Maschinen entlarven Mörder

Ohne zum Skalpell zu greifen, spüren Rechtsmediziner selbst unsichtbare Tathinweise an Leichen auf. In der virtuellen Autopsie ist die Universität Zürich weltweit führend.

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Alles deutete auf einen tragischen Unfall hin. Peter Moser (Name geändert) kommt von einer Feier nach Hause und fährt seinen Geländewagen rückwärts in die Garage. Mit dem Heck des Autos erfasst er dabei seine Frau Maria, die dadurch gegen ein Regal gedrückt wird. Er ruft einen Krankenwagen, doch die Frau stirbt auf dem Weg ins Spital. Der Fall scheint klar – ein Unfall. Die Polizei will aber auf Nummer sicher gehen und bittet das Institut für Rechtsmedizin um eine Einschätzung. Nach aufwendigen Analysen steht für Institutsleiter Michael Thali und sein Team fest: Moser hat seine Frau absichtlich getötet.

Mit einer dreidimensionalen Rekonstruktion des Tathergangs weisen sie nach, dass der Mann den Wagen ein zweites Mal zurücksetzte und seine Ehefrau zwischen Heck und Regal einklemmte. «Mit einer herkömmlichen Autopsie und Untersuchung des Tatortes hätte der Fall nicht aufgeklärt werden können», sagt Thali. Die überraschenden Erkenntnisse lieferte 2007 ein noch neues Verfahren – die virtuelle Autopsie, kurz Virtopsy genannt. Thali, weltweit führend auf diesem Gebiet, hat den Begriff zusammen mit seinem früheren Chef Richard Dirnhofer geprägt.

Von Bern nach Zürich

Beim Fall Bruno Z. Mitte der 80er-Jahre, besser bekannt als «Mord in Kehrsatz», fehlten solche Hilfsmittel. Die 24-jährige Christine Zwahlen war mit einem Schraubenschlüssel erschlagen und in der Tiefkühltruhe deponiert worden. Ihr Ehemann Bruno wurde als Täter verurteilt, 1993 aber nach einem Revisionsverfahren freigelassen.

Die Rechtsmediziner konnten den am Tatort gefundenen Schraubenschlüssel nicht eindeutig den Kopfverletzungen zuordnen. Für Michael Thali, damals junger Assistenzarzt am Institut für Rechtsmedizin in Bern, war dieser Prozess ein zentrales Erlebnis. «Uns wurde klar, dass man solche Verletzungen künftig dreidimensional dokumentieren muss.»

«Wir nennen sie Fred»

Diese zukunftsweisende Technologie kommt heute im Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich (IRM) im Irchelpark zum Einsatz. In einem schlichten Raum im Untergeschoss des Gebäudes liegt auf einem langen weissen Tisch eine fleischfarbene Menschenpuppe aus Plastik. Sie dient Demonstrationszwecken, ähnlich wie die Dummies in Nothilfekursen. «Wir nennen sie Fred», sagt Diplomingenieur Robert Breitbeck, der die Apparaturen hinter einer strahlungssicheren Glaswand fernsteuert. An der Decke ist an einer Schiene ein hochpräziser Roboterarm befestigt.

Ähnliche Roboter werden in der Autoindustrie zum Lackieren von Karosserien verwendet. Breitbeck und Thali arbeiteten bereits zuvor in der Rechtsmedizin der Universität Bern zusammen. Als Thali im Februar 2011 nach Zürich wechselte und den langjährigen pensionierten Leiter, Walter Bär, ersetzte, brachte er gleich sein Berner Bildgebungsteam mit.

Fussabdrücke im Gesicht

Am Ende des Tisches ist ein kreisrunder Aufsatz mit einem grossen Loch befestigt – der Computertomograf (CT). Mit ihm lassen sich zweidimensionale Schnittbilder des Körpers anfertigen, die der Computer zu dreidimensionalen Röntgenbildern hochrechnet. Jede Leiche, die im Institut eingeliefert wird, durchläuft den CT. Zur Beurteilung dieser Röntgenbilder arbeiten am Institut für Rechtsmedizin mehrere Radiologen. Der Dokumentationsprozess dauert nur wenige Minuten. Je nach Befund folgen weitere Untersuchungen. Auf den Bildern sind Knochenbrüche, Lufteinschlüsse und metallische Fremdkörper besonders gut zu erkennen.

«Die Suche nach einem Projektil kann bei einer klassischen Autopsie sehr aufwendig und zeitintensiv werden, zum Beispiel wenn ein Projektil in einem Knochen steckt», erklärt der Radiologe Thomas Ruder. Einen weiteren Vorteil sieht er in der Darstellung von Knochensplittern. Alle Splitter auf herkömmliche Weise freizupräparieren, dauert viele Stunden. Auch das Gefässsystem mit allfälligen Verletzungen lässt sich auf den CT-Bildern darstellen. Dafür injiziert man mit einer Druckpumpe ein Röntgenkontrastmittel in den Leichnam.

Profile von Schlagruten

Die Spezialisten am Institut für Rechtsmedizin untersuchen aber nicht nur Leichen, sondern auch lebende Verletzte. An Wochenenden liefert die Polizei öfters Opfer von Prügeleien zur Untersuchung ein. Breitbeck erinnert sich an einen Fall, bei dem verschiedene Männer ihr am Boden liegendes Opfer mit Fusstritten gegen den Kopf traktierten. Für die Untersuchungsbehörden war unklar und schwierig zu beweisen, wer das Opfer wie stark malträtierte. Das Rätsel liess sich dank dem Oberflächenscanner lösen.

