Mit der Tagesschule light wollen sich Politiker die Horte sparen

Die Hortkosten für die Stadt Zürich steigen Jahr für Jahr stark. Ein neues Schulmodell soll Abhilfe schaffen.

Kinder und Betreuerinnen essen im Hort In der Ey 4 gemeinsam zu Mittag.

Kinder und Betreuerinnen essen im Hort In der Ey 4 gemeinsam zu Mittag. Bild: Keystone

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Not macht erfinderisch: Das Schulhaus Scherr im Kreis 6 richtet nach den Herbstferien im Übungslokal des benachbarten Schwingclubs Zürich einen Mittagshort für 20 Kinder ein. Nur so ist es den Verantwortlichen möglich, genügend Betreuungsplätze anzubieten. Sie sind dazu verpflichtet: 2005 hat das Zürcher Stimmvolk beschlossen, dass die Stadt jedem Schulkind einen Platz zur Verfügung stellen muss, wenn dessen Eltern das wünschen. 71 Prozent sagten damals an der Urne Ja zur Vorlage.

Mittlerweile zeigt sich: Das Ja kommt die Stadt teuer zu stehen. Denn immer mehr Schulkinder und Kindergärtler besuchen am frühen Morgen, über Mittag oder nach Schulschluss bis 18 Uhr einen Hort. In den letzten Jahren hat ihre Zahl um 800 bis 1000 zugenommen – pro Jahr. Mittlerweile werden in der Stadt Zürich 11'000 Kinder in Horten betreut, das sind rund 40 Prozent aller Schulkinder und Kindergärtler. 2020 werden es gemäss Prognosen des Schulamts über 70 Prozent sein. 19'000 Kinder werden dann einen Hort besuchen.

Das kostet. Allein für den Ausbau rechnet die Stadt bis 2020 mit Investitionen von 230 Millionen Franken. Noch stärker ins Gewicht fallen die Betriebskosten. 2008 betrugen sie 88 Millionen Franken. Dieses Jahr sind bereits 128 Millionen Franken budgetiert, 2016 werden es voraussichtlich 172 Millionen Franken sein. Wenn die Entwicklung wie erwartet anhält, werden die Betriebskosten der Horte in der Stadt Zürich im Jahr 2020 über 200 Millionen Franken betragen.

Personal protestiert bereits

Bürgerliche Politiker sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt: «Wir haben schon vor der Abstimmung 2005 vor einer Kostenexplosion gewarnt», sagt SVP-Präsident Roger Liebi. Er sieht drei Möglichkeiten, um Kosten zu senken: Personal abbauen, die Betreuungstarife für die Eltern erhöhen oder die Horte privatisieren.

Die Personalkosten sind der grösste Posten im Budget: 2008 haben sie 66 Millionen Franken betragen, dieses Jahr sind es voraussichtlich 99 Millionen Franken. Je mehr Kinder den Hort besuchen, desto mehr Betreuerinnen und Betreuer werden benötigt. Ein Abbau dürfte aber kaum goutiert werden: Bereits heute ist eine teils heftig geführte Diskussion über die Betreuungsqualität in den städtischen Horten im Gange. Mitarbeiterinnen kritisieren zum Beispiel, dass vielen Kindern vor allem über Mittag weniger Platz zur Verfügung steht als vom Kanton vorgeschrieben, nämlich nur zwei statt vier Quadratmeter. Für Protest sorgte auch die Ankündigung von Stadtrat Gerold Lauber (CVP), den Hortleiterinnen die Ferien kürzen zu wollen.

Wirtschaftspolitischer Vorteil

Eine Auslagerung der Horte an Private wäre möglich. Heute gibt es lediglich vier private Horte in der Stadt. Laut dem Schulamt ist es aber wenig sinnvoll, Schulen und Horte zu trennen. Im Moment versucht die Stadt, die beiden Bereiche überall zusammenzuführen. Dies führe zu Einsparungen, weil die Horte Schulräume mitbenutzen können und somit weniger Platz neu geschaffen werden muss. Die privaten Hortbetreiber kritisieren diese Haltung.

Die Stadt behindere sie mit ihren Auflagen zudem massiv, sagt EVP-Gemeinderätin Claudia Rabelbauer, die einen privaten Hort betreibt. Ihren Hort dürfen zum Beispiel nur Kinder besuchen, die zuvor mindestens zwölf Monate lang in einer Krippe waren. Zudem erhalten Schulkinder in privaten Horten keine Subventionen mehr. Rabelbauer ist überzeugt, dass mehr Private in die Bresche sprängen, wenn die Stadt ihnen mehr entgegenkäme.

Bleibt die Erhöhung der Tarife. Im Moment ist der Stadtrat daran, die massgebende Verordnung zu überarbeiten. Es ist möglich, dass die Elternbeiträge angehoben werden. Heute decken sie 20 Prozent der Betriebskosten. 2009 waren es lediglich 16 Prozent. Das Problem: Wenn die Tarife zu stark erhöht werden, kann es sein, dass Eltern mehr für die Betreuung bezahlen, als sie in ihren Teilzeitjobs verdienen. «Es ist aber eine Errungenschaft, dass Zürich heute auch für Eltern, die beide arbeiten, attraktiv ist», sagt SP-Gemeinderat Jean-Daniel Strub. Das sei nicht nur gesellschaftspolitisch wünschenswert, sondern bringe auch zusätzliche Steuereinnahmen. Zudem ziehe eine Stadt mit gut funktionierender Kinderbetreuung Firmen an.

Von 8 bis 15 Uhr in der Schule

Die SP fordert deshalb den Ausbau der Tagesschulen und hat auch die Einführung der sogenannten Tagesschule light unterstützt, die von der FDP vorgeschlagen wurde. Bei diesem Modell wären die Schülerinnen und Schüler jeden Tag von 8 bis 14 oder 15 Uhr in der Schule, mit einer kurzen Mittagspause. Nach Schulschluss könnten die Kinder einen Hort besuchen. Die Befürworter glauben aber, dass dieses Angebot weniger stark genutzt würde als heute. «Viele Eltern könnten bis 14 oder 15 Uhr arbeiten und dann ihre Kinder von der Schule abholen», sagt Claudia Simon (FDP).

Eine Mehrheit des Gemeinderats hat die FDP-Motion zur Einführung der Tagesschule light im April überwiesen. Ob das Modell wirklich kostensenkend ist, sollen Schulversuche zeigen. Das Schulamt bereitet diese im Moment vor.

Erstellt: 31.08.2012, 07:44 Uhr

Zur Ansicht: Anklicken. (Bild: TA-Grafik str / Quelle: Schulamt der Stadt Zürich)

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