Interview

«Meine Frau und ich müssen uns nicht mit Cervelats begnügen»

Stadtrat Martin Waser (SP) hat mit seinem Privatvermögen die umstrittene Kunstaktion Hafenkran gerettet.

Vom Hafenkran begeistert: Der Zürcher Stadtrat Martin Waser.

Vom Hafenkran begeistert: Der Zürcher Stadtrat Martin Waser. Bild: Sabina Bobst

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Sie haben sich bereit erklärt, die Mehrkosten für den Hafenkran aus der eigenen Tasche zu bezahlen: 80'000 Franken. Seit Mitte Januar läuft allerdings eine Spendenaktion, die Sie finanziell entlasten soll. Wie viel ist bis jetzt zusammengekommen?
Bis jetzt knapp die Hälfte, rund 36'000 Franken.

Von wie vielen Personen? Oder sind auch Firmen dabei?
Etwa 100 Personen, aber keine Firmen. Es handelt sich um Spenden zwischen 10 und 5000 Franken.

Was sind das für Leute? Ihre Verwandtschaft? Die Erbtante? Parteigenossen? Mitarbeiter? Waser-Fans?
Nein, das ist nichts Persönliches. Das sind Menschen, die wie ich den Hafenkran wollen. Die meisten kenne ich nicht, etwa die Hälfte wohnt nicht einmal in der Stadt.

Gehören Ihre Kolleginnen und Kollegen im Stadtrat auch zu den Spendern?
Einige ja.

Ihnen drohen jetzt immer noch 44'000 Franken, die Sie für diese sehr umstrittene Kunstaktion ausgeben müssen. Sind Sie dieses Risiko eingegangen, weil Sie ein schlechtes Gewissen haben? Sie haben schliesslich der Stadt den äusserst umstrittenen Hafenkran eingebrockt.
Ich habe kein schlechtes Gewissen, ganz im Gegenteil. Ich war von dieser Aktion von Anfang an begeistert und bin es immer noch. Seit 30 Jahren ist in Zürich nie mehr so viel über Kunst diskutiert worden wie über «Zürich Transit Maritim». Das hat viele Menschen zum Denken angeregt.

Aber warum mussten Sie überhaupt mit ihrem Privatvermögen einspringen?
Weil wir im Stadtrat zu einem ungünstigen Zeitpunkt mit den Mehrkosten konfrontiert wurden. Die Kosten von 600'000 Franken für die ganze Kunstaktion waren anfangs bloss geschätzt, da niemand wusste, was für ein Kran nach Zürich kommt. Dann stellte sich heraus, dass das ausgesuchte Modell ein besonderes Fundament braucht und dass ein Kandelaber versetzt werden muss. Von der Zeit her konnte man die Mehrkosten nicht über einen Nachtragskredit vom Gemeinderat einfordern. Mir war sofort klar, dass jetzt etwas gewagt werden muss, sonst ist das Projekt tot. Und das durfte nicht passieren. Wenn so lange über ein Kunstprojekt gesprochen und gestritten wird, muss die Bevölkerung wissen, wie es in Wirklichkeit aussieht.

Hat es das schon mal gegeben? Ein Stadtrat, der ein städtisches Projekt mit seinem Ersparten rettet?
Meines Wissens nicht. Ich habe jedenfalls dafür kein Vorbild.

Zuerst drohten gar 120'000 Franken, die Sie nach zwei SMS mit Ihrer Frau versprochen haben. Das wäre ein halber Stadtratslohn gewesen. Sitzt Ihnen das Geld immer so locker?
Ganz und gar nicht. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, und der Betrag ist im Verhältnis zu meinem Einkommen als Stadtrat tatsächlich satt. Allerdings konnten meine Frau und ich in den letzten zwölf Jahren auch etwas auf die Seite legen. Wir müssen uns jedenfalls nicht mit Cervelats begnügen. Und dass ich den letzten Wahlkampf nicht mehr mitfinanzieren musste, macht die finanzielle Wunde ebenfalls verkraftbar.

Wie viel mussten Sie denn als Stadtrat jeweils für den SP-Wahlkampf beisteuern?
Das ist eine interne Angelegenheit. Es handelt sich um einen fünfstelligen Betrag.

Was machen Sie mit dem Überschuss, falls die Spendenaktion mehr als 80'000 Franken einbringt?
Das Geld würde für «Zürich Transit Maritim» verwendet: für die Rahmenveranstaltungen und andere Aktivitäten.

Merkwürdig am Ganzen ist doch auch, dass Sie als ehemaliger Vorsteher des Tiefbaudepartementes gar nicht für die Kultur zuständig waren und jetzt doch Zürichs grösstes und an Tonnen schwerstes Kunstobjekt gerettet haben.
Für den öffentlichen Raum ist eben im Wesentlichen das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement zuständig. In dieser Funktion habe ich den Ideenwettbewerb für eine Kunstaktion am Limmatquai initiiert. Und ich bin überzeugt, wenn der Kran Mitte April steht, wird das eine neue Qualität in der Diskussion um Kunst im öffentlichen Raum geben. Der Kran wird Krusten lösen, und dafür engagiere ich mich gern. Wenns sein muss, auch mit Geld.

www.zurich-transit-maritim.ch

Erstellt: 24.03.2014, 07:34 Uhr

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