«Meine Argumente bleiben gültig»

Am 30. Mai 1980 begannen die grössten Jugendunruhen, die Zürich je gesehen hatte. Feindbild Nummer eins war Erziehungsdirektor Alfred Gilgen.

Hassfigur Gilgen: Demonstranten der Jugendbewegung wehrten sich im Sommer 1980 gegen den Erziehungsdirektor. Foto: Keystone Photopress-Archiv

Hassfigur Gilgen: Demonstranten der Jugendbewegung wehrten sich im Sommer 1980 gegen den Erziehungsdirektor. Foto: Keystone Photopress-Archiv

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Als Regierungsrat war Alfred Gilgen nicht einer von vielen. Er war einer, der wirklich regierte, und zwar vom ersten Tag an. Als er 1971 Erziehungs­direktor wurde, schloss er als Erstes die Universität – wegen einer antifaschistischen Woche von linken Studenten. Damit war der Grundstein gelegt, dass Gilgen für eine ganze Generation von Jugendlichen zur Hassfigur wurde: «Gilgen an den Galgen», «Gilgen vertilgen», «Gilgen hau ab». So fuhren sie ihm an den Karren. Beeindruckt hat dies den kleinen Mann aus Zürich-Nord wenig. Alfred Gilgen ging seinen Weg, blieb unbeugsam. Er war ein glasklarer Analysierer und brillanter Redner. Die bürgerlichen Parteien beneideten den Landesring insgeheim um diesen gradlinigen Magistraten. Auch bei den 80er-Unruhen regierte Gilgen mit harter Hand. 24 Jahre lang blieb er im Amt. Heute ist Alfred Gilgen 85, wohnt wie damals immer noch im gleichen Häuschen in Affoltern. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat ihn dort besucht.

«Herein», tönt es aus dem Soussol. Die zackige Entschlossenheit des Offiziers hat Gilgen verloren, er ist nicht mehr gut zu Fuss. Als wir eintreten, zieht er sich am Geländer die Kellertreppe hoch und führt uns mit unsicherem Gang ins Wohnzimmer. Seinen Schalk hat Gilgen aber behalten. Er ziehe heute die geistige Fitness der körperlichen vor, sagt er lächelnd. Ob wir rauchen wollten, fragt er. Wollen wir nicht. «Aber ich rauche», sagt Gilgen und holt eine seiner Brissagos, zündet sie an – mit Strohhalm, wie es sich gehört. Dann lässt er sich einen Aschen­becher reichen, bläst für die Fotografin Rauchschwaden ins üppig möblierte Wohnzimmer und erwartet unsere Fragen.

Am 30. Mai 1980 begannen beim Opernhaus die Jugendunruhen. Sie sind mitten in die Strassenschlacht geraten. Wie kam das?
An jenem Freitagabend sind die Junifestwochen eröffnet worden. Wir waren eingeladen. Auf dem Heimweg sagte ich zu meiner Frau: Jetzt gehen wir noch schauen, ob beim Opernhaus tatsächlich etwas los ist.

War die Demo angekündigt?
Ich glaube schon. Wir sind also zum Bellevue gefahren. Dort haben bereits die ersten Container gebrannt. Kurz nachdem wir ins Limmatquai eingebogen sind, hat mich jemand im Auto erkannt. Und sofort ging die Nachricht wie ein Lauffeuer das Limmatquai hinunter: Gilgen ist da, Gilgen ist da. Und der Gilgen hat dann sofort die Scheibe hinaufgedreht, die Türen verschlossen und ist so schnell wie möglich davongefahren.

Fürchteten Sie sich?
Ja, aber für mich war es im Allgemeinen nie so schlimm. Von unserer Familie habe ich am wenigsten gelitten. Ich konnte mich immer wehren mit Communiqués und mit Äusserungen.

Wer war Ihrer Meinung nach schuld, dass die Gewalt an diesem Abend so eskalierte?
Ich bin der Meinung, dass die Demonstranten schuld waren, nicht die Polizei.

Wer war aber grundsätzlich schuld an der aufgeheizten Stimmung, die solche Unruhen möglich machte?
Wenn man an der Oberfläche kratzt, gab es zwei Hauptgründe. Erstens hatte der Stadtrat sein Versprechen eines Jugendhauses 30 Jahre lange nicht eingelöst oder nicht einlösen können. Dann hatten die Demonstranten aber auch kritisiert, die Mittelverteilung in der Kultur sei unsinnig und einseitig. Da hatten sie ein Stück weit recht. Das meiste Geld floss in die grossen Kulturinstitute, und für die kleinen blieb kaum etwas übrig.

