Mit fünf Kilo Wasserstoff über fünf Pässe

Hans Jörg Häfliger ist der erste Schweizer mit einem serienmässigen Wasserstoffauto. 66'900 Franken hat er investiert, um die Zukunft des Autos zu erleben. Sein Argument: «Jemand muss ja beginnen.»

Hans Jörg Häfliger tankt an der Versuchstankstelle der Empa in Dübendorf sein Auto auf. Foto: Reto Oeschger

Hans Jörg Häfliger tankt an der Versuchstankstelle der Empa in Dübendorf sein Auto auf. Foto: Reto Oeschger

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Mit seinem weissen Hyundai fällt der 69-jährige Stadtzürcher kein bisschen auf. Ein mittelgrosses, kompaktes Auto wie jedes zweite andere. Beim Beschleunigen rauscht Hans Jörg Häfliger lautlos davon. Aber auch das kennt man, seit es immer mehr Stromer und Hybridfahrzeuge gibt. Was jedoch unter der unauffälligen Haube des Hyundai steckt, ist einzigartig: Häfliger fährt den ersten serienmässigen PW mit einer Brennstoffzelle. Er fährt elektrisch, hat aber keine zentnerschweren Batterien an Bord. Und er hat laut Prospekt eine Reichweite von 594 Kilometern. Statt Diesel, Benzin oder Strom zu tanken, füllt Häfliger den Tank mit Wasserstoff unter Hochdruck.

Hans Jörg Häfliger ist Mechaniker, Tüftler und Technikfreak. Er arbeitet noch immer als Spezialist für Fotobelichter beim Gretag-Nachfolger Imaging Solutions in Regensdorf und ist bei der Furka-Dampfbahn engagiert. Im letzten Februar hat er als erste Privatperson ein Wasserstoffauto gekauft: 66'900 Franken für einen Mittelklassewagen, der als Diesler oder Benziner weniger als die Hälfte kosten würde. Zehn Hyundai ix35 Fuel Cell’s sind bis jetzt im Kanton Zürich immatrikuliert, 2017 werden auch Toyota und Honda Brennstoffzellenautos in der Schweiz anbieten.

Baut Coop bald Tankstellen?

Häfligers Problem sind im Moment die fehlenden Tankstellen. Genau eine gibts zurzeit, die halb öffentliche Versuchstankstelle bei der Empa in Dübendorf. Am 4. November eröffnet Coop in Hunzenschwil AG eine zweite. Erst dann lässt Coop die Katze aus dem Sack, ob man die ganze Schweiz breitflächig mit Wasserstofftankstellen versorgen will. Zumindest will Coop wohl die firmeneigene Lastwagenflotte mit Wasserstoff betanken.

Wasserstoff-Pionier Häfliger hat mit seinem Hyundai schon heute die Schweiz, Österreich, Norditalien und Deutschland im Griff. «Ich könnte nach Hamburg fahren, in Linz und Bozen war ich schon und habe dort auch getankt.» Vor allem aber hat er im Juli ab Dübendorf eine Fünfpässefahrt über Gotthard, Nufenen, Furka, Susten und Brünig absolviert – ohne aufzutanken. «In Wassen musste ich kurz rechnen, obs wirklich reicht», erzählt er. Als Häfliger am Abend wieder in Zürich war, hatte er noch genügend Wasserstoff im Tank, um am nächsten Tag in Dübendorf aufzutanken. Natürlich hat der Hyundai einen Bordcomputer und GPS, um immer genau zu wissen, wie weit es noch reicht. «Und sonst hätte mich halt der TCS ­aufladen müssen.» Reservekanister gibt es für Wasserstoff nicht.

Warum kauft ein einfacher Mechaniker, der weder Millionär noch Testfahrer eines Grosskonzerns ist, aus eigener Tasche ein derart futuristisches Fahrzeug, obschon es noch kaum Tankstellen gibt? «Jemand muss schliesslich beginnen», sagt Häfliger und erinnert an die Geschichte mit dem Huhn und dem Ei. Ohne Tankstellen keine Autos, ohne Autos keine Tankstellen.

«Man braucht die Bremse kaum»

Da hat Häfliger also quasi mal ein Ei ­gelegt – oder ein Huhn gekauft. Und ist begeistert: «Ich bin schon 8000 Kilometer gefahren ohne das kleinste Problem.» Der Hyundai fahre sich sehr einfach, leise und entspannend. «Man braucht die Bremse kaum – wenn ich vom Gaspedal gehe, bremst der Elektromotor und produziert Strom für eine kleine Rekuperationsbatterie» – wie bei einem Hybridauto.

