«Mein Arbeitsweg verkürzte sich auf eine Minute Liftfahrt»

Wo Spitäler täglich 50 Tonnen Wäsche waschen liessen, lebt heute Cedric Hirschi – durch glücklichen Zufall. Doch bald bekommt er Hunderte Nachbarn.

Herr über ein verlassenes Industriegebäude: Cedric Hirschi wohnt in der Hauswartwohnung der ehemaligen Zentralwäscherei in der Nähe des Prime Tower. Foto: Sabina Bobst

Herr über ein verlassenes Industriegebäude: Cedric Hirschi wohnt in der Hauswartwohnung der ehemaligen Zentralwäscherei in der Nähe des Prime Tower. Foto: Sabina Bobst

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Cedric Hirschi steht auf dem Dach seiner Wohnung. Die Aussicht ist überwältigend: In nächster Nähe stechen der Prime Tower, der Kamin des Kehrichtheizkraftwerks und die Neubauten Zürich-Wests ins Auge, im Norden der Käferberg und im Süden der Uetliberg. Doch nicht nur die Aussicht ist speziell, Hirschis ganzes Daheim ist es auch.

Seine Wohnung befindet sich im obersten Stock der ehemaligen Zentralwäscherei Zürich mitten im Kreis 5. «Hier oben fühlt man sich ein bisschen wie der König von Zürich», sagt der 30-Jährige und lacht etwas verlegen. So ganz recht ist es ihm nicht. Er sei sich bewusst, dass er privilegiert sei – zumal er für die Wohnung, in der er mit zwei Mitbewohnern lebt, fast keine Miete zahlt.

Aussicht auf Prime Tower und die Neubauten von Zürich-West. «Hier oben fühlt man sich ein bisschen wie der König von Zürich», sagt Cedric Hirschi.

Bis vor wenigen Jahren war Hirschis Lebensmittelpunkt noch das aargauische Rheinfelden. «Dann folgte ein Zufall auf den nächsten», sagt er. Nach Zürich gebracht hat ihn die Arbeit: Der gelernte Elektroniker begann im März 2017 als Techniker bei der Zentralwäscherei, die täglich 50 Tonnen Wäsche für Zürcher Spitäler und Heime wusch. Er hielt im Schichtbetrieb die grossen Wasch- und Trocknungsmaschinen instand und reparierte, was kaputtging.

Irgendwann bemerkte Hirschi gegenüber Direktor Patrick Schmutz, dass er wegen seines langen Arbeitsweges nach Rheinfelden eigentlich zehn statt acht Stunden arbeite. Zu seiner eigenen Überraschung bot ihm sein Chef die frei werdende Hauswartwohnung an. «Mein Arbeitsweg verkürzte sich auf eine Minute Liftfahrt», sagt Hirschi. «Fast schon Homeoffice.»

Gleich dort zu arbeiten, wo er wohnt, hatte aber auch Nachteile. Dann etwa, wenn eine der 80 Meter langen Ketten riss, Hunderte Kleider auf dem Boden landeten – und es nach Feierabend und Dusche noch einmal klingelte. Bis in die Arbeitshalle brauchte Hirschi ja nur eine Minute.

Wenn eine der 80 Meter langen Ketten riss, Hunderte Kleider auf dem Boden landeten, war Hirschi gleich zur Stelle. Archivbild: TA

Jetzt steht er in derselben Halle, und doch ist es eine andere – heute ist sie bis auf einen roten Schiffscontainer leer. Nur noch die Löcher mit gekappten Rohren im Boden und in der Decke erinnern daran, dass hier bis vor kurzem alles vollgestellt war mit grossen Maschinen. Dann zog die Zentralwäscherei im letzten Mai in den grösseren, moderneren Neubau in Regensdorf.

Allein im Riesengebäude

Dass Hirschi trotzdem in seiner Wohnung bleiben konnte, verdankt er der Stadt. Diese hat den Baurechtsvertrag mit der Zentralwäscherei frühzeitig aufgelöst. Für das Gelände hat sie grosse Pläne: Das Gebäude soll unter anderem einem Hallenbad und Alterswohnungen weichen. Doch bis mindestens 2026 will die Stadt das Industriegebäude als Sporthalle und Raum für Kultur und Kreatives zwischennutzen.

Mindestens bis 2026 will die Stadt das Gebäude als Sporthalle und Raum für Kreatives zwischennutzen. Foto: Sabina Bobst

Die Wohnung Hirschis liegt im Verantwortungsbereich der Raumbörse des Jugendkulturhauses Dynamo, die einen Grossteil der Zwischennutzung organisiert. «Die Leute bei der Raumbörse waren offen für unkomplizierte Lösungen – und haben auch etwas davon, dass ich hier bin», sagt Hirschi. Sein Trumpf: Er kennt das riesige Gebäude gut, jede Heizung, jeden Elektrokasten. Damit ist er die perfekte Ansprechperson für alle, die an den Instandsetzungsarbeiten beteiligt sind. Ausserdem sei es im Sinne der Raumbörse, wenn das leere Gebäude auch nachts nicht ganz leer steht – wegen möglicher Besetzungen.

