«Mein Vater holte mich um 20 Uhr aus der Kontiki»

In zwei Monaten werden die Gläser zum letzten Mal gehoben: Das Kontiki und die Züri-Bar schliessen. Frühere Stammgäste trauern um die Kult-Lokale.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Kontiki-Bar und die angrenzende Züri-Bar im Zürcher Niederdorf sind Kult. Seit Jahrzehnten gehen hier die Drinks über die dunklen Theken - das Zürcher Nachtleben ohne diese Bars kann man sich kaum vorstellen. «Meine Kinderstube geht zu», sagt Beat Schlatter. In den Achtzigern war der Komiker Stammgast, seine Betroffenheit über die Schliessung ist gross: «Es fühlt sich an, wie wenn jemand gestorben ist, den man gut gekannt hat».

Die Bars hätten Anfang der Achtzigerjahre zu den wenigen Orten in Zürich gehört, an denen Punks überhaupt bedient wurden, erzählt Schlatter am Telefon. Er ist gerade in einer Sitzung mit Peter Preissle, dem Pornoproduzenten und Niederdorf-Bewohner, als wir ihn erreichen. «Wir haben fast die ganze Sitzung lang über das Kontiki gesprochen», sagt Schlatter.

Ein von Ann Gee (@aotearoan) gepostetes Foto am

Der Komiker war damals Drummer der Band Kleenex (Liliput), hatte blond gefärbte Haare und wohnte wie viele seiner Freunde in einer engen Wohnung. Das Kontiki sei für sie wie eine grosse Stube gewesen, in der sich alle trafen. «Zu den Besuchern gehörten Prostituierte, Galeristen, Fotografen und Musiker». Dass die Bars nun schliessen, bewegt Schlatter und Preissle. Die Gründe kennen dafür sie nicht, Schlatter vermutet, dass die Jungen heute anderswo in den Ausgang gehen, Preissle tippt auf Lärmklagen. «Das Problem ist, dass man heute zum Rauchen raus muss», ruft er aus dem Hintergrund.

Vor 54 Jahren nach Hause geholt worden

Die Erinnerung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser Thedi Roost gehen noch einiges weiter zurück: 1961 war nach dem Besuch der Fasnacht viel früher Schluss, als er das wollte: «Ich bin jetzt 70 und wurde mit 16 an einer Fasnacht von meinem Vater um 20 Uhr aus der Kontiki nach Hause geholt», schreibt er.

Seit damals sei die Bar oder die Zentralbibliothek sein zweites Wohnzimmer gewesen, wann immer er in Zürich weilte. «Viele alte Freunde waren immer da anzutreffen, wie eine Familie, sei es auf ein Schwatz oder eine Piste.» Die Züri-Bar habe eine sehr alte Geschichte. «Da gab es einst sogar Billiard Tische im oberen Stock und Felix (Lenz, heutiger Eigentümer; a.d.Red.) war einst Gast mit uns.» Seine Erinnerung schliesst Roost mit «Schade, schade, schade!!!».

«Man traf immer jemanden, den man kannte»

Auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran gehörte zu den Stammgästen. «Ich gehörte zur Kontiki-Fraktion». Für sie als waschechte Stadtzürcherin ist die Schliessung ein herber Verlust. In den 1970er-Jahren ging Badran mehrmals in der Woche ins Kontiki. Man konnte alleine hin und traf immer Bekannte, sagt sie. Im Sommer waren die Gäste vor allem draussen. Die Leute vermischten sich mit den Besuchern der Züri-Bar gleich daneben. Dass die beiden Lokale nun schliessen, ist für die Nationalrätin ein weiterer Verlust von Orten, die den Stadtbewohnern Heimat waren.

«Es ist völlig gestört, was in Zürich passiert. Immer mehr Fressbeizen und angestammte Läden gehen zu, weil sich die Betreiber die Mieten nicht mehr leisten können.» Für Badran ein Teufelskreis. Weil sich die Bewohner von Zürich nur noch knapp die teuren Wohnungsmieten leisten können, sparen sie bei den Ausgaben und würden weniger auswärts essen gehen. Sie ist sich sicher: «Bei der Schliessung des Kontiki und der Züri-Bar geht es um die Geldmaximierung.»

Geschäftliche Gründe

Über die Gründe für das Aus der beiden Lokal will sich Eigentümer Felix Lenz bisher nicht äussern. Dem «Tages-Anzeiger» bestätigte er lediglich die Schliessung aus «geschäftlichen Gründen». Stammgäste sagen, die Orte seien nach wie vor gut besucht worden.

