Mit der hohlen Hand durch Zürich

In Zürich hat die Zahl der Verzeigungen wegen Bettelns und unerlaubten Musizierens markant zugenommen. Der Konfliktvermittler SIP nimmt an, dass ein Roma-Clan Station macht.

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Feierabend, die Sonne scheint, die Terrassen sind gefüllt. Zürcherinnen und Zürcher sitzen draussen, lesen Zeitung und schlürfen am Latte macchiato oder am Apérol Spritz. Mit Freunden wird über die Woche diskutiert, über den Job lamentiert und das abendliche Grillieren koordiniert. Plötzlich streckt eine vorbeigehende Frau die hohle Hand aus, an der anderen hält sie ein kleines Mädchen. Es schreit. Die Frau trägt ein dunkles Kopftuch, ein löchriges T-Shirt und einen bodenlangen schwarzen Rock. Sie legt den Kopf schief und erzählt in gebrochenem Deutsch von ihrer Familie. Sie suche einen Job, finde nichts und habe nun kein Geld, um nach Rumänien zurückzufahren, in ihre Heimat.

Die meisten angesprochenen Personen schauen zu Boden und schütteln den Kopf. Andere kramen das Porte­monnaie aus der Tasche und legen ein Geldstück in die Hand. «Ich schicke die Bettler immer sofort weg, wenn sie auf der Terrasse unsere Gäste ansprechen. Das passiert mir pro Tag ein- bis zweimal», erzählt ein Serviceangestellter des Zürcher Volkshauses.

Doppelt so viele Verzeigungen

Betteln ist in Zürich verboten. Nach der heutigen Gesetzgebung kommt Art. 9 des kantonalen Straf- und Justizvollzugsgesetzes (StJVG) zur Anwendung. Das heisst: «Wer bettelt oder Kinder oder Personen, die von ihr oder ihm abhängig sind, zum Betteln schickt, wird mit Busse bestraft.» Ein Gesetz, das derzeit immer öfter angewendet wird.

Die Anzahl der Verzeigungen in der Stadt Zürich nimmt stark zu: Waren es 2014 noch 340 Verzeigungen wegen Bettelns, waren es 2015 doppel so viele (680). Und in diesem Jahr sind es bis Ende Juli bereits 520. Ob aber auch die Anzahl der bettelnden Personen zugenommen hat, kann die Stadtpolizei nicht zuverlässig sagen, da darüber keine Statistik geführt wird.

Wer diese Tendenz täglich spürt, ist die SIP Zürich. Laut dem Betriebsleiter Christian Fischer sind in diesem Jahr besonders viele bettelnde Personen in Zürich. «Vor allem seit Anfang Sommerferien bemerken wir auf der Strasse eine deutliche Zunahme. Wir gehen davon aus, dass sich ein Clan in Zürich niedergelassen hat», so Fischer. Woher sie kommen, ist schwierig zu sagen, da die Geschichten, welche die Leute erzählen, oft an den Haaren herbeigezogen seien. Viele nennen Rumänien als Heimatland.

Polizei zieht Geld ein

In diesem Jahr tauchen diese Personen – mutmasslich Roma – erstmals auch in den Quartieren auf. Wenn ein SIP-Mitarbeiter einen Bettler am Strassenrand sieht, geht er auf diesen zu. «Wir erklären der Person, dass sie etwas Verbotenes tut und ihr das Geld von der Polizei weggenommen werden kann. Oft weiss sie das aber bereits», erklärt Fischer. Zudem wird den Bettlern Nothilfe angeboten. Diese werde häufig abgelehnt. «Ich vermute, dass die Bettler weiterziehen, wenn das Wetter umschlägt und die Temperaturen sinken.»

Die Stadtpolizei Zürich führt keine flächendeckenden Kontrollen durch. «Fehlbare Personen werden aber konsequent verzeigt. Die Polizei rapportiert zuhanden des Stadtrichteramtes Zürich», sagt der Sprecher Michael Walker. Das Bettelgeld wird dem Bettler durch die Polizei vor Ort abgenommen. Was mit dem Geld am Ende passiert, entscheidet das Stadtrichteramt.