«Die Gebäude sollen möglichst 24 Stunden und sieben Tage ausgelastet sein.» Stefan Roschi, Soziale Dienste, Ressort soziales Stadtleben

«Die Zeit fast allein in diesem Riesengebäude war für mich als Bastler grossartig», sagt Hirschi. In der kleinen Wohnung zeigt sich, was er damit meint: Er hat die Zentralwäscherei nach herumliegendem Material durchforstet, für sich und seine Mitbewohner Garderoben und einen neuen Elektrokasten gebaut. Und weil Kühlschrank und Waschmaschine fehlten, hat er kurzerhand beides eingebaut. Einzig das Warmwasser funktionierte noch nicht. Man gewöhne sich aber an die kalte Dusche, sagt er.

Die leeren Räume: Ein Paradies für Bastler. Foto: Sabina Bobst

Wieder gewöhnen muss sich Hirschi im April an ein volles Gebäude. Dann ziehen die Zwischennutzungen ein. «Wir rechnen mit bis zu 700 Nutzerinnen und Nutzern sowie Besucherinnen und Besuchern täglich», sagt Stefan Roschi. Er ist bei den Sozialen Diensten für das Ressort soziales Stadtleben verantwortlich. Hirschi kann auch dann bleiben – und arbeitet 40 Prozent als Hauswart für die Raumbörse. Die Nachfrage für die Flächen sei riesig gewesen, sagt Roschi. Kein Wunder: Die zentral gelegenen Räume kosten nur 95 Franken pro Jahr und Quadratmeter. Insgesamt hätten sich rund 220 Personen und Gruppen beworben, von denen 170 grob den Kriterien der Raumbörse entsprechen: Menschen unter 28 Jahren mit Bezug zur Stadt Zürich, die nicht gewinnorientierten Tätigkeiten nachgehen.

Die Bewerbungen kamen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Musik und Sozialwissenschaft, Architektur oder Handwerk. Um möglichst viele zu berücksichtigen, habe man versucht, Themenschwerpunkte zusammenzufassen und Räume aufzuteilen. «Die Gebäude sollen möglichst 24 Stunden und sieben Tage ausgelastet sein.»

Programmieren und basteln

So teilen sich beispielsweise 29 Personen zwei Bandräume im Untergeschoss des Aufbaus an der Neuen Hard. Ein Teil der Halle dient als experimentelles Zentrum der Zwischennutzungen. Den Zuschlag dafür hat das Kollektiv «Wäscherei» bekommen, das dort eine Mensa betreiben sowie Ausstellungen und Performances veranstalten soll. Und im dritten Obergeschoss wird bald programmiert und gebastelt – hier ziehen rund 50 Personen ein, die sich zu einem Hackerspace-Kollektiv zusammengeschlossen haben. Federführend war der Zürcher Ableger des Chaos Computer Club.

Hier ziehen bald 700 Zwischennutzer ein. Hirschi arbeitet dann 40 Prozent als Hauswart für die Raumbörse. Foto: Sabina Bobst

Das freut Cedric Hirschi. Auch er programmiert viel: Gemeinsam mit zwei Partnern hat er eine auf den Handel mit Bitcoin spezialisierte Firma gegründet. Bei der Zentralwäscherei in Regensdorf arbeitet er mittlerweile nicht mehr. Hirschi will irgendwann von der Softwareentwicklung leben können. «Hauptsächlich mache ich es aber aus Idealismus», sagt er. Er ist überzeugt, dass Bitcoin dereinst die aktuellen Währungen ablösen und die Welt zu einem gerechteren und besseren Ort machen wird.

Schon heute ein guter Ort ist für Hirschi die Zentralwäscherei: «Ich wollte immer dort wohnen und arbeiten, wo sich Junge und Kreative treffen», sagt er. Die Aussicht stimmt weiterhin.

Erstellt: 23.01.2020, 22:49 Uhr

Erst Zwischennutzung, dann Pflegeheim und Hallenbad

Die ehemalige Zentralwäscherei Zürich (ZWZ) wird mindestens sechs Jahre zwischengenutzt. Das Sportamt unterhält den kleineren Teil der Fläche und schafft in der Shedhalle eine rund 1800 Quadratmeter grosse polysportive Zone mit Spiel- und Trainingsmöglichkeiten. Tagsüber ist diese den Schulen vorbehalten, abends und am Wochenende steht sie allen offen. Mit rund 4800 Quadratmetern vermietet den grösseren Teil der Fläche die Raumbörse des Jugendkulturhauses Dynamo. Neben den direkten Vermietungen nutzt die städtische Wirtschaftsförderung einen Teil der Fläche als Co-Working-Space und «Startzentrum», das Jungunternehmen bei der Gründung hilft. Das Amt für Kultur vergibt einige Räume als Ateliers und Musikboxen.

Die ZWZ und das Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse (KHKW) bilden zusammen das Josef-Areal. Die Stadt reisst den Grossteil des KHKW ab und baut den Rest zur Energiezentrale für das Fern wärmenetz um. Nach der Zwischen nutzung der ZWZ wird damit ab 2026 die Fläche von insgesamt über 20'000 Quadratmetern mehrheitlich frei. Das Amt für Städtebau plant darauf ein Pflegezentrum mit Alterswohnungen, ein Hallenbad, einen Werkhof sowie einen Quartierpark mit mindestens 3000 Quadratmeter Grünfläche und Bäumen. Zusätzlich sollen auch Begegnungsräume für die Quartierbevölkerung entstehen, in welcher Form, ist noch offen.

Die Stadt plant mehrere Informationsveranstaltungen. Die erste findet am 27. Januar um 18.30 Uhr im Schulhaus Schütze statt. Die Anmeldefrist ist jedoch bereits verstrichen. Die Stadt infomiert über die Entwicklung des Josef-Areals auch per Newsletter. (hwe)

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