«Merci Udo»

Hunderte haben am Wochenende im Zürcher Theater 11 Abschied von Udo Jürgens genommen. Zum Beispiel das Ehepaar Scheitenberger. Es ist gar aus Deutschland angereist.

Das Ehepaar Scheitenberger trauert um sein grosses Idol. Foto: Sophie Stieger

Das Ehepaar Scheitenberger trauert um sein grosses Idol. Foto: Sophie Stieger

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«Merci Udo», schreiben Christiane und Rolf Scheitenberger am Samstag ins Kondolenzbuch. Gekommen ist das ältere Ehepaar aus Immenstaad am Bodensee. «Danke für all die schönen Melodien, all die wunderbaren Texte, die unser Leben schöner gemacht haben.» Sie schreiben auch, wie glücklich sie trotz ihrer Trauer sind, dass sie ihn letzten Oktober im Allgäu noch einmal live erleben durften. Ihr Idol Udo Jürgens, dessen Musik sie beide so lange begleitet hat.

«Alles ist möglich, sag einfach: Ja, ich kann!», sang Udo in Kempten noch. «Du glaubst an das Heute unbeirrt, weil so aus Träumen Wahrheit wird. Mitten im Leben und immer nah dran.»

Jetzt ist er weg. Und doch ist er noch da, und er wird noch lange bleiben. In den Herzen und Gedanken jener Hunderte, die ins Theater 11 in Oerlikon gekommen sind, um einem Grossen die letzte Reverenz zu erweisen. Und Abschied zu nehmen von einem Sänger und Entertainer, der für mehr als eine Generation eine Ikone war. Auf drei Pulten liegen Kondolenzbücher auf. Rasch füllen sie sich mit Erinnerungen, sanft und mit Bedacht geschrieben, als könnten wenigstens die Worte unvergänglich sein, genauso wie Udos Musik.

Auf der Bühne der einsame schwarze Flügel, scheinbar wartend auf seinen Pianisten, der nun nie mehr kommen wird. Dort, wo noch vor nicht langer Zeit Udos Musical «Ich war noch niemals in New York» Erfolge feierte. Der Flügel ist, wie immer am Ende seiner Konzerte, mit roten Rosen bedeckt. Ein Trauerkranz mit weissen Orchideen bestückt, ein Dank der Stadt Zürich an den Zürcher Künstler mit österreichischen Wurzeln, steht neben einer grossen Fotografie des Verstorbenen. Aus den Lautsprechern klingen die Instrumentalversionen seiner grössten Hits.

Vom Abschied sprach Udo nie

Als Rolf Scheitenberger die Nachricht von Udo Jürgens Tod erfuhr, sagte er zu seiner Frau: «Wenn ich dir das jetzt sage, wirst du traurig sein.» Und so war es auch. «Das kannst du doch nicht machen, Udo», habe sie gedacht, «dich einfach so aus unserem Leben stehlen. Nie wollte er von Abschied sprechen, davon, einmal sein letztes Konzert zu geben», sagt Christiane Scheitenberger am Samstag in Oerlikon.

Und jetzt ist er tot. Sein Herz wollte nicht mehr. Auf einem Spaziergang kurz vor Weihnachten. «Diesen schönen Tod hat er verdient», tröstet sich das Ehepaar. Udos Melodien, von «Merci Chérie», das sie vor 46 Jahren am Grand Prix Eurovision in Luxemburg zum ersten Mal hörten, bis hin zu «Mitten im Leben», schenken den beiden Trost. Aber auch das Lied «Griechischer Wein», das die ganze Familie unter dem Weihnachtsbaum für Udo sang.

Am 26. Dezember reisten Christiane und Rolf Scheitenberger ins thur­gauische Gottlieben zu Udos Häuschen am See. Dort zündeten sie, wie viele andere auch, eine Kerze an. Das Ehepaar will dereinst auch nach Wien zum Zentralfriedhof fahren, wo ihr Idol neben drei Millionen anderen Menschen die letzte Ruhe finden wird. «Es wird bestimmt ein schönes Grab», sind die beiden Fans überzeugt.

Was das Herz spontan diktiert

Es gibt keine rührseligen Szenen an diesem Samstag in Oerlikon, keine schluchzenden Fans. Es ist eine stille, sanfte Trauer, die sich über den Theatersaal legt. Ein leises Kommen und Gehen. Die Leute sitzen in Gedanken versunken in den roten Plüschsesseln und lauschen der Musik. Viele haben vorgeschriebene Briefe mitgebracht, die sie jetzt fein säuberlich in ein Kondolenzbuch übertragen. Andere schreiben, was ihnen ihr Herz spontan diktiert. Es ist wie ein Wegtauchen an einen anderen Ort, wo Zeit keine Rolle mehr spielt und wo das Herz langsamer, aber intensiver schlägt.

Am Freitag zuvor fand im Theater 11 die Trauerfeier für 200 geladene Gäste, Familie und Freunde des mit 80 Jahren verstorbenen Künstlers statt. Heute Montag und morgen Dienstag wird im Berliner Roten Rathaus ein Kondolenzbuch aufliegen. Donnerstag und Freitag dann auch im Wiener Rathaus. Voraussichtlich wird Udo Jürgens Urne im Frühling beigesetzt.

Dann gehen die Letzten hinaus in den leise rieselnden Schnee, und fast alle halten sie in einer Hand, was ihnen von Udo bleibt. Ein Bild in Schwarzweiss, auf dem Udo Jürgens, so wie wir ihn alle in unserer Erinnerung tragen, aus dem Fenster auf die Strassen Zürichs schaut. Auf der Karte eine letzte Würdigung von ihm ans Publikum, das ihm so viel bedeutete. «Ihr seid das Notenblatt, das für mich alles war, ich lass’ euch alles – ich lass’ euch alles da.»

Erstellt: 18.01.2015, 19:14 Uhr

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