hinzu: die Posttraumatische Be­lastungsstörung. Mit ihr breitete sich zunächst in den USA, dann auch in Europa das Verständnis aus, dass Gewalt das Leben von Menschen grundlegend verändern kann. Davor war man davon ausgegangen, dass Opfer, die litten, dies aufgrund ihrer «Anlage» oder Persönlichkeit taten. In der Psychiatrie herrschte weltweit die Überzeugung vor, dass der Mensch seelisch nahezu unbegrenzt belastbar und regenerationsfähig sei. Wer Erlebtes schlecht verarbeitete, galt als schwach. Opfersein war schändlich.

Leuenberger als treibende Kraft

Auch vom Strafprozess war das Opfer bis in diese Zeit fast gänzlich ausgeschlossen. Im Fokus stand vor allem der Täter – und die Staatsgewalt, die ihn bestrafen musste. Das Opfer wurde nicht angehört und hatte vor Gericht keine Rechte. Auch die Frauenbewegung in den 70ern trug dazu bei, dass Opfer, vor allem solche von häuslicher Gewalt, mehr und mehr eine Stimme erhielten.

Im Gesetz von 1993 wurde denn auch festgehalten, dass die Persönlichkeitsrechte des Opfers im Verfahren genauso geachtet werden müssen wie die des Täters. Ein Opfer hatte zum Beispiel neu das Recht, nicht vor dem Täter aussagen zu müssen. Der Täter behielt aber das Recht zu hören, was ihm zur Last gelegt wurde. Das führte auch zu rein praktischen Problemen. Ulrich Weder war 35 Jahre lang Staatsanwalt in Zürich und erinnert sich: «Man experimentierte damals bei Aussagen kurz mit Trennwänden, dann kam die Technik zu Hilfe.» Erst die Audio-, dann die Videoübertragung lösten das Problem. «Man konnte damit verhindern, dass das Opfer im Strafprozess ein weiteres Mal zum Opfer wird», sagt Weder.

Der Kanton Zürich setzte das neue Gesetz als einer der ersten um. Der spätere Bundesrat Moritz Leuenberger war damals zuständig. Er war gleichzeitig Nationalrat und kantonaler Justizdirektor: «Es war mir ein persönliches Anliegen, dieses Gesetz rasch umzusetzen», erinnert er sich heute. «Dank der Doppelfunktion konnte ich aus dem Vollen schöpfen, denn ich war bei den Vorbereitungen auf Bundesebene schon dabei.» Es sei schon damals darum gegangen, den Opferschutz nicht einfach in höheren Strafen für die Täter zu sehen, sondern echte Hilfe zu organisieren.

Sandra Müller, die heutige Leiterin der Kantonalen Opferhilfestelle, sieht es genauso: «Man muss eben über Opfer, nicht nur über die Täter reden.» Das werde noch immer zu wenig getan. «Wahrscheinlich, weil man nicht gern daran erinnert werden möchte, dass jede und jeder zum Opfer werden kann», sagt Müller. Letztes Jahr hatten die acht anerkannten Zürcher Opferberatungsstellen 9790 Fälle zu betreuen. Der Kanton gibt jährlich rund 10 Millionen für die Opfer aus, für den Justizvollzug um die 180 Millionen. Schlecht findet Müller das nicht: «Resozialisierte Täter hinterlassen später weniger Opfer», sagt sie.

Erstellt: 19.06.2018, 06:19 Uhr

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