«Mit der Tat müssen Sie klarkommen»

Das Gericht spricht die Beschuldigte im «Godzilla»-Berufungsprozess frei – sie habe ihren Freund in Notwehr erschossen.

Die Beschuldigte (mit den blonden langen Haaren) schildert dem Obergericht den Tatabend. Illustration: Robert Honegger

Die Beschuldigte (mit den blonden langen Haaren) schildert dem Obergericht den Tatabend. Illustration: Robert Honegger

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Am Schluss blieb auf Seiten des Gerichts das Unverständnis: Dieser Beziehungskonflikt zwischen der heute 35-jährigen Schweizerin und ihrem Freund, der für den 23 Jahre älteren Brasilianer «Godzilla» tödlich endete, sei «von aussen betrachtet schwer nachvollziehbar». Drastischer, aber ebenso zutreffend hatte das erstinstanzliche Bezirksgericht von einer «abstrusen Beziehung» ge­sprochen, «in welcher sehr viel Eifersucht, Hass und Missverständnisse vorherrschten».

In den fast 30 Bundesordnern, die in diesem Fall produziert wurden, finden sich allein 200 Seiten SMS-Verkehr, die dem Gericht «in aller Deutlichkeit» zeigten, wie unendlich gekränkt die Frau durch die wiederholten psychischen und physischen Übergriffe des Türstehers und Kampfsportlers war. Und trotzdem schaffte sie es nicht, aus der Spirale von ständigem Beziehungsende und erneutem Beziehungsanfang herauszukommen. «Ich hätte mir das nie solange antun dürfen», sagte die Frau am Donnerstag vor dem Obergericht. Aber immer, wenn sie nicht mehr wollte, auch weil seine krankhafte, aber offenbar unnötige Eifersucht immer wieder zu Auseinandersetzungen führte, packte er seine freundliche, verletzliche Art und seinen einnehmenden Charme aus, dem im Laufe ihrer Beziehung auch diverse andere Frauen erlegen waren.

Der Mann war «ein Pulverfass»

Was sich am frühen Abend des 17. November 2012 in der Wohnung des Brasilianers an der Wehntalerstrasse zutrug, war das Gegenteil einer Charmeattacke. Schon während des Tages hatte sich die Stimmung – 40 SMS innerhalb von dreieinhalb Stunden – hochgeschaukelt. Mit Kokain und Alkohol vollgepumpt, sei er «ein Pulverfass» gewesen. Trotzdem ging sie zu ihm, weil sie ihn beruhigen wollte. «Ich habe mich in Gefahr be­geben, um ihm zu helfen», sagte sie. Fatalerweise nahm die Frau, die auch im Sicherheitsbereich arbeitete, ihre ge­ladene Waffe mit. Vor dem Obergericht sprach sie von einem «unüberlegten Impuls», den sie nicht erklären könne.

Als der verbale Streit in Tätlichkeiten ausartete, wollte sie gehen. Er versperrte ihr den Weg, warf das Sofa um. Dann soll er ihr gedroht haben, sie zum Krüppel zu machen, sie umzubringen. Als er auf sie zukam, schoss sie – fünf Mal. Bei den ersten beiden Schüssen stand er noch und bewegte sich auf sie zu. Der dritte Schuss traf ihn im Rückwärtsfallen, während er bei den letzten beiden Schüssen bereits wehrlos am ­Boden lag.

Im Überlebensmodus

Der psychiatrische Gutachter sprach von einer «massiven Bedrohungslage» für die Frau. Und auch das Obergericht ging von einer «äusserst aufgeheizten, höchst emotionalen Situation» aus. Die 35-Jährige habe sich psychisch in einem «Überlebensmodus» befunden. Sie selber sagte, angesichts des 197 Zentimeter grossen und 115 Kilogramm schweren Muskelpakets habe sie «Todesangst» empfunden. Es sei um ihr Leben ge­gangen: «Er oder ich.»

Dass die Frau in dieser Situation zur Waffe griff – «Recht muss dem Unrecht nicht weichen», sagte ihre Verteidigerin dazu –, war auch für das Gericht verständlich. Aber es war auch allen Beteiligten klar, dass die letzten beiden Schüsse auf den wehrlos am Boden liegenden Mann nicht mehr mit Notwehr zu rechtfertigen waren.

Das Strafgesetzbuch sieht für diesen Fall die sogenannte entschuldbare Notwehr vor: Überschreitet der Abwehrende die Grenzen der Notwehr, und tut er das «in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über den Angriff, so handelt er nicht schuldhaft und muss freigesprochen werden». Die Entschuldbarkeit des sogenannten Notwehrexzesses setzt aber voraus, dass auch eine andere, rechtlich gesinnte Person in diese Aufregung geraten wäre.

Das Obergericht diskutierte die Frage der Entschuldbarkeit «sehr kontrovers», sagte der Gerichtsvorsitzende Peter Marti bei der Urteilseröffnung. Man habe sich aber nach dem Grundsatz «Im Zweifel für die Angeklagte» dafür entschieden.

«Einen Menschen umgebracht»

Das Freispruch hat auch finanzielle Konsequenzen. Die Kosten des gesamten Verfahrens von annähernd 200'000 Franken gehen zulasten der Gerichtskasse. Und für die unrechtmässig erlittene Untersuchungshaft wird die Frau mit 35'600 Franken entschädigt. «Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen», sagte Marti zum Schluss. «Das ändert aber nichts daran, dass Sie einen Menschen umgebracht haben. ­Damit müssen sie klarkommen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2016, 23:03 Uhr

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