«Ich vermute, dass die Bettler weiterziehen, wenn das Wetter umschlägt und die Temperaturen sinken.»Christian Fischer,, Betriebsleiter SIP

Einige Zürcher stören sich an Bettlern. Erst diesen Montag schickte die Stadtpolizei Zürich vermehrt Patrouillen an die Lutherwiese, da Anwohner und Gewerbe im Umkreis Personen gemeldet haben, die dort übernachten und betteln. Eine delikate Angelegenheit. Denn die Polizei muss eine Person in flagranti erwischen. Und auf Wiesen darf jeder so lange bleiben, wie er will. Sofern die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht gefährdet wird und andere Personen nicht belästigt werden. Was nicht toleriert werden kann, ist, wenn sich die Roma häuslich einrichten. «Aufgrund der Meldungen haben wir dort unsere Patrouillentätigkeit verstärkt, dies führt sicherlich dazu, dass diese Örtlichkeit von diesen Personen gemieden wird», sagt Walker weiter.

Nicht nur die Verzeigungen gegen Bettler nehmen zu, sondern auch gegen fehlbare Strassenmusiker. Also Personen, die an einem Ort Musik spielen, wo sie nicht dürften. Erlaubt ist das Musizieren rund um das Seebecken vom Mythenquai bis und mit der Klinik Pyramide – ausgenommen ist die Quaibrücke.

2014 wurden nur 15 Strassenmusiker verzeigt. Im Folgejahr waren es bereits 30. Und in diesem Jahr wurden bereits bis Mitte Juli 30 Musizierende verzeigt.

Bettler in Trams und Busse

Der Übergang von Strassenmusikant zu Bettler ist manchmal fliessend, wie ein Augenschein an der Seepromenade zeigt: Die Töne beginnen leise, werden lauter und verschwinden wieder. Die Quelle des Geräusches, eine kleine, junge Frau mit Akkordeon, bleibt immer mal wieder stehen und streckt die Hand aus. An ihrem Instrument fehlen Tasten, die Farbe bröckelt. Die Frau schlendert der Seepromenade entlang. Spielt zwei, drei Töne und geht dann zu den auf den Uferbänken sitzenden Personen. Sie sei hier mit der Familie und finde keinen Job, erklärt sie auf Italienisch. Auch sie kann nicht mehr nach Hause, weil ihr das Geld für das Rückfahrtticket nach Moldau fehle.

Laut Stapo hat die Anzahl der Verzeigungen auch zugenommen, weil sich Passanten und Ladenbesitzer von den Strassenmusikanten vermehrt gestört fühlen und diese melden. Fehlbare Strassenmusikanten trifft man primär dort an, wo viel Fussgängerverkehr zu erwarten ist: im Niederdorf, in Parkanlagen und eben an der Seepromenade. Es kommt aber auch vor, dass sich Strassenmusiker in Trams aufhalten.

Laut VBZ ist das Musizieren in Tram und Bus eigentlich kein Thema. «Es scheint nicht attraktiv zu sein», sagt VBZ-Sprecher Andreas Uhl. Dabei werde immer eine ähnliche Strategie angewendet: Zwei oder drei Personen laufen durch ein Tram und halten den Passagieren ein Bild von Kindern hin. Mit Gesten zeigen sie, dass sie Geld brauchen für ­Essen und Trinken. Diese Taktik beim Betteln ist laut Uhl in letzter Zeit immer mehr aufgekommen.