Der Scanner, der sich ebenfalls ferngesteuert am Roboterarm befestigen lässt, fährt dabei über die gewünschten Hautpartien. Das Gerät projiziert Lichtstreifen, die dank ihrer Genauigkeit im Hundertstelmillimeter-Bereich ein äusserst detailreiches 3-D-Abbild der Oberfläche ergeben. Auch eine Fotokamera lässt sich mit dem Roboterarm fernsteuern. Dank dieser feinen Auflösung konnten die unterschiedlichen Schuhprofile der Täter auf der Haut aufgenommen werden. Auch die Profile von Schlagruten, Eisenstangen oder Bissspuren auf Gewaltopfern haben Breitbeck und seine Kollegen schon erfasst.

Neben dem CT verfügt die Zürcher Rechtsmedizin auch über einen Magnetresonanztomografen (MRT). Das Gerät steht in einem Nebenraum. Mit ihm lässt sich das Weichteilgewebe untersuchen. Im Gegensatz zum CT arbeitet es mit starken Magnetfeldern und Radiowellen. Seine elektromagnetischen Schaltvorgänge verursachen ein lautes Klopfen. In der Maschine liegt ein eingehüllter Leichnam.

Tote zum Leben erwecken

Steffen Ross ist ebenfalls Radiologe am IRM und überwacht, wie das Gerät beginnt, den ganzen Kopfbereich zu erfassen. Der Tote in der Röhre starb durch einen Kopfschuss. «Wenn Sie noch eine halbe Stunde warten, zeigt sich der Einschusskanal des Projektils. Er ist mit Luft gefüllt und wird ganz schwarz erscheinen.» Ross kann anhand der Fäulnisgasbildung mit dem MRT auch abschätzen, wie viel Zeit seit dem Eintritt des Todes vergangen ist.

Zur Höchstform läuft Virtopsy auf, wenn der Computer mit allen gewonnenen CT- und MRT-Daten ein 3-D-Bild des toten Körpers erstellt. Wahlweise lassen sich damit Weichteile, Blutbahnen oder Knochen darstellen. Mit dem Cursor kann man nach Belieben durch die einzelnen Schichten des menschlichen Körpers fahren. Die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt. Fügt man auch noch die Laserscans von den Tatorten hinzu, welche die Polizei anfertigt, lassen sich der Tatort und Tathergang dreidimensional am Computer rekonstruieren.

Damit kann man sogar Tote wieder zum Leben erwecken – zumindest virtuell. Ein Animationsfilm zeigt, wie ein Auto mit einem Fussgänger kollidiert, der gerade über die Strasse läuft. Die Sequenz lässt sich beliebig stoppen und zurückdrehen. Sie ist das Resultat aller gewonnenen Daten und veranschaulicht äusserst realistisch den Unfallhergang.

Virtopsy als Ergänzung

Bruno Vonlanthen arbeitet seit 32 Jahren als Rechtsmediziner am IRM. So viele Leichen wie er hat wohl niemand anders obduziert und begutachtet. Für Vonlanthen ist der Augenschein vor Ort unabdingbar. Die wichtigsten Arbeitsinstrumente bleiben für ihn Augen, Ohren, Nase, Hände, zwei Pinzetten und ein Thermometer.

Damit könne er in aller Regel die drei Kardinalfragen beantworten: Wer? Wann? Warum? Virtopsy lehnt der Traditionalist aber nicht ab: «Als Ergänzung ist sie ein Meilenstein.» Beim «Knollenblätterpilz-Mord» Anfang der 90er-Jahre, war diese neue Technologie nicht verfügbar. Vonlanthen mit seiner «Spürnase» schöpfte Verdacht und kam dem Täterpaar auf die Spur.

Anfrage für die Serie CSI-Miami

«60 bis 80 Prozent der relevanten Todesursachen können wir mit Virtopsy feststellen», sagt Michael Thali. Virtopsy werde immer bedeutender und in rechtsmedizinischen Fachkreisen längst ernst genommen. Er erinnert sich, dass ein amerikanischer Kollege Virtopsy vor einigen Jahren als «European bullshit» bezeichnete. Die Bezeichnung «Virtopsy» ist aber mittlerweile sogar durch die Amerikaner damit geadelt worden, dass der Ausdruck vor ein paar Jahren in einer CSI-Miami-Folge auftauchte. «Wir haben einmal von den Produzenten eine ­Anfrage erhalten. Das hat uns natürlich gefreut», sagt Thali. Die entsprechende Szene verwendet er manchmal an Forschungskongressen.

Heute organisieren Thali und sein Team regelmässig Virtopsy-Kurse, die international viel Zulauf finden. Der IRM-Chef sieht Virtopsy nicht nur als Arbeitserleichterung, sondern vor allem als gute Dokumentationsmethode. Auf diese Weise könnten die digitalen ­Befunde auch später, etwa bei neuen ­Erkenntnissen in einem Mordprozess, sofort herangezogen werden. Die etwa zwei- bis dreimal so hohen Kosten der neuen Technik relativiert Thali. Ein Teil der Kosten seien durch den Forschungsauftrag und ein Legat getragen. Ausserdem sei eine gute 3-D-Dokumentation immer noch günstiger als ein jahrelanger Rechtsstreit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2013, 07:26 Uhr

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