Millionär in Haft – das Immo-Imperium von Peter Sander

Der wegen Wucher-Verdachts inhaftierte Millionär setzt auf ein spezielles Geschäftsmodell.

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Der Immobilieninvestor Peter Sander hat im Gebiet rund um die Langstrasse ein kleines Immobilienimperium aufgebaut. Dabei konzentriert er sich auf ein bestimmtes Mietersegment: Alleinstehende oder Schlechtverdienende, welche sich nur eine kleine Wohnung leisten können oder wollen.

Wie Recherchen des «Tages-Anzeigers» zeigen, betreibt er dieses Geschäft nicht nur mit sozial Schwachen, welche in den drei desolaten Liegenschaften an der Magnusstrasse und der Neufrankengasse hausen. Dort sind die Zustände so prekär, dass die Polizei vergangene Woche mit 150 Beamten vorfuhr und die Mieter als Auskunftspersonen befragte. Kurz davor nahm sie Sander und drei seiner Mitarbeiter fest; sie sitzen noch immer in Untersuchungshaft. Dabei seien «grosse Vermögenswerte» sichergestellt worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Da gegen Sander wegen gewerbsmässigen Wuchers bei Mieten ermittelt wird, stehen diese Liegenschaften im Zentrum der Untersuchungen. Wie ein Bewohner der Neufrankengasse sagt, sei seit Montag ein neuer Hausabwart am Werk. Dieser trete gegenüber Drogenabhängigen resolut auf und schicke sie weg.

Zum Besitz des Millionärs gehören indes auch drei Liegenschaften an der Langstrasse auf der Höhe der Lugano-Bar. Es handelt sich um ein Gebäude mit einer Bar im Erdgeschoss. Auf einschlägigen Websites wird es als Kontaktbar beschrieben, in der vor allem Prostituierte aus Südamerika anzutreffen sind. Die Frauen, welche dort anschaffen, wohnen und arbeiten demnach in den Apartments über der Bar. Der Eingang zu diesen Räumen befindet sich gleich neben der Bar. Er ist mit zwei Gittertüren gesichert, die Briefkästen sind mit einem Holzbrett abgedeckt. Im Hof hinter den Apartments mit der Bar hat Sander ein kleineres Gebäude zu einem Partylokal ausbauen lassen. Dazu gehört auch eine Garage, die als Lager dient.

In einer Querstrasse zur Langstrasse besitzt Sander ein Hotel beziehungsweise die entsprechende Liegenschaft: das Easyhotel Zürich an der Zwinglistrasse. Mit dem Betrieb der einfachen Unterkunft hat er direkt nichts zu tun. Es wird von einem Franchisenehmer geführt, der unter dem Label der internationalen Billighotelkette operiert, welche ihrerseits aus dem Easyjet-Imperium hervorgegangen ist.

Zuschlag an Versteigerung

Auf der anderen Seite der Geleise, an der Heinrichstrasse im Kreis 5, lässt Sander derzeit eines seiner Häuser komplett sanieren. Dabei setzt er auf möglichst viele kleine Wohnungen. Im Parterre sind zwei Ladengeschäfte eingemietet, darüber sind die Bauarbeiter am Werk. Sie erneuern rund zwei Dutzend kleine Wohnungen.

Ruhiger geht es in der Liegenschaft an der Klingenstrasse nahe des Hauptbahnhofs zu und her. Dort sind die Bauarbeiter bereits wieder abgezogen. Im August 2014 erwarb Sander das Gebäude bei einer Zwangsversteigerung. Diese hatte die Credit Suisse angestrengt. Der damalige Besitzer konnte offenbar seine Schulden bei der Grossbank nicht mehr begleichen. Laut Ausschreibung hatte das «Wohn- und Geschäftshaus in allgemein schlechtem Zustand» einen Wert gemäss Gebäudeversicherung von 5,1 Millionen Franken. Der Marktwert dürfte schätzungsweise doppelt so hoch sein.

Wohnungen aufgeteilt

Wie viel der Immobilieninvestor dafür bezahlte, ist nicht bekannt. Dafür sein Vorgehen nach dem Kauf: Er kündigte wegen einer bevorstehenden Totalsanierung den bisherigen Mietern. So musste auch eine Mieterin nach über 20 Jahren ihr Zimmer verlassen. Gemäss Recherchen des TA wurden in dem Apartmenthaus Renovationsarbeiten vorgenommen. Ob sie als Totalsanierung gelten, lässt sich schwer sagen. In den Eingangsbereich und in die Aussenhülle investierte Sander kaum.

Dafür teilte er einige grössere Wohnungen auf und machte jeweils zwei daraus. Nun befinden sich rund 50 Wohnungen im Gebäude. Die 40 Mieter im 1. bis 4. Obergeschoss teilen sich Duschen, Toiletten und Küchen. Im 5. Stock befinden sich teurere Wohnungen, die teilweise eigene sanitäre Anlagen und Zugang zum Dach haben. Die sehr kleinen 1-Zimmer-Wohnungen kosten 900 Franken, die meisten sind etwas grösser und liegen einiges über 1000 Franken Miete.

Der Augenschein bei den total neun Liegenschaften deckt sich mit den Aussagen Sanders, die er im letzten Jahr gegenüber dem «Beobachter» gemacht hat. Im März 2014 sagte er der Zeitschrift, er besitze gegen 200 Wohnungen, welche er vermiete. Von der teils prekären Situation in einigen Liegenschaften profitiere er aber nicht, sagte Sander damals: «Ich bin vielmehr ein Opfer, weil ich ja all die Kosten für Beschädigungen tragen muss.» Am Laufmeter ersetze er gebrochene Scheiben, defekte Schlösser und abgerissene Briefkästen.

Wenige Monate später kaufte er das Haus an der Klingenstrasse und vergrösserte damit sein Imperium um rund 50 Wohnungen. Nimmt man für seine Wohnungen eine durchschnittliche Miete von 1200 Franken an, so ergeben sich monatliche Einnahmen von schätzungsweise 300 000 Franken. Hinzu kommen die Erträge aus dem Gebäude mit dem Hotel, den zwei Bars und den beiden Läden, dem Restaurant sowie dem dazugehörigen Take-away-Betrieb. Zudem besitzt Sander mindestens eine weitere Liegenschaft an der Dammstrasse in Wipkingen, deren Räume derzeit ebenfalls in 1-Zimmer-Apartments umgebaut werden.

Wie aufwendig die Verwaltung ist und wie es bei den von der Stadt beanstandeten Liegenschaften weitergeht, ist auf Anfrage nicht zu erfahren. Der Verwalter von Sanders Liegenschaften will keine Auskunft geben, da es sich um ein laufendes Verfahren handle.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 23:46 Uhr

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