«Menü 1? 0,0124 Bitcoins, bitte»

Nun akzeptiert eine Mensa der Uni Zürich Bitcoins. Wir habens getestet – und stiessen auf Hürden.

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Der graue Kasten mit dem orangen Display ist nicht zu übersehen, wenn man das Foyer des Universitätsgebäudes an der Binzmühlestrasse in Oerlikon betritt. «It has never been so easy to buy and sell Bitcoin» steht auf dem Plakat neben der Maschine, die Schweizer Franken in virtuelle Münzen wechselt.

Seit Anfang September können Studierende in der dortigen Mensa ihr Essen mit der digitalen Währung Bitcoin bezahlen. Drei Masterstudierende der Informatik haben dafür eine Smartphone-App mit dem Namen Coin Blesk entwickelt. Schnell wie ein Blitz sollen Geldbeträge von einem Gerät aufs andere verschoben werden, deshalb der Name: «Blesk» ist das tschechische Wort für Blitz.

Das Neue an der App: Sie basiert auf der sogenannten Near Field Communication (NFC), einem Übertragungsstandard zum kontaktlosen Austausch von Daten, der auch in gewissen Kreditkartenchips zum Einsatz kommt. Im Gegensatz zu bestehenden Bitcoin-Bezahl-Apps muss deshalb nur eines von zwei Geräten während einer Transaktion mit dem Internet verbunden sein – eine Voraussetzung für den zweckmässigen Einsatz in Ladengeschäften.

Bitcoins haben gegenüber dem herkömmlichen bargeldlosen Bezahlen den Vorteil, dass Transaktionen direkt zwischen den Teilnehmern erfolgen. Dadurch werden Gebühren für Kartenherausgeber oder Bezahlunternehmen umgangen. Zudem kann die Währung weltweit verwendet werden.

Sorry, Android only

Die erste Hürde für den Bitcoin-Novizen: Man braucht das richtige Smartphone, um Coin Blesk überhaupt benutzen zu können. Nur Android-Handys ab Betriebssystemversion 4.4 unterstützen NFC. Deshalb gibt es die App noch nicht für das iPhone. Dies könnte sich jedoch mit der Generation 6 der Apple-Geräte ändern. Zum Glück stehen neben dem Automaten zwei freundliche Kundenbetreuer, die mir ein Testgerät ausleihen.

Das Einrichten eines Benutzerkontos in Coin Blesk verläuft denkbar einfach. Die Benutzeroberfläche ist gut verständlich und ansprechend gestaltet. Wer bereits Bitcoins besitzt, kann diese von seiner virtuellen Geldbörse, dem E-Wallet, auf die App übertragen. Ansonsten kommt der Bitcoin-Automat zum Einsatz.

Dieser verlangt als Erstes eine Handynummer, an die er einen Sicherheitscode verschickt. Hat man diesen eingegeben, kann man den Automaten mit Schweizer Banknoten füttern und erhält dafür auf seinem Coin-Blesk-Konto Bitcoins gutgeschrieben. Damit der Automat das virtuelle Geld an die richtige Adresse verschickt, generiert man mit Coin Blesk einen QR-Code und hält diesen auf einen Scanner. Für 10 Franken erhalte ich 0,022 Bitcoins.

Technikmuffel finden sich zurecht

Ganz so schnell wie ein Bargeldbezug am Bancomaten funktioniert der Bitcoin-Wechsel allerdings nicht: Weil die Transaktion im Bitcoin-Netzwerk verifiziert werden muss, dauert es rund zehn Minuten, bis der einbezahlte Betrag dem Coin-Blesk-Konto gutgeschrieben wird. Der Einkauf in der Mensa geht dafür flott vonstatten: Die Kassiererin tippt den Betrag auf einem Tablet in Schweizer Franken ein. Ich lege mein Handy auf das NFC-Terminal und bestätige den in Bitcoin umgerechneten Betrag, der sogleich von meinem Konto abgebucht wird.

Der Selbstversuch zeigt: Das Bezahlen mit Coin Blesk läuft reibungslos, auch ein Digitalmuffel findet sich sofort zurecht. Wer allerdings das Bitcoin-System wirklich verstehen will, muss sich einiges an Hintergrundwissen aneignen. Das mag manchem als Hindernis erscheinen. Andererseits: Wer weiss schon genau über unser Bankensystem Bescheid?

Währung mit Risiken

Projektleiter Thomas Bocek ist zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Testphase: «Aus technischer Sicht läuft alles stabil und zuverlässig, und die Benutzer loben das intuitive User-Interface der App.» Die Bitcoin-Umsätze in der Mensa halten sich bisher aber noch in engen Grenzen. Laut Bocek sind es rund 80 Franken pro Tag. Eine Warteschlange vor dem Automaten braucht man also nicht zu befürchten.

Mit die häufigste Frage, mit der die Projektverantwortlichen konfrontiert werden, ist diejenige nach den Kursschwankungen von Bitcoins. Die Internetwährung ist nicht eben bekannt für Stabilität. Wie können sich Käufer und Verkäufer vor Währungskapriolen schützen? «Unser Testsystem ist so eingerichtet, dass die Bitcoin-Beträge, die in die Kasse der Mensa fliessen, auf einer Onlinebörse sofort in US-Dollar gewechselt werden. Da die Kursschwankungen zwischen dem Dollar und dem Franken kurzfristig klein sind, ist das Risiko für den Verkäufer minim», erklärt Bocek.

Die Betreiber der Mensa brauchen also keinen Kurssturz von Bitcoins zu befürchten. Anders sieht es für die Nutzer aus, die die Währung in ihrem virtuellen Portemonnaie aufbewahren: Sie sind den Kursschwankungen ausgesetzt.

Noch nicht marktreif

Der Testbetrieb dauert voraussichtlich bis Ende dieser Woche. Die Zukunft von Coin Blesk ist noch offen. «Das Projekt hat momentan einen klaren Forschungscharakter», sagt Bocek. In einem nächsten Schritt soll es möglich sein, das Guthaben und die Transaktionen über einen Webbrowser zu verwalten. Bis in einem Ladengeschäft tatsächlich mit Coin Blesk bezahlt wird, dürfte es noch eine Weile dauern, wie Bocek einräumt. Voraussetzung dafür seien unter anderem eine grössere Verbreitung von Android 4.4 und wohl auch eine Version der App für das iPhone.

Erstellt: 16.09.2014, 11:12 Uhr

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