Mit acht Kindern alle drei Jahre umziehen

Eine Somalierin wohnt mit ihrer Familie in Oerlikon. In drei Monaten muss sie aus der Wohnung und weiss nicht, wohin.

Seit 16 Jahren lebt sie in der Schweiz: Die Somalierin Zeinab Thalil mit ihrem Freund.

Seit 16 Jahren lebt sie in der Schweiz: Die Somalierin Zeinab Thalil mit ihrem Freund. Bild: Dieter Seeger

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Mitten im Gespräch weint A. Osman*. Sie hockt im Schneidersitz auf dem weissen Sofa in ihrem Wohnzimmer, das Kleid über die Knie gespannt, und wischt sich die Tränen aus den Augen. Wie soll es nun weitergehen? Ihre zwei kleinen Töchter, vier und drei Jahre alt, klettern auf ihren Schoss und geben der Mutter einen Kuss.

Vor zwei Jahren ist die Somalierin mit ihren acht Kindern in die Fünfzimmerwohnung an der Dörflistrasse 74 gezogen. Das baufällige Gebäude mit abblätternder Fassade hat die Asylorganisation Zürich (AOZ) für ihre Klientinnen und Klienten gemietet. Sie ist für die Unterbringung von Asylsuchenden sowie vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen verantwortlich, wenn diese Sozialhilfe beziehen. Diese Menschen erhalten von der AOZ auch Geld für die Mietkosten. Gemäss Stand im April betrifft das rund 2600 Personen in der Stadt Zürich.

Vor ein paar Wochen habe die AOZ ihr und den anderen 10 Familien aus Eritrea, Somalia und Bangladesh mitgeteilt, dass sie bis Oktober aus ihren Wohnungen müssen, sagt Osman. Die AOZ kann in der Stadt Zürich oftmals nur Liegenschaften mieten, die Abbruchobjekte sind und lediglich als Zwischennutzung zur Verfügung stehen. Die Häuser sind meist alt und heruntergekommen, die Mietverhältnisse zeitlich begrenzt.

Zum Mietvertrag an der Dörflistrasse will AOZ-Direktor Thomas Kunz nichts sagen: Wenn ein Vermieter damit rechnen muss, dass die AOZ die jeweiligen Mietkonditionen und die Vertragsdauer öffentlich macht, könne dies potenzielle Vermieter davon abschrecken, Liegenschaften an die AOZ zu vermieten, befürchtet er. Liegenschaften, auf welche die AOZ dringend angewiesen sei.

Seit über zehn Jahren in der Schweiz

Anders als an der Bucheggstrasse, wo der Vermieter Urs Tschenett seine mangelhaften Wohnungen mit vorläufig Aufgenommenen überbelegt und überrissene Mietpreise verlangt, ist der Zustand der Wohnungen an der Dörflistrasse passabel. Die Familie von Osman besitzt ein Wohnzimmer, eine kleine Küche und ein kleines Bad. Die beiden Mädchen schlafen bei der Mutter, die sechs Söhne im Alter von 5 bis 23 teilen sich die übrigen drei Schlafzimmer miteinander. Neben Kajütenbetten und Kleiderschrank gibt es aber keinen Platz zum Spielen oder für einen Schreibtisch, wo die Kinder ihre Hausaufgaben machen könnten. Wenn sie sich auf dem Platz hinter dem Haus aufhalten, beklagt sich die Nachbarin über den Lärm. Für die Wohnung bezahlt die AOZ 3500 Franken Miete, schätzt Osman.

Sie kam vor über 20 Jahren in die Schweiz, damals im vierten Monat schwanger. Ihr Mann wurde im Krieg getötet. Vier ihrer Kinder haben mittlerweile einen Schweizer Pass, die zwei ältesten Söhne arbeiten nach abgeschlossener Lehre beide als Logistiker. Osman selbst ist wie ihre vier Kleinsten vorläufig aufgenommen. Sie spricht gut Deutsch und will arbeiten, bleibt aber wegen der Kinder zu Hause. Ausreisen darf sie nicht.

Auch Zeinab Thalil, eine 33-jährige Somalierin, lebt schon lange in der Schweiz: 1999 kam sie hierher, schwanger mit ihrem ersten Sohn. Seit elf Jahren bewohnt sie die 2,5-Zimmer-Wohnung an der Manessestrasse eingangs Zürich. Auch sie ist vorläufig aufgenommen: Gemäss aktuellster Statistik des Staatssekretariats für Migration befinden sich im Kanton Zürich 6003 vorläufig Aufgenommene. 298 von ihnen leben seit über sieben Jahren hier.

