«Meine Söhne sind volljährig, ich amte als Stadtrat»

Polizeivorsteher Richard Wolff musste das Labitzke-Areal räumen. Er spricht über die Anliegen der Besetzer und wie er dazu steht, dass sich vermutlich einer seiner Söhne im Areal aufhielt.

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Das Labitzke-Areal ist geräumt, wie lautet Ihre Bilanz?
Ich wäre froh gewesen, die Besetzer ­hätten das Areal bereits früher freiwillig geräumt. So mussten wir räumen. Es lag eine gültige Abbruchbewilligung vor. ­Zudem reichte die Firma Mobimo, die Eigentümerin des Geländes, eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs ein. Wir waren folglich zum Handeln gezwungen. Ich kann aber sagen, dass es für mich ein schwieriger Moment war.

Warum riegelte die Polizei das Gelände nicht am Dienstag ab und liess die Besetzer zurückkehren?
Dahinter stehen polizeitaktische Überlegungen, die ich hier nicht im Detail ausbreiten kann. Es gibt einen gewissen zeitlichen Spielraum für eine ­Räumung.

Haben Sie Verständnis für die Besetzer, die im Areal ausharrten und für ihre Anliegen kämpften?
In Zürich ist es tatsächlich schwierig, Freiräume und Nischen zu finden. In der Stadt wird es immer enger. So viel Verständnis kann ich den Besetzern entgegenbringen.

Ihre Partei, die AL, spricht in einer Mitteilung von einem Abriss auf Vorrat. Pflichten Sie dem bei?
Diese Einschätzung teile ich nicht. Auf dem Labitzke-Areal gab es während zweieinhalb Jahren Zwischennutzungen. Das war eine erfolgreiche Zeit. Es war absehbar, dass dieses Projekt früher oder später zu Ende gehen würde. Man kann nur hoffen, dass es in dieser Stadt weitere solche Möglichkeiten für Zwischennutzungen geben wird.

Wo stellen Sie sich diese vor?
Das weiss ich momentan nicht. Es gibt bestehende wie das Koch-Areal, das ehemalige Amag-Areal in Schwamendingen, andere stellt die Stadt zur Verfügung. Ich sehe allerdings, dass die Nachfrage nach solchen nicht kommerziellen Freiräumen sehr gross ist. Dessen muss sich die Stadt annehmen.

Die Demonstranten veranstalteten Sitzblockaden, waren nicht ­gewalttätig. Wie beurteilen Sie diese neue passive Form des Widerstandes?
Gewalt von Besetzern gegen die Polizei liegt nun doch schon einige Jahre zurück. Ich denke, es handelt sich vielleicht um einen Kulturwandel. Man leistet Widerstand, doch verzichtet dabei auf Gewalt. Das ist doch gut so.

Es gab Gerüchte, dass sich Ihre Söhne im Labitzke-Areal aufhalten würden. Dachten Sie daran, in den Ausstand zu treten?
Meine Söhne sind volljährig. Ich amte als Stadtrat. Für einen Ausstand gab es keinen Grund.

Ihre sonst sehr polizeikritische Partei äussert sich heute lobend. Will man den eigenen Polizeivorsteher schonen?
Nein, es war ein sehr besonnener, zurückhaltender Einsatz. Man wollte absolut sicher sein, dass weder die Polizei, Feuerwehr oder Sanität noch die Besetzer zu Schaden kommen. Diese Einsatztaktik ging auf, niemand wurde verletzt, was man als Erfolg werten kann.

Für die Taktik ist der Kommandant zuständig. Trotzdem: Wie weit haben Sie darauf Einfluss genommen?
Wir haben den Einsatz so lange mit­einander besprochen, bis wir uns einig waren. Das Resultat ist bekannt.

Das heisst, es gab grössere Differenzen zu bereinigen.
Wenn verschiedene Leute an einem Tisch sitzen, gibt es immer unterschiedliche Meinungen. Ich kann aber sagen, dass diese nicht weit auseinanderlagen.

Das Koch-Areal muss in zwei Jahren geräumt werden. Machen Sie sich schon jetzt Gedanken darüber?
Dafür ist es noch zu früh, die Zwischennutzung könnte auch länger dauern.

Zahlen die Besetzer die Räumungskosten?
Ich bin froh, dass die Räumung vorüber ist. Die Kostenfrage ist momentan zweitrangig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2014, 23:12 Uhr

Der ehemalige AL-Gemeinderat ist seit April 2013 Vorsteher des Polizeidepartements. Zuvor war der 57-Jährige Mitbegründer des Stadtforschungs­netzwerks Inura. (Bild: Reto Oeschger)

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