Missionar und Diktatorenfreund

Reinhard Bonnke predigt am Wochenende im Zürcher Hallenstadion vor Tausenden Gläubigen. Der Missionar ist umstritten: Er verteufelt die Homosexualität und ist mit afrikanischen Diktatoren befreundet.

Er verspricht Millionen von Menschen, sie von ihren Krankheiten zu heilen: Der Missionar Reinhard Bonnke in Lagos, Nigeria.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich bin beeindruckt von Bonnke, weil er wie ich ein sehr emotionaler Typ ist». Er kenne ihn seit langem und schätze seine einfache und bildhafte Sprache, sagt Leo Bigger, Gründungsmitglied und Senior Pastor bei der Freikirche «International Christian Fellowship» (ICF) die Einladung des Predigers. Die Organisation feiert am Wochenende ihr 15 jähriges Jubiläum und erwartet zwischen 6000 und 8000 Besucher.

Experten beurteilen den Auftritt kritisch. «Es ist problematisch, Reinhard Bonnke eine Plattform zu geben», sagt Susanne Schaaf, Geschäftsleiterin der Fachstelle infoSekta. Der Prediger sei sehr missionarisch. «Er vertritt ein sehr enges Verständnis von christlichem Glauben.»

Zürcher Gottesdienstbesucher bringen 4 Millionen

Georg Otto Schmid, Mitarbeiter von Relinfo, einer Informationsstelle im Auftrag der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, weist zudem darauf hin, dass Bonnke umstrittene Beziehungen zu diktatorischen Machthabern in Afrika pflegte. «Die Einladung von ICF erstaunt mich».

Gratis dürfen die Zuhörer den Worten des Predigers nicht lauschen. Eine Eintrittskarte für Samstag und Sonntag kostet 94 Franken. Die Einnahmen gehen vollumfänglich an ICF. «Wir rechnen aufgrund der Ausgaben mit keinem grossen Gewinn», sagt Leo Bigger.

Bei der Freikirche klingeln aber auch ohne Bonnke die Kassen: Gottesdienstbesucher von ICF spenden freiwillig zehn Prozent ihres Einkommens, den «Zehnten». 3000 Besucher allein in Zürich bringen gemäss Bigger jährlich gegen 4 Millionen Franken ein. Dazu kommen Einnahmen durch CD- oder T-Shirt-Verkäufe und dergleichen.

Eine «Luxus-Freikirche»

Mit dem vielen Geld finanziere ICF aufwändige Multimedia-Shows, erläutert Georg Schmid. Für ihn ist der «Zehnte» problematisch, weil nicht frei wählbar ist, welcher Organisation das Geld zukommt.

Schmid spricht von einer «Luxus-Freikirche», in der die 3000 Besucher in Zürich rund 30 Vollzeitstellen unterhalten. Zum Vergleich: Bei der reformierten Landeskirche kommen auf dieselbe Personenzahl rund drei Vollzeitstellen.

ICF wurde 1996 in Zürich gegründet. Damals besuchten einige hundert Personen die Gottesdienste. Bis 2003 strömten immer mehr Menschen in die Freikirche, führt Schmid aus. Danach kam es zum Rückgang, weil jeder ICF-Angehörige zwölf Personen anwerben sollte. «Dieses System war vielen zu autoritär. Sie verliessen die Gemeinschaft.»

Die Gruppierung dürfte gemäss Schmid in Zürich kaum mehr besonders stark anwachsen. Aus den Landeskirchen wendeten sich nur Einzelne ICF zu. Die Mitgliederzahlen erhöhten sich vor allem durch die Gründung regionaler Gruppen. Schweizweit ist ICF an 17 Orten präsent, wie etwa in Bern, Basel, Chur, Genf und Luzern.

Homosexualität als Sünde

Für Susanne Schaaf von infoSekta ist ICF eine christliche Trendgemeinschaft mit sektenhaften Zügen. Die Freikirche habe zwei Gesichter: Der peppige Auftritt passe sehr gut zum heutigen Lifestyle der Jugendlichen. Innerhalb der Gemeinschaft stiessen die Jungen und Mädchen aber auf sehr enge Wertvorstellungen.

Als Beispiel nennt Schaaf die Homosexualität: «Diese wird als Sünde angeschaut.» Für schwule oder lesbische Jugendliche gebe es bei ICF keinen Platz. Diese Liebe werde als «Wirkungsbereich der Dämonen» bezeichnet, die «geheilt» werden solle.

Wer anders ist, sündigt

Durch die Verinnerlichung von Geisteshaltungen trauten sich die Jugendlichen nicht mehr, gewisse Gedanken zu haben. Weil sie Schuldgefühle plagten, blieben keine mentalen Experimentierräume mehr.

«Sie haben keine Möglichkeit, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln», erklärt die Sektenspezialistin. Dies den jugendlichen Kirchgängern zu erklären, sei oft schwierig. «Sie erkennen nicht, dass die Medaille eine Kehrseite hat.»

(lcv/sda)

Erstellt: 10.06.2011, 16:05 Uhr

Artikel zum Thema

Wie gefährlich ist der «Mähdrescher Gottes»?

Der evangelikale Prediger Reinhard Bonnke ist an Pfingsten in Zürich. Eingeladen hat ihn die Freikirche ICF. Das Hallenstadion, in dem der Radikal-Missionar auftritt, rechnet mit Protesten. Mehr...

TV-Kritik: Mähdrescher Gottes

TV-Kritik Der gestrige «Club» ging der Frage nach, ob Menschen Wunder bewirken können. Anlass war der geplante Auftritt des umstrittenen Missionars Reinhard Bonnke im Zürcher Hallenstadion. Mehr...

«Ich befahl dem Teufel, aus ihr zu fahren»

Leo Bigger ist mit seiner Freikirche ICF der erfolgreichste Prediger der Schweiz. Jedes Wochenende besuchen 3000 Gläubige seine Gottesdienste. Er spricht mit Gott, kämpft gegen den Teufel – und dies alles ohne Bonus. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Monsunregen: Nach heftigen Regenfällen müssen die Menschen im Kurigram-Distrikt in Bangladesh auf Booten ausharren, lediglich die Hausdächer ragen aus dem Hochwasser. (17. Juli 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/Barcroft Media/Getty) Mehr...