«Manche ticken anders, wenn sie hinter dem Steuer sitzen»

Zürcher Autofahrer haben ein Imageproblem. Warum viele hinter dem Steuer aggressiver sind und was die Autofahrer wirklich nervt, erklärt Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry.

«Konflikte gibt es immer dort, wo verschiedene Verkehrsteilnehmer aufeinander treffen»: Stadtverkehr in Zürich.

«Konflikte gibt es immer dort, wo verschiedene Verkehrsteilnehmer aufeinander treffen»: Stadtverkehr in Zürich. Bild: Reto Oeschger

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Als Zürcher hat man das Gefühl, das Image der Autofahrer sei schlecht. Woran liegt das?
Autofahrer sind immer eine potentielle Gefahr, wenn sie sich bewegen. Manche verhalten sich zudem nicht regelkonform oder gar rücksichtslos. Zudem braucht der Autoverkehr zwangsläufig viel Platz. Konflikte gibt es immer dort, wo verschiedene Verkehrsteilnehmer aufeinander treffen.

Gibt es noch andere Gründe?
Das Auto gibt mehr als jedes andere Verkehrsmittel auch Möglichkeiten zur Selbstdarstellung. Es ist, als ob man etwas cooles anziehen würde, ohne sein Gesicht zeigen zu müssen. Eine Art von Ganzkörperhülle, mit der man seinen Status anzeigen kann. Es nervt vermutlich viele Leute, wenn andere mit Dreckschleudern oder riesigen Panzern mit getönten Scheiben durch die Stadt fahren. Zudem sieht man dort das Gesicht eines Fahrers kaum. Manche Fahrer nutzen diese Anonymität aus und verhalten sich aggressiver: Sie drängeln, nötigen oder überholen rechts.

Ist dies wirklich so? Gibt es Beispiele?
In meiner praktischen Erfahrung als Verkehrspsychologin habe ich solche Beispiele erlebt. Manche ticken anders, wenn sie hinter dem Steuer sitzen. Oft waren es Leute, die im Alltag sehr zurückhaltend sind, im Auto dann aber äusserst aggressives Verhalten zeigen. Das hat wieder mit der Anonymität zu tun. Das Auto ist ein Ort, wo viele Frustrationen ihr Ventil finden können. Mit dem Velo ist dies weniger möglich, da wird man auch leichter erkannt.

Die Velofahrer in der Stadt verhalten sich aber kaum regelkonformer. Weshalb ist ihr Image nicht derart ramponiert?
Es ist immer schwieriger der Stärkere zu sein, weil man sich nicht in eine Opferrolle zurückziehen kann. Velofahrer sind schwächere Verkehrsteilnehmer. Ich denke aber, dass sie oft mit der Haltung «ich gefährde ja niemanden ausser mich», durch die Stadt fahren und sich wenig an die Regeln halten. Am wenigsten angreifbar sind wohl die Fussgänger, auch weil sie die schwächsten Verkehrsteilnehmer sind.

Ist Zürich eine autofreundliche Stadt?
Es ist immer eine Gratwanderung. Man kann es kaum allen recht machen. Als die Westumfahrung kam, hat die Stadt sehr gut kommuniziert, was nun gesperrt wird und wo man noch durch kann. Das ist sehr wichtig, weil es die Akzeptanz der Autofahrer erhöht. Andererseits hat man in der Stadt manchmal das Gefühl, dass Schikanen eingebaut werden, um die Leute vom Autofahren abzuhalten. Dies halte ich für schwierig. Den Vorschlag eines Quartiervereins beispielsweise, die Bellerivestrasse zu einer Tempo-30-Zone zu machen, halte ich für Schwachsinn. Das ist eine Hauptachse mit täglich 50'000 Autos. Die Fahrer würden sich nur nerven und dies fördert die Verkehrssicherheit nicht.

Wie meinen Sie das?
Ein anderes Beispiel: An der Westtangente gibt es in einem kurzen Abschnitt mehrere Blitzkästen. Die Leute halten sich an die Regeln, weil eine Strafe droht. Beim Verkehr geht es aber nicht nur um das Einhalten der Regeln, sondern dass man angepasst fährt und niemanden gefährdet. Wenn die Autofahrer zu sehr genervt werden, verhalten sie sich an Orten, wo sie sich nicht beobachtet fühlen, eher aggressiver. Dies ist für die Sicherheit nicht förderlich.

Fahren Sie selbst Auto in der Stadt?
Fast täglich. Meist in den Morgenstunden und am Feierabend. Ich finde es aber nicht so schlimm, auch die Autofahrer empfinde ich nicht als so aggressiv, wie es immer gesagt wird. Grundsätzlich glaube ich, dass das System funktioniert. Wir haben kein wirkliches Verkehrsproblem.

Erstellt: 05.07.2011, 14:07 Uhr

Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry. (Bild: ZVG)

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