Das vierstöckige Gebäude an der Manessestrasse wird ebenfalls von der AOZ gemietet. Thalils Dachwohnung ist im Sommer heiss, im Winter funktioniert nur ein Heizkörper. Durch das undichte Wohnzimmerfenster dringt Wind und Regen. Pro Monat kostet die Wohnung 2100 Franken. Der Lift sei seit ihrem Einzug defekt, sagt Thalil. Das Treppenhaus ist dunkel und schmutzig, in manchen der 20 Wohnungen wächst Schimmel. Die Tür beim Haupteingang kann nicht abgeschlossen werden: Wo eigentlich ein Schloss sein müsste, klafft ein Loch.

Kunz sagt, dass die AOZ allfällige Mängel rasch behebe. Sie habe eigens dafür eine Equipe an Handwerkern, die Reparaturen in den Wohnungen vornimmt. «Die Bewohner müssen die Schäden aber melden. Sie wohnen ja selbstständig dort.»

Thalils vier Kinder, zwischen 5 und 14 Jahre alt, leben nicht bei der Mutter, sondern in verschiedenen Heimen im Kanton Zürich und Appenzell: Die Wohnung ist für fünf Personen zu klein, der gesundheitliche Zustand von Thalil zu schlecht. Nur an den Wochenenden, die von den Heimen vorgegeben sind, darf sie ihre Kinder sehen. «Mein Herz ist leer. Meine Kinder fragen ständig, warum sie nicht bei mir sein können.» Seit sie Antidepressiva nehme, sei ihre Seele ruhiger. Der Vater ihrer zwei jüngsten Kinder, Sami Kadi, darf nicht bei der Familie leben: Er hat keine gültigen Papiere und teilt sich in einem Durchgangszentrum ein Zimmer mit vier anderen Männern. «Wir wollen doch nur eine gute Zukunft für unsere Kinder und wie eine Familie zusammenleben», sagt Thalil. Eine andere Wohnung zu finden, sei aber sehr schwierig.

Ständiger Wohnungswechsel

Bevor die Familie Osman an die Dörflistrasse zog, lebte sie drei Jahre in der temporären Wohnsiedlung Leutschenbach der AOZ, davor einige Jahre an der Kramerstrasse im Kreis vier. Nun weiss Osman nicht, wohin sie mit ihren Kindern im Oktober gehen soll. Kunz sagt, dass die AOZ die Bewohner bei der Suche nach einer Wohnung unterstütze. «Ist die Suche nicht erfolgreich, werden die Personen in einer anderen AOZ-Liegenschaft untergebracht.»

Osman wünscht sich aber eine Bleibe, in der sie unbefristet wohnen dürfen. «Das ständige Umziehen ist für meine Kinder nicht gut. Kaum haben sie sich an Lehrer und Mitschüler gewöhnt, müssen sie wieder in eine andere Schule», sagt sie. Gerade für Kinder sei es wichtig, dass sie sich in einem stabilen Umfeld bewegen, zitiert sie die Schulpsychologin, die ihr für die kommende Wohnungssuche eine Empfehlung geschrieben hat.

Bei der städtischen Stiftung für kinderreiche Familien hat sich Osman nun auf die Warteliste setzen lassen. Dort hiess es, sie solle in sechs Monaten wieder anrufen, erzählt sie. Wie die Geschäftsleiterin der Stiftung, Sylvia Keller, erklärt, müssen die Familien sich zweimal im Jahr bei der Stiftung melden und bestätigen, dass sie noch immer an einer der Wohnungen interessiert seien. So blieben nur die auf der Warteliste, die in der Zwischenzeit nicht bereits eine andere Unterkunft gefunden hätten.

Insgesamt verfügt die Stiftung über 511 Wohnungen in der Stadt Zürich, die sie an kinderreiche Familien mit wenig Einkommen vergibt. Bedingung ist, dass die Familie mindestens drei Kinder hat und vor der Anmeldung zwei Jahre ununterbrochen in der Stadt Zürich gelebt hat. Wer sich auf die Warteliste eintragen lässt, muss allerdings mit einer Wartezeit von drei bis fünf Jahren rechnen. Die Nachfrage ist grösser als das Angebot.

* Name geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.06.2015, 13:07 Uhr

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