Mehr Schutz für Weggesperrte

Die neue Behörde für Kinder- und Erwachsenenschutz hat viel Arbeit. Vor allem bei Zwangspsychiatrisierungen.

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Der 18-jährige Martin K. ist ein schwieriger junger Mann. Nach einer Schlägerei im Januar mit einem Passanten wurde er in die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich eingeliefert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Martin bereits eine bewegte Vorgeschichte mit verschiedenen kürzeren und längeren Klinikaufenthalten hinter sich. Früher hätte der Klinikarzt allein bestimmt, wann er entlassen würde.

Mit dem neuen Recht, das seit Anfang Januar in Kraft ist, läuft der Fall anders. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB), früher Vormundschaftsbehörde, überprüft auch dann die Rechtmässigkeit einer Zwangspsychiatrisierung, wenn sich eine betroffene Person nicht dagegen wehrt oder nicht wehren kann, wie im Beispiel von Martin K. Diese neue Handhabung in der fürsorgerischen Unterbringung ist die grösste Veränderung, die die neue Rechtsprechung mit sich bringt. Dies sagte KESB-Präsident Michael Allgäuer an einer Medienorientierung.

Unrühmliches Kapitel abschliessen

Martin K. erhielt vor Ablauf von sechs Wochen von drei Behördenmitgliedern und einem externen Gutachter Besuch. Aus der Anhörung, dem Gutachten und den Akten ergab sich für die KESB ein klares Bild. Martin K. musste in der Klinik bleiben, um seine paranoide Schizophrenie zu behandeln. Dasselbe Gremium überprüft nun regelmässig, ob die Massnahme noch notwendig ist.

Mit dieser Regelung hofft Allgäuer, das Recht des betroffenen Weggesperrten besser wahrnehmen zu können. «Wir dürfen uns nicht mehr auf Angaben von Drittpersonen wie Verwandten, der Polizei oder anderen Personen stützen. Wir sind verpflichtet, die betroffene Person persönlich zu befragen und zu treffen.» Damit will die KESB ein unrühmliches Kapitel in ihrer Geschichte abschliessen. «Es ist eine traurige Praxis, dass bis Ende der 70er-Jahre administrativ Versorgte ohne Gerichtsurteil und ohne Rekursmöglichkeit auf unbestimmte Zeit eingesperrt werden konnten», sagt SP-Nationalrat Martin Naef.

Mehr Personal eingestellt

Mit ihrem neuen Namen signalisiert die KESB, dass es für Erwachsene keine Vormundschaften mehr gibt, sondern nur noch «massgeschneiderte Beistandschaften». Das neue Recht setzt auf möglichst viel Selbstbestimmung. So wird ein an Demenz erkrankter 80-Jähriger nicht mehr automatisch entmündigt. Er erhält Unterstützung in jenen Aufgaben, die er nicht mehr selber bewältigen kann. «Wir schränken die Freiheiten nicht auf Vorrat ein, sondern für den Moment», so Allgäuer. Das verursacht viel Arbeit.

«Tausende von Akten werden unter dem Gesichtspunkt des neuen Rechtes überprüft», sagt Naef. Wie viele Änderungen diese bisher verursacht haben, hat die KESB nicht erfasst. Gleichzeitig ist die Geschäftslast in den letzten Jahren angestiegen: 2008 behandelten sie 14'120 Fälle, letztes Jahr 15'903. Das und weitere Gründe führten dazu, dass das Personal des KESB um neun auf 95 Mitarbeitende aufgestockt wurde.

Erstellt: 22.07.2013, 08:29 Uhr

Grosse Veränderung: Die neue Behörde für Kinder- und Erwachsenenschutz (KESB). (Bild: KESB)

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