Haben Sie das damals auch gedacht?
Ich habe es zur Kenntnis genommen. Im Rückblick denke ich, dass es nicht gerecht war. Aber solange niemand reklamierte, hatte man die Mittelverteilung nicht infrage gestellt.

Gut, sind die Jugendlichen damals auf die Strasse gegangen.
In diesem Punkt haben sie etwas erreicht. Ich sage nicht, die Kultur sei damit besser geworden – auch das nicht, was in den grossen Kulturinstituten geboten wird.

Waren Sie auch im Opernhaus?
Ja, und im Schauspielhaus. Ich war bei diesen Institutionen Verwaltungsrat. Da wollte ich mir natürlich ein Bild machen, was auf den Bühnen geboten wurde.

Und das Theater am Neumarkt?
Dort war ich mehrmals mit meiner Frau. Doch nach einiger Zeit gingen wir nicht mehr hin. Denn jedes Mal sind wir im Neumarkt angepöbelt worden.

Haben Sie das persönlich genommen, oder konnten Sie sagen, ich werde hier als Exponent der Regierungsmacht angepöbelt?
Das spielt keine Rolle, angepöbelt ist angepöbelt. Es ist einfach unangenehm.

Eine Woche später haben Sie einen Kurzfilm über die Krawalle, der am ethnologischen Seminar der Universität zu Forschungszwecken ­gemacht wurde, verboten. Warum?
Ich musste mir später mehrfach anhören, das sei eine Dummheit gewesen. Aber es war ein absolut bewusster Entscheid – ich wollte nicht, dass ein mit staatlichen Mitteln gemachter Film für agitatorische Zwecke gebraucht wird. Ich habe dieses Verbot ungern ausgesprochen, da ich selbstverständlich wusste, dass dies die Lage anheizen würde.

Das ist ja auch prompt geschehen. War das Verbot ein Fehler?
Unter den damaligen Umständen würde ich selbstverständlich wieder gleich handeln. Meine Argumente sind nach wie vor gültig.

Am gleichen Abend ist es wieder zu Ausschreitungen gekommen.
Ich glaube, das stimmt. Was ich noch genau weiss: Ursprünglich war es keine universitäre Bewegung, aber mit meinem Verbot haben die 80er-Unruhen auch auf die Universität übergegriffen.

Kürzlich haben Sie sich mit Heinz Nigg und René Baumann, den Autoren des Films «Züri brännt», zum Interview getroffen. Wie war dieses Wiedersehen?
Freundlich. Ich trage ihnen nichts nach und sie mir auch nicht. Das würde gar nichts bringen, wenn man sich nach 35 Jahren weiter beschimpfen oder anklagen würde.

Hat dieses Treffen bei Ihnen zu einem späten Umdenken geführt?
Nein, das nicht. Die beiden Filmemacher haben behauptet, der Film habe keinen Franken öffentliches Geld gekostet. Das stimmt nicht. Kein Film kostet keinen Franken. Sie haben das Geld aus dem Budget des ethnologischen Seminars gehabt.

Sie waren Erziehungsdirektor. War das Filmverbot eine ­erzieherische Massnahme?
(Lacht) Nein, es war eine schützende Massnahme. Ich wollte das Wohlwol­len der Behörden, des Volkes, aller Geld­geber für die Universität nicht gefährden.

Das ist doch erzieherisch.
Wen wollte ich erziehen?

Diejenigen, die mit öffentlichen Geldern an der Universität ­Forschung betrieben.
Forschung ist ein bisschen hoch gegriffen für «Züri brännt». Nein, es war eine schützende Massnahme. Es gab genügend Leute, die sagten: Für so einen «Seich» haben sie Geld, aber für uns nicht. Aus Sportlerkreisen hörte man solche Dinge.

Heinz Nigg musste seine ­akademische Laufbahn an der ­Universität Zürich abbrechen . . .
. . . selbstverständlich habe ich mir überlegt, ob ich der Auslöser dafür war. Ich weiss es beim besten Willen nicht mehr. Aber es wäre billig, wenn ich heute sagen würde, ich wars nicht. Letztlich war sein Weggang auf mein Verhalten zurückzuführen gewesen.

Bedauern Sie heute, dass Nigg ­aufhören musste? Oder sagen Sie: Selber schuld?
Beides. Er war schon selber schuld. Aber die Konsequenzen waren für ihn härter, als ich mir das gewünscht hatte. Ich habe erst jetzt, bei diesem Treffen, von seiner Geschichte gehört. Man will ja niemanden ein Leben lang strafen wegen einer Jugendsünde.

Sie hatten damals den Ruf, ­unerschrocken zu handeln. Sie mischten sich zum Beispiel ­verkleidet unter die Demonstranten. Wie haben Sie sich verkleidet?
Das stimmt. Einmal habe ich das gemacht. Die Demonstration war gleich vor meinem Büro am Walcheturm. Ich habe mir für 300 Franken eine Langhaar-Perücke gekauft und einen Rollkragenpullover angezogen.

Sie riefen dann «Gilgen an den ­Galgen»?
Nein, das nicht. Das Ganze war aber relativ harmlos. Es gab gefährlichere Erlebnisse. Einmal ging ich an einem Abend durchs Niederdorf. Da befürchtete ich, dass mich die Demonstranten zusammenschlagen. Das war unvorsichtig. Aber ich suchte ein bisschen meine Freiheit und dachte: Das ist öffentlicher Grund, und den darf auch ich benützen.

Welchen Erkenntnisgewinn hatten Sie von der verdeckten Ermittlung mit der Perücke?
Ich kann mir seither den Solidarisierungseffekt besser vorstellen.

Sie waren das grösste ­F­eindbild der bewegten Jugend. Wie haben Sie dies sonst noch gespürt?
Ich habe aus meinem Bürofenster das Ende der Bahnhofstrasse gesehen. An einem Samstag habe ich dort einen ­Demonstrationszug beobachtet. Es war eine riesige Menschenmenge. Der Demonstrationszug wollte nicht mehr enden. Das hat mir zu denken gegeben.

Was dachten Sie?
(Lacht) Was ist bloss der Grund, dass die in solchen Massen auf die Strasse gehen?

Wissen Sie, dass die Bewegten am Bockmattli beim Wäggitalersee eine schwierige Kletterroute (Grad 7) nach Ihnen benannt haben?
Nein.

Die Route heisst bis heute «Gilgen hau ab». Sind Sie stolz darauf, oder ärgert Sie das?
Weder noch. Ich war einiges gewohnt. Meine private Telefonnummer war jahrelang am Hirschengraben an eine Wand gesprayt.

Bei den Unruhen der 80er-Jahre war vor allem der Zürcher Stadtrat gefordert. Wie hat er aus Ihrer Sicht die Krise gemanagt?
Er hat wie der Regierungsrat ein Communiqué herausgegeben. In beiden hiess es, man müsse Ruhe und Ordnung wieder herstellen.

Hat sich der Regierungsrat mit dem Stadtrat abgesprochen?
Wir sind nicht absolut koordiniert vorgegangen. Aber wir haben miteinander gesprochen. Ich hatte das Gefühl, der Stadtrat war froh, dass ich den Film verboten hatte und er nicht mehr so im Fokus des Ärgers stand. Aber unser Verhältnis war damals offen und vertrauensvoll.

Wenn Sie nochmals an die bewegten Zeiten der 80er-Jahre zurückschauen: Was würden Sie heute anders machen?
Man müsste etwas gelassener sein. Aber das kann man im Nachhinein immer gut sagen. Ich bin der Meinung, dass wir grundsätzlich richtig gehandelt haben.

Die verstorbene SP-Stadträtin Emilie Lieberherr hat vor einigen Jahren gesagt, nach den Jugendunruhen habe in Politik und Gesellschaft ein Umdenken stattgefunden. Teilen Sie diese Meinung?
Nein, diese Meinung teile ich überhaupt nicht. Die Unruhen hatten einen Einfluss auf die Mittelverteilung in der Kultur. Und sie haben die Realisierung des Jugendhauses Drahtschmidli stark beschleunigt.

Aber genutzt hat die bewegte Jugend das Drahtschmidli kaum. Warum?
Ich weiss es nicht. Es ist absurd.

Geplant hat dieses Haus der Stadtrat und nicht die bewegte Jugend.
Die bewegte Jugend wollte einen rechtsfreien Raum. Doch so etwas gibt es bei uns schlichtweg nicht.

In Zürich gibt es derzeit eine ­Reclaim-the-Street-Bewegung. ­Welche Parallelen sehen Sie zu der Jugendbewegung der 80er-Jahre?
Da bin ich zu wenig nahe dran. Meines Erachtens ist dies ein Abklatsch der damaligen Bewegung. Das künstliche Wiederbeleben einer Leiche.

Welches Bild haben Sie von der heutigen Jugend?
Ein mehrheitlich positives. Die meisten Jugendlichen wollen heute eine gute Ausbildung, und sie wollen etwas erreichen.

Wollte die damalige Jugend nichts erreichen?
Der Anteil jener Jugendlichen, die «das Chalb» machen wollten, war grösser als heute.

Die Freiräume für die Jugend waren auch viel kleiner.
Heute gehen die Jugendlichen erst um 23 Uhr abends in den Ausgang, das stimmt. Ob das ein wahnsinniger Fortschritt ist, bezweifle ich aber.

Wieso?
Was bringt es denn, dass sich der Ausgang drei Stunden nach hinten verschoben hat?

Es gibt den Jungen die Möglichkeit, auch nach Mitternacht noch in den Ausgang zu gehen.
Diese Möglichkeit ist ein Zwang. Die Jungen können heute gar nicht mehr um 20 Uhr in den Ausgang. Sie müssen noch drei Stunden warten.

Doch die Aggressionen kann man heute im Ausgang offiziell und nicht nur inoffiziell abbauen.
Ich habe nichts gegen den heutigen Betrieb. Doch ich darf mir trotzdem die Frage stellen, ob die heutige Lebensweise besser ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2015, 20:48 Uhr

Collection

Züri brannte

Alfred Gilgen. (Bild: Sabina Bobst)

Chronik

30. Mai 1980: Opernhauskrawall

Rund 200 Jugendliche verlangen vor dem Opernhaus die Freigabe der Roten Fabrik als Kulturzentrum. Die Opernhausbesucher werden mit Eiern beworfen. Die Stadtpolizei vertreibt die Demonstranten und setzt Tränengas ein. Am Limmatquai kommt es zu Strassensperrungen und Plünderungen. Die Krawalle dauern das ganze Wochenende.

9. Juni: Filmverbot

Erziehungsdirektor Alfred Gilgen verbietet die Vorführung eines Kurzfilms des Ethnologischen Seminars der Uni Zürich, der die Opernhauskrawalle zeigt. Am Bellevue kommt es zu einer weiteren Krawallnacht.

12. Juli: Schwere Krawalle

Eine Demonstration vor dem AJZ, das Ende Juni unter der Trägerschaft der SP eröffnet wurde, artet in die schwersten Krawalle seit Beginn der Jugendunruhen aus. Auch Passanten im Niederdorf werden in Tränengas gehüllt.

16.Juli: Müller-Sendung

Zwei Vertreter der Jugendbewegung nehmen als «Herr und Frau Müller» an einer Fernsehdiskussion teil. Sie argumentieren auf überspitzte Weise mit Schlagworten der Gegenseite. Die Ironie wird nicht goutiert. «Frau Müller» erhält Morddrohungen.

5. September: AJZ-Schliessung.

Die Polizei schliesst das AJZ. Als Reaktion darauf wird die Bahnhofstrasse verwüstet. Bei Krawallen am Wochenende werden 228 Personen verhaftet.

12.Dezember: Selbstverbrennung

Am Bellevue zündet sich eine Frau aus Protest an und stirbt.

24. Dezember: Weihnachtsdemo

Gegen den Entscheid des Stadtrates, das AJZ über Weihnachten nicht zu öffnen, demonstrieren 3000 Personen. Die Demo endet im Fiasko: Der Sturm aufs AJZ misslingt, die Polizei räumt die Umgebung. In den folgenden Monaten ist das AJZ mehrmals Mittelpunkt von Auseinandersetzungen, im März 1982 wird es geschlossen und abgebrochen.

30. Mai 1981: Jubiläumsdemo

Ein Jahr nach dem Opernhauskrawall kommt es wieder zu Krawallen, die aber nur von einer Minderheit getragen werden.

Serie «Züri brannte»

Rückblick auf die 80er-Unruhen

30. Mai 1980 in Zürich, junge Leute protestieren vor dem Opernhaus: «Wir sind die Kulturleichen dieser Stadt.» Die Polizei rückt in Kampfmontur an, so beginnen die Un­ruhen, die Zürich in den nächsten Monaten in Atem halten. Der TA blickt in der fünfteiligen Serie «Züri brannte» aus verschiedenen Winkeln zurück auf die Turbulenzen.

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