«Mieter verzichten gerne auf mehr Wohnfläche»

Der Stadtrat will künftig Wohnstandards senken, um Kosten zu sparen. Dabei würden Mieter jetzt schon einiges in Kauf nehmen, um im Quartier bleiben zu können, sagt Peter Schmid, Präsident ABZ-Baugenossenschaft.

Die Grösse ist nicht entscheidend: Für Mieter ist vor allem der Verbleib im Quartier wichtig.

Die Grösse ist nicht entscheidend: Für Mieter ist vor allem der Verbleib im Quartier wichtig. Bild: Keystone

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Der Zürcher Stadtrat informierte gestern darüber, wie in Zürich bezahlbare Wohnungen entstehen sollen. Unter anderem will er «den zunehmenden Flächen- und Ausstattungswünschen im Wohnungsbau» einen Riegel schieben. Was halten Sie davon?
Da werden offene Türen eingerannt. Der Trend ging in den letzten drei, vier Jahren ohnehin in Richtung kleinere Wohnflächen, um günstigere Mieten zu erreichen. Vor 10 Jahren war der Hype anders. Da wollte man unbedingt grosse Wohnungen. Heutige Projekte zielen auch wieder auf Angebote für das kleine Budget. Es hat in vielen Bauprojekten auch 4,5-Zimmer-Wohnungen mit einer Grundfläche von rund 100 Quadratmetern oder weniger.

Entsprechen kleinere Wohnungen auch dem Wunsch der Mieter?
Den Leuten ist es wichtiger, dass sie in einem Quartier bleiben können. Sie verzichten gerne auf mehr Wohnfläche, wenn sie dafür auch in einem Ersatzneubau die Miete weiter zahlen und so in der gewohnten Umgebung bleiben können.

Warum hat man überhaupt damit begonnen, grössere Wohnungen zu bauen?
Das war eine Wohlstandsentwicklung. Man wollte grösser und schöner wohnen. Das Geld spielte damals eine weniger grosse Rolle. Grosse Wohnflächen wurden auch vonseiten der Stadt im Zusammenhang mit dem damaligen Legislaturschwerpunk «10'000 Wohnungen in 10 Jahren» angeregt. Damit wollte man den Mittelstand in der Stadt halten. Aber das ist nun Geschichte. Jetzt ist der Druck auf den Wohnungsmarkt gestiegen. Man will preisgünstige Wohnungen erhalten und das geht vor allem, indem man die Wohnflächen wieder verkleinert und einen vernünftigen Standard anstrebt.

Also hat die Stadt hier falsch geplant?
Nein, die Förderung führte zu einer Erhöhung der genossenschaftlichen Wohnbaufläche in der Stadt. Das Ziel war, langfristig möglichst viel zahlbaren Wohnraum für eine breite Bevölkerung sichern zu können.

Wie interpretieren Sie die Massnahmen, die der Stadtrat gestern präsentierte?
Sie gehen in zwei Richtungen. Einerseits zielen sie darauf ab, langfristig bezahlbare Wohnungen für den Mittelstand und für die niederen Einkommensklassen bereitzustellen. Damit bewirken sie andererseits, dass diese Bevölkerungsschicht in der Stadt bleiben kann und so die soziale Durchmischung gesichert ist.

Was würde denn passieren, wenn einkommensschwache Haushalte aus der Stadt verdrängt werden?
Weil gerade Leute mit niederem Einkommen sich mit kleinen Wohnungen begnügen, würde mehr Fläche konsumiert. Abgesehen davon würden mehr Leute in die Stadt pendeln. Es gäbe entsprechend mehr Staus und die Infrastrukturen würden stärker belastet. Es könnte schliesslich auch dazu führen, dass Schulhäuser leer bleiben. Denn vor allem Familien mit Kindern haben oft ein kleines Budget. Am Ende würde die Stadt «aussterben», weil sie nur noch von Leuten bewohnt würde, die hier nicht sozialisiert sind.

Das ist ein sehr düsteres Szenario...
Zugegeben, es ist finster. Aber an der Goldküste zeigen sich bereits erste Folgeerscheinungen der Gentrifizierung. Einfache Angestellte und sogar der Mittelstand finden dort keine bezahlbaren Wohnungen. Selbst Gemeindeangestellte leben in anderen Ortschaften und müssen zur Arbeit pendeln und die Vereine und das Gemeindeleben serbeln ab.

Was erhoffen Sie sich nun vom Zürcher Stadtrat?
Die Kräfte müssen gebündelt werden und es müssen wesentliche Impulse erfolgen, damit der Dialog stattfindet und so mehr gemeinnütziger Wohnraum entstehen kann. Genossenschaften brauchen jetzt schon viel weniger Fläche, weil wir Belegungsvorschriften haben. Es könnten 40'000 bis 50’000 Menschen mehr in der Stadt Zürich leben, wenn alle dieselben Belegungsvorschriften hätten wie die Genossenschaften. Welche volkswirtschaftlichen Ersparnisse das bringen würde, kann man sich ja vorstellen. Wichtig ist uns, dass der Stadtrat jetzt das Gespräch mit den Genossenschaften sucht, um weitere Massnahmen zu diskutieren.

Fanden bisher keine Gespräche statt?
Nein. Das lief bis jetzt über die Parteien und die gemeinderätliche Kommission.

Glauben Sie, dass auch Private zu einem Konsens fähig sind?
Sie werden so tun, als ob sie es sind. In der Realität wird aber nur wenig getan – mit Ausnahme von sozial eingestellten privaten Vermietern. Der Markt bestimmt weiterhin den Preis. Viele haben ein grosses Interesse daran, die Rendite abzuschöpfen. Der Wohnungsmark ist längst zum Investitionsgeschäft geworden. Hier muss unbedingt ein Umdenken stattfinden. Denn der Markt führt beim knappen Gut Boden zu sozialen Problemen, die der Markt nicht lösen kann. Wohnungsnot entsteht schlussendlich durch Marktversagen.

Erstellt: 30.11.2011, 12:12 Uhr

«Wohnungsnot entsteht schlussendlich durch Marktversagen»: Peter Schmid, ABZ-Präsident.

Peter Schmid

Peter Schmid ist Präsident der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ). Die 1916 gegründete ABZ ist die grösste Wohn- und Baugenossenschaft der Schweiz und bietet mehr als 10'000 Menschen Wohn- und Lebensraum.

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