Mitten unter uns

Seit rund 30 Jahren leben wieder Füchse in unseren Städten – in Zürich sind es inzwischen etwa 1000 erwachsene Tiere.

Urbane Tiere: Eine Fuchsmutter mit drei Jungtieren in einem naturnah gestalteten Garten im Zürcher Kreis 6. Foto: Grün Stadt Zürich

Urbane Tiere: Eine Fuchsmutter mit drei Jungtieren in einem naturnah gestalteten Garten im Zürcher Kreis 6. Foto: Grün Stadt Zürich

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Wenn Reineke Fuchs durch den Garten streift, scheiden sich die Geister. Die einen freuts, andere möchten die Tiere am liebsten abknallen. Vor allem dann, wenn auf einmal sechs Junge aus dem Bau kriechen und ums Haus herum jede Nacht eine «Riesensauerei» anrichten, Kot und Urin hinterlassen.

«Letztes Jahr war unser Rasen ein Fuchstummelfeld», sagt Josy Würth aus dem Zürcher Kreis 11. Junge Füchslein seien zwar niedlich anzusehen, und es versetze einen in ländliche Gefilde, wenn ein ausgewachsener Fuchs vor der Küchentür vorbeimarschiere, so Würth, die in der Nähe der Badi Allenmoos wohnt. «Aber eben, wenn sie jede Nacht kommen, Löcher graben und Anpflanzungen zerstören, Schuhe und Nuggis anschleppen, ist das nicht mehr so herzig.» Besonders nicht mit kleinen Kindern, die alles in den Mund nehmen. Würths Nachbarin sucht jeweils den Garten ab, bevor ihre drei Kinder draussen spielen dürfen. «Doch die Kinder finden dann doch immer mal wieder ein Häufchen.»

Streifzüge durchs Niederdorf

Seit vor rund 30 Jahren die Tollwut ausgerottet wurde, sind Füchse Teil der Fauna unserer Städte. Heute lebt in der Stadt Zürich eine beträchtliche Zahl erwachsener Tiere.

«Füchse sind von Natur aus scheu und gehen dem Menschen aus dem Weg», sagt Wildhüter Fabian Kern, Fachbereichsleiter Wildschonrevier bei Grün Stadt Zürich. Sie seien weder aggressiv, noch würden sie Menschen angreifen. «Nur in Ausnahmefällen können junge oder halb zahme Füchse aufdringlich werden.» Es gibt in Zürich kein Quartier, in das der Wildhüter noch nie zu Hilfe gerufen worden wäre, sogar in der Innenstadt sind schon Stadtfüchse gesichtet worden. Dort seien es vor allem Jungfüchse, die von der Mutter vertrieben worden seien. Sie streifen etwa durchs Niederdorf und hoffen auf einen Bratwurstzipfel oder ein Büürli. «Die Füchse wissen genau, wo es etwas zu fressen gibt», sagt Kern. Muttertiere würden ihre Jungmannschaft zu diesen Orten führen.

Schon im Mittelalter

Der Fuchs ist das am weitesten verbreitete Landraubtier. Vom Polarkreis bis in den untersten Zipfel von Afrika kommt er vor. «Das zeugt von seiner Anpassungsfähigkeit», sagt Kern. Die geläufige Bezeichnung «Stadtfuchs» sei wissenschaftlich nicht korrekt. Es sei der Europäische Rotfuchs, und dieser habe sich nicht erst in den letzten 20 Jahren daran gewöhnt, dass beim Menschen immer etwas vom Tisch falle. «Es ist kein Zurückerobern der Stadt», sagt Kern, «die Füchse waren immer schon da, seit dem Mittelalter.»

Was das Stadtleben für den Fuchs attraktiv macht, sind Gärten, die wieder vermehrt naturnah gestaltet sind. Ein weiterer Grund ist die reichlich vorhandene Nahrung. Die Allesfresser finden Beeren, Fallobst, Mäuse und Regenwürmer, aber auch Fleischabfälle. «50 Prozent seiner Energie braucht der Fuchs zum Flüchten und zur Nahrungssuche. Da sind ihm Kübelsack und Container näher», sagt Kern. Zudem werde den Füchsen in Gartenhäuschen und Geräteschuppen eine ideale Behausung geboten. «Er braucht einen Raum, Ruhe, Nahrung und ein Revier, wo er ungestört ist, und das findet er in Zürich.»

Die Natur hat alles im Griff

Einmal Stadtbürger, bleibt der Fuchs der urbanen Umgebung treu – obschon der Fuchsbestand pro Quadratkilometer in der Stadt höher ist als auf dem Land und die Verdrängungskämpfe entsprechend härter. «Auf dem Land muss der Fuchs Futter suchen und jagen», sagt Kern. «Er hat Glück, wenn er einen Kadaver oder eine Maus im Weizenfeld findet.»

Von einer Explosion der städtischen Fuchspopulation, die manche Zürcher festzustellen glauben, will Kern nichts wissen. «Wir gehen in Zürich von etwa 1000 erwachsenen Füchsen aus.» Diese Zahl sei mehr oder weniger stabil, eine Regulierung durch Wildhüter weder möglich noch nötig. