Manchmal verkürzt Stadtrat Golta wegen der Kinder eine Sitzung

Ein Dokfilm zeigt, wie der Sozialvorsteher und seine Frau den Spagat zwischen Beruf und Familie meistern.

Ein seltener Moment in der Familie Golta: Die Familie vereint am Esstisch. Foto: Screenshot SRF

Ein seltener Moment in der Familie Golta: Die Familie vereint am Esstisch. Foto: Screenshot SRF

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Bereits unter der Türe merkt die Mutter, dass der Sohn die Zähne noch nicht geputzt hat. Dann bringt sie die beiden Kinder in die Krippe und den Kindergarten. Die Szene aus dem Dokumentarfilm «Zwischen Kind und Karriere» ist kurz, man könnte sie glatt übersehen. Doch sie ist signifikant. Sieht das Schweizer Familienmodell Nr. 1 im Jahr 2017 noch immer so aus: Der Mann ist längst im Büro, während sich die Frau um die Kinder kümmert? Oder hat sich in den zwanzig Jahren seit Einführung des Gleichstellungsgesetzes etwas verändert?

Dieser Frage ging der gestrige «Dok»-Film von Michèle Sauvain nach. Dazu porträtierte die Filmemacherin drei Familien mit unterschiedlichen Modellen. Die Frau von FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger konnte dafür auch die Familie eines anderen Stadtratsmitglieds gewinnen: jene von SP-Vertreter Raphael Golta. Obwohl er nicht der Homestory-Typ sei, stellte er sich mit seiner Familie für den Film zur Verfügung. Wegen des Themas habe er als Sozialvorsteher eine Ausnahme gemacht, sagte er gegenüber dem «Tagblatt der Stadt Zürich». Als Vorsteher des Sozialdepartements engagiere er sich sehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – etwa wenn es um den Ausbau der subventionierten Krippenplätze in der Stadt Zürich gehe. «Deshalb will ich mich nicht nur als Stadtrat, sondern auch als Familienmann der Diskussion stellen.»

Die Wahl hat alles verändert

Golta arbeitet 100 Prozent und mehr, seine Frau Catherine Heuberger Golta, Juristin von Beruf, 50 Prozent. Die Kinder sind drei Tage pro Woche in der Krippe. Diese Aufteilung findet man in der Schweiz am häufigsten. Wirklich geplant haben die Goltas diese Art von Familienaufteilung nicht. Als Lucien zur Welt kam, wollte Golta eigentlich reduzieren, doch sein Job liess es nicht zu. Mit der Wahl in den Stadtrat war diese Option ganz vom Tisch. Und so arbeitet er oft bis in den Abend hinein, manchmal kürzt er der Kinder wegen auch einmal eine Sitzung ab. Das Verständnis dafür sei grösser als auch schon.

Seine Frau reduzierte ihr Pensum, gab ihr Mandat als SP-Kantonsrätin ab und kümmert sich heute vorwiegend um die Kinder. Sie sagt: «Es ist ein dauerndes Zirkeln zwischen Familie und Beruf, aber irgendwie geht es immer.» Pause hat sie, wenn die Kinder im Bett sind. Das Karriereziel, irgendwann Richterin zu werden, wird sie später zu erreichen versuchen. Wichtig ist ihr vorerst, mit einem Fuss im Beruf zu bleiben.

Daniela und Patrik Spiess haben zwei schulpflichtige Töchter und leben nach klassischer Aufteilung: Er arbeitet 100 Prozent, sie ist Hausfrau. Barbara Glassl und Mike Pfäffli schliesslich haben drei Kinder und arbeiten beide je 80 Prozent. Im Haushalt helfen sie zu gleichen Teilen mit. Damit gehören sie hierzulande zu einer Minderheit.

Diese drei Familien begleitete der «Dok» also durch den Alltag; pendelte zwischen Kinderzimmer und Grossraumbüro, zwischen Mittagstisch mit selbst gemachter Pizza und Agenda-­Abgleich der Eltern beim Feierabendbier. Spannend wurde das vor allem dann, wenn Sauvain die Paare nach den Beweggründen ihrer Pensenaufteilung befragte. Oder wenn sie den Unternehmensberater auf den Teilzeitwillen der hiesigen Wirtschaft aushorchte.

Wirklichkeit schlägt Wunsch

Nach und nach dröselte Sauvain so das Thema auf. Die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Arbeit geht weit über das Jonglieren von Stellenprozenten hinaus. Wie steht es um die finanziellen Möglichkeiten? Welche Rollenbilder sind bei den Paaren verankert? Wie ist ihre Einstellung zur Fremdplatzierung ihrer Kinder? Wie der Karrierewunsch der beiden?

Sauvains Auslegeordnung ist aufschlussreich – und hinterlässt dabei gemischte Gefühle. Ja, in der Schweiz ist bezüglich Gleichstellung und Teilzeitmöglichkeiten einiges gegangen. Ja, die Hauptlast der Arbeit zu Hause fällt noch immer vorwiegend auf die Frau. Und ja, vor allem in den Köpfen vieler Schweizer Männer scheint sich noch etwas ändern zu müssen. Etwas oft hört man sie in «Zwischen Kind und Karriere» so sprechen: vom Eigentlich-hätte-ich-­reduzieren-Wollen, das dann doch dem Karrieresprung weichen musste; vom Impuls zur Pensenreduktion, der eben doch von der Gattin gekommen war.

Die Protagonisten im Film hoffen, dass es bald mehr von jenen Männern gibt, die aus eigenem Antrieb weniger arbeiten und eine grössere Rolle in der Familie spielen. Die morgens beim Nachputzen der Zähne helfen, den Znüni einpacken. Und nach der Arbeit die Kinder in der Krippe abholen und heimgehen, wo die Hausarbeit wartet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2017, 21:49 Uhr

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