«Manche Witze sind unter der Gürtellinie»

Künftig marschiert die Frauenzunft am Sechseläuten mit. Am Abend sind die Frauen aber nicht willkommen. Was die Oberste Zünfterin Regula Zweifel dazu meint.

«Das ist nur ein erster Schrift»: Die Hohe Fraumünsterfrau Regula Zweifel. (Bild: Patrick Gutenberg)

«Das ist nur ein erster Schrift»: Die Hohe Fraumünsterfrau Regula Zweifel. (Bild: Patrick Gutenberg)

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Seit Jahren kämpfen Sie dafür, dass die Gesellschaft zu Fraumünster am Sechseläuten-Umzug mitmarschieren darf. Sind Sie jetzt zufrieden?
Wir sind sehr glücklich. Nach 25 Jahren hat das Seilziehen endlich ein Ende. Dass wir nun Gaststatus am Sechseläuten haben, ist toll. Aber es ist nur ein erster Schritt.

Die Gesellschaft zu Fraumünster will endlich Mitglied der Zürcher Zünfte werden.
Auf Dauer, ja. Doch im Moment ist das gar kein Thema. Am Umzug mitzumarschieren war unser erstes Ziel. Unser Gaststatus macht einiges einfacher: So müssen wir zum Beispiel keine Demonstrationsbewilligung mehr einholen, wenn wir eine halbe Stunde vor dem offiziellen Umzug durch die Stadt marschieren wollen.

Wie kam es dazu, dass Sie jetzt während acht Jahren Gast der Gesellschaft zur Constaffel sind?
Im Frühling bekam ich überraschend einen Anruf vom Constaffelherr, Thomas K. Escher. Er lud uns als Gäste ans Sechseläuten ein, und wir durften zum ersten Mal im Zug der Zünfte mitmarschieren. Das sorgte für Aufruhr. Einige Zünfter wollten auf keinen Fall Frauen am Umzug haben, andere wollten uns schon lange integrieren. Es war eine Patt-Situation, die der Constaffelherr durch die Einladung auflösen wollte. Danach fanden erste Gespräche statt.

Weshalb engagiert sich die Gesellschaft zur Constaffel so stark für die Frauen?
Das hat sicherlich auch einen historischen Grund: Bis 1524 waren die Äbtissinnen stets Mitglieder der Constaffel. Katharina von Zimmern, die letzte Äbtissin des Fraumünsterklosters, war eine Constafflerin. Ich habe nicht das Gefühl, dass Frauen in der Gesellschaft zu Constaffel etwas Aussergewöhnliches sind. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen und spüren kein Misstrauen.

Trotzdem, als die Frauenzunft in den letzten beiden Jahren jeweils auf eigene Faust vor dem offiziellen Umzug durch die Stadt marschierte, gab es teilweise Beschimpfungen und böse Blicke.
Es stimmt, es gibt immer noch Zünfter, die uns weghaben möchten. Das spürten wir, als Zünfter in diesem Jahr eine Umfrage verschickten mit der Frage, ob die Frauen künftig am Sechseläuten mitmarschieren sollen.

55 Prozent der Zünfter lehnten dies ab. Und auch die Vereinbarung, die Sie jetzt getroffen haben, hört sich mehr nach einer Duldung an: Die Frauenzunft darf zwar mitmarschieren, aber am Abend wollen die Herren weiterhin unter sich bleiben.
An diesen Festlichkeiten, dem sogenannten Auszug, wären wir im Moment sowieso fehl am Platz. Wir haben überhaupt keine Tradition für diesen Anlass und es herrscht dort ein ganz anderes Klima.

Wie meinen Sie das?
Es geht dort ziemlich rauh zu und her. Manche Witze und Reden, die dort geschwungen werden, sind ziemlich unter der Gürtellinie. Der Ton gegenüber den Frauen ist nicht immer respektvoll. Wir können uns schon vorstellen, am Auszug teilzunehmen, aber dazu müssten sich beiden Seiten entgegenkommen.

Die Zünfter halten die Gesellschaft zu Fraumünster mit einer Klausel für die nächsten Jahre sowieso auf Distanz: So lange die Vereinbarung läuft, dürfen Sie keine Anstalten machen, in den Verband der Zürcher Zünfte einzutreten.
Ach, zuerst waren es 15 Jahre, dann 10 Jahre und jetzt acht. Ich sehe das nicht so strikt, Veränderungen sind schon im Laufe dieser acht Jahre denkbar. Das hängt vom Verlauf der Gespräche ab, und dafür haben wir jetzt eine gute Basis. Ich bin zuversichtlich.

Wie werden Sie nun das Erreichte feiern?
Am 10. Dezember werden wir die Vereinbarung feierlich unterzeichnen. Die Zunftmeister organisieren die Feier. Das ist ein schöner Brückenschlag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2014, 20:27 Uhr

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