Erstellt: 09.08.2016, 23:38 Uhr

Bettler in der Romandie

Lausanne kennt seine Roma

Rund 50 bettelnde Roma gehören zu Lausannes Stadtbild wie das Rathaus oder die Kathedrale. Sie sind gewissermassen Einwohner der Stadt, mit dem Unterschied, dass sie kein festes Domizil haben, sondern tagsüber in den Strassen und Gassen betteln und sich nachts in eine der städtischen Notschlafstellen zurückziehen. Die Mehrheit stammt aus Rumänien, verfügt also über einen EU-Pass, hält sich für drei Monate in der Schweiz auf, verlässt das Land dann für einige Wochen, um in Lausanne schliesslich wieder aufzutauchen. Bürgerlichen Politikern ist die Dauerpräsenz der Roma seit Jahren zuwider. FDP und SVP-Politiker versuchten wiederholt mit parlamentarischen Vorstössen, das Betteln zu verbieten, um sie loszuwerden. Doch sämtliche Versuche scheiterten, sowohl im Waadtländer Grossen Rat als auch im Lausanner Stadtparlament. Linke Politiker konterten die bürgerlichen Vorstösse jeweils mit Argumenten wie: «Armut kann nicht mit einem Verbot ­bekämpft werden» und «Menschen sind frei, Bettlern Geld zu geben». Selbst Staatsrat Philippe Leuba (FDP) sprach sich gegen ein Verbot aus.

Auch die Polizei beteiligt sich

Mittlerweile hat selbst die in Ausländerfragen sonst so beharrliche SVP von diesem Thema abgelassen. Parallel dazu ist es der links regierten Stadt gelungen, zu den Roma eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und sie zur Einhaltung gewisser Verhaltensregeln zu bewegen, wobei sich auch die Polizei an diesem Projekt beteiligt und enge Kontakte zu den Roma pflegt. Man lässt sie in Notschlafstellen schlafen und versorgt sie mit Nahrungsmitteln. Im Gegenzug verlangt man, dass sie nur an den vorgesehenen Plätzen betteln, also nicht mehr wie früher neben Geldautomaten, sondern an «neutraleren» Orten. Zudem schicken einzelne Roma ihre Kinder heute in Lausanner Schulen, statt sie neben sich betteln zu lassen.

Menschenhandel in Genf

Aufgrund von Arbeiten des Filmemachers Fernand Melgar und des Fotografen Yves Leresche wissen heute Lausannes Einwohner einiges über die Lebensweise der Roma und die Identitäten der Bettler, denen sie in den Gassen täglich begegnen. Regisseur Melgar hat in seinem Film «L’abri» das Leben in einer städtischen Notschlafstelle eingefangen. Fotograf Leresche ist mit einer Gruppe Bettler von Lausanne nach Rumänien gereist und hat das Leben nach seiner Rückkehr in einer von der Stadt finanzierten Fotoausstellung mit dem Titel «Roma, die unermüdliche Suche nach dem Paradies» dokumentiert.

Anders als in Lausanne bekundet die Stadt Genf mehr Mühe mit den Roma. Zwar ist in Genf die Bettelei gesetzlich verboten, aber die Polizei lässt sie zu, ­solange die Anzahl Bettler nicht ansteigt. Die Genfer Justiz verurteilte im Mai ein Roma-Paar wegen Menschenhandels zu drei Jahren Freiheitsentzug. Das Paar hatte in Rumänien einem Vater für einen behinderten Minderjährigen 350 Franken gegeben und ihn zum Betteln nach Genf mitgenommen, wo sie den Burschen dann schlugen und von Mitmenschen isolierten. In einzelnen Fällen haben Bürger Bettler auch schon attackiert. Im Mai dieses Jahres setzte die Genfer Staatsanwaltschaft gar einen 50-jährigen Sozialhilfeempfänger in Untersuchungshaft, weil dieser seit 2014 Roma wiederholt bedroht hatte. Vier Rumäninnen hatten den Mann bei der Polizei angezeigt. Organisationen wie Caritas, aber auch der private Verein Meserom bemühen sich in Genf seit Jahren zwischen Roma, der Bevölkerung und den Behörden zu vermitteln. (phr)

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