Was mit der Liegenschaft geschehe, könne er derzeit noch nicht sagen, so Lenz. Die Bars mit ihren nikotingelben Wänden sind Zeugen einer längst vergangenen Zeit, in der das Niederdorf das Zentrum des Zürcher Nachtlebens war.

Beliebtes Sujet: Das Knochengerüst im Schaufenster der Züri-Bar:

1955 wurde die Kontiki-Bar eröffnet. Die Stadt Zürich schreibt auf ihrer Webseite: «Das Kon-Tiki, nur durch eine Tür von der Züri Bar getrennt, ist nicht nur die älteste im Tiki-Stil gestylte Bar Europas, sondern bildlich gesprochen auch die beliebteste Zapfsäule der eigenwilligsten Zürcher Rockschlachtrösser.» In den Siebzigern verkehrten in dem Lokal Künstler und Bohemiens, hier trafen sich David Weiss und Peter Fischli vom Künstlerduo Fischli/Weiss.

Über die Züri-Bar schreibt die Stadt: «Der Ort, an dem fast jeden Abend die Legende des heiligen Trinkers neu geschrieben wird. Hier sitzen Stadtoriginale neben gefallenen Engeln und schwärmen von der Vergangenheit, als gäbs kein Morgen mehr.»

Szenen aus vergangenen Tagen: Clip aus der Züri-Bar:

«Noch einen letzten Shot!»

Doch die wilden Zeiten der Kontiki- und der Züri-Bar sind schon eine Weile her. Heute verbringen die Einheimischen den Ausgang im Langstrassenquartier - dem Dörfli bleiben Polterabendgrüppchen und Touristen. Ein Stammgast der Kontiki- und Züri-Bar schreibt auf Facebook, dass die Lokale noch bis Ende Jahr geöffnet bleiben. «Also spätestens am 31. Dezember noch den letzten Shot mit uns trinken!!!» Alkoholika, es ist eine alte Weisheit, machen den Abschied erträglicher.

Abwechslung zum Alkohol: Ode an einen Kaffee in der Züri-Bar.

Haben Sie bleibende Erinnerungen ans Kontiki und persönliche Anekdoten. Oder kennen Sie dunkle Geheimnisse der Bar? Senden Sie uns Ihre Erinnerung, Ihr Erlebnis per E-Mail

Bedauern per Twitter:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2015, 17:34 Uhr

«Kon-Tiki und ich»

1955 eröffnete Edith Frei im Zürcher Niederdorf das Lokal Kon-Tiki. Sie verwendete für das Namenschild und die Getränkekarte das Gesicht, das auf dem Segel der Kon-Tiki gemalt war. Dieses wurde von Erik Hesselberg, dem Steuermann der Kon-Tiki entworfen.

Als Vorlage diente der Kopf einer Statue, die hoch in den Anden steht und einen weissen König darstellt, der das Land vor den Inkas regiert haben soll. Für die Getränkekarte wurden Illustration aus seinem Buch «Kon-Tiki und ich» verwendet, das 1950 im Zürcher Arche Verlag erschien.

Das Lokal wurde vom Ehemann der Besitzerin ausgestattet und hat sich bis heute nicht gross verändert. Im Schaufenster der Bar befindet sich seit kurzem eine selbst gebastelte Miniaturreplika des Flosses, das in den fünfziger Jahren von einem begeisterten Kon-Tiki Fan im Geiste von Thor Heyerdahl entstand und dem heutigen Besitzer Felix Lenz geschenkt wurde.

Das Kon-Tiki verkam nie zu einer Cocktailbar im amerikanischen Stil, sondern blieb eine Bar für Seemänner und Abenteurer, oder solche die es werden wollten. Mitte der 70er Jahre erlangte das Kon-Tiki im Umfeld der neuen Kunst- und Musikszene Kultstatus (Behandelt im Buch Hot Love Swiss Punk & Wave und 1979 besungen von Kurt Maloo).

Heute amüsieren sich die Kinder dieser Szene bei Rock- und Punkmusik und der eine oder andere träumt sicher von fernen, mystischen Südseeinseln. (Quelle: tikieurope.com)

Artikel zum Thema

Das Kon-Tiki und die Züri-Bar schliessen

Die beiden Kult-Orte im Niederdorf machen für immer zu. Die Gründe sind noch nicht bekannt. Mehr...

Niederdorf – Museum des Nachtlebens

Reportage Früher war es das Zentrum des Zürcher Nachtlebens: Das Niederdorf. Heute finden die Stadtblogger in der Altstadt nur noch einbalsamierte Träume einstiger Coolness. Mehr...

Seltsames Spiel mit der Kontiki-Bar

Ein Vermittler bietet das Lokal im Niederdorf im Internet für 600'000 Franken zur Miete an – als Laden. Einen Auftrag vom Eigentümer hat er nicht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...