Ein Kilo reicht für 100 Kilometer

So richtig brauchbar geworden ist Häf­ligers Hightech-Auto erst Mitte Oktober. Da hatte die Empa in Dübendorf im Rahmen ihrer Forschungsplattform «Future Mobility Demonstrator» ihre Wasserstofftankstelle aufgerüstet. Statt 350 bar stehen nun 700 bar Fülldruck zur Verfügung. Der tiefere Druck reicht für Nutzfahrzeuge wie Busse oder das von der Empa und dem Paul-Scherrer-Institut entwickelte wasserstoffbetriebene Kehrfahrzeug. Für Häfliger heisst das: Statt 2,8 kann er nun 5,6 Kilogramm Wasserstoff in die beiden Hochdrucktanks füllen, in drei Minuten. Statt 300 Kilometer beträgt die Reichweite nun fast 600 Kilometer. Oder anders gesagt: Ein Kilogramm ­Wasserstoff reicht für 100 Kilometer.

Doch Wasserstoff gilt nicht nur als Energieträger der Zukunft. Er erinnert auch an die Wasserstoffbombe oder den 1937 in Lakekurst (USA) abgebrannten Zeppelin Hindenburg. Hans Jörg Häfliger war 20 Jahre lang Feuerwehrmann und ist überzeugt: «Die Brandgefahr bei einem Wasserstoffauto ist geringer als bei einem Benzinauto. Explosionen, wie sie vielleicht in Filmen vorkommen, sind nicht möglich». Grund: Die beiden Hochdrucktanks sind aus Alu und ­Kohlenstoff gebaut und haben vor der Zulassung Brand-, Fall- und Crashtests unter Einsatz von Schusswaffen überstanden.

Energie aus Sonne und Wasser

Die Tanks haben zudem ein Überdruckventil, damit der Wasserstoff im Notfall ausströmen kann. Weil er leichter als Luft ist, verflüchtigt sich Wasserstoff schnell gegen oben. Wenn eine Zündquelle in der Nähe ist, kann der Wasserstoff entflammen, verbrennt aber in einer Stichflamme mit geringer Wärmeabstrahlung.

Mit seinem Auto produziert Hans Jörg Häfliger keine schädlichen Emissionen, insbesondere null Kohlendioxid. Voraussetzung ist allerdings, dass der Wasserstoff aus erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne, Wasserkraft oder Biomasse gewonnen wird. Bei der Herstellung wird Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff gespalten. Die Empa in Dübendorf erfüllt diese Voraussetzungen wie Projektleiter Urs Cabalzar sagt: Solar­zellen auf dem Dach und die Beteiligung an einem Flusskraftwerk.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2016, 20:28 Uhr

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Brennstoffzelle

Wasserdampf statt Auspuffgase

Fahrzeuge, die mit einer Brennstoffzelle betrieben werden, sind Elektroautos ohne Batterie. Statt schwere Batterien führt das erste Brennstoffzellenfahrzeug von Hyundai Hochdrucktanks mit 5,6 Kilo Wasserstoff mit. Die Brennstoffzelle ist vorne im Motorraum eingebaut, wo bei konventionellen Autos der Diesel- oder Benzinmotor sitzt. Die Zelle produziert durch die Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff elektrische Energie, die einen Elektromotor an der Vorderachse antreibt. Die Fahrzeuge stossen lediglich Wasserdampf aus. Die Brennstoffzelle hat eine Nennleistung von 136 PS. Mit einem Kilo Wasserstoff legt der Hyundai 105 Kilometer zurück. Eine Tankladung reicht also für knapp 600 Kilometer. Das Volltanken dauert drei Minuten. Ein Kilo Wasserstoff kostet 10 Franken, ist also ähnlich teuer wie die entsprechende Energiemenge in Form von Diesel oder Benzin. Wasserstoffautos kosten heute rund doppelt so viel wie ähnliche Benzin- oder Dieselwagen. Vorteile der Brennstoff­zellentechnik: klimaschonend, im Vergleich mit Stromern schneller betankt und grössere Reichweite. Nachteile: der hohe Preis und das rudimentäre Tankstellennetz. (rba)

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