Massive Angriffe: Uni Zürich stoppt Professorensuche

Der Uni-Rektor sistiert die Suche nach einem Dozenten für Medienforschung. Es waren fünf deutsche, aber keine Schweizer Kandidaten im Rennen.

Der Wirbel war enorm: Nun hat die Universität Zürich das Berufungsverfahren für einen neuen Publizistikprofessor gestoppt, so Rektor Andreas Fischer. (21. September 2012)

Der Wirbel war enorm: Nun hat die Universität Zürich das Berufungsverfahren für einen neuen Publizistikprofessor gestoppt, so Rektor Andreas Fischer. (21. September 2012) Bild: Keystone

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Die Universität hat öffentlichem Druck nachgegeben und die Suche nach einem Nachfolger des Medienwissenschafters Heinz Bonfadelli vorläufig eingestellt. «Ich finde es bedauerlich, dass das Verfahren öffentlich skandalisiert wurde und die Universität darauf reagieren musste», sagte Rektor Andreas Fischer am Samstag mehreren Medien. Drei Tage zuvor hatte der «Tages-Anzeiger» gemeldet, dass fünf deutsche Kandidaten in die Endauswahl gekommen waren – und kein einziger Schweizer.

Massive Anschuldigungen

«Mitglieder der Berufungskommission sind nach dem Artikel massiv angefeindet worden», sagt Rektor Fischer. Sie hätten E-Mails erhalten, in denen sie «massiv persönlich angeschuldigt» worden seien. Dabei sei die Nationalität der Kandidierenden ein Thema gewesen. Auch diese selber seien kontaktiert worden. Der universitätsinterne Wirbel sei «enorm» gewesen. Der Wunsch nach einem Marschhalt kam vom Präsidenten der Berufungskommission.

Fischer informierte Regierungsrätin Regine Aeppli (SP) über den ungewöhnlichen Beschluss. «Ich habe nicht einmal nachgefragt», sagt Aeppli, «das ist allein Sache der Universität.» Zu dieser Uni-internen Angelegenheit wolle sie keine Stellung nehmen. Aeppli ist als Bildungsdirektorin Präsidentin des Universitätsrates, der unter anderem aufgrund der Berufungsverfahren die Inhaberinnen und Inhaber der Lehrstühle ernennt.

Heinz Bonfadelli ist momentan der einzige Schweizer auf einem Lehrstuhl des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung, abgesehen von zwei Teilzeitprofessuren. Er soll 2014 altershalber abgelöst werden. Die Nachfolgerin oder der Nachfolger muss sich laut Ausschreibung durch «exzellente Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Schweizer Medien» auszeichnen.

Vorträge abgesagt

Diese Woche hätten die fünf deutschen Kandidierenden zu Berufungsvorträgen vor Fachkollegen und Studierenden antreten sollen. Die Vorträge sind jetzt abgesagt. Von den fünf haben drei Schweiz-Erfahrung: Joachim Trebbe von der TU Berlin war bis 2009 sieben Jahre lang Professor an der Université de Fribourg. Tilo Hartmann, der in Amsterdam lehrt, war während eines Semesters Gastprofessor in Zürich. Holger Schramm von der Universität Würzburg war bis 2012 sieben Jahre lang Oberassistent am Zürcher Publizistikinstitut. Keine nennenswerte Schweiz-Erfahrung erwähnen in ihren Lebensläufen Anne Bartsch, Privatdozentin an der Universität Augsburg, und Volker Gehrau von der Universität Münster.

Die «NZZ am Sonntag» schreibt, zwei im Verfahren unterlegene Schweizer hätten über keine Habilitationsschrift verfügt und keine Forschungstätigkeit im Ausland vorweisen können.

«Medien sind gegen uns»

Rektor Fischer hält es für «denkbar», dass jetzt zusätzlich auch Schweizer Kandidaten für den Posten geprüft werden. Er sagt aber auch: «Dass nur deutsche Kandidaten eingeladen werden, kann vorkommen.» Wissenschaft sei grundsätzlich nicht von der Nationalität abhängig, entscheidend seien die fachlichen Kriterien. Die Unileitung will nun prüfen, ob das Verfahren bisher korrekt durchgeführt wurde und dann über das weitere Vorgehen beschliessen.

Die Affäre könnte auch zum Stoff für die künftige Forschung eines der deutschen Kandidaten werden. Sein nun abgesagter Vortrag hat den Titel «Die Medien sind immer gegen uns!». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2013, 21:11 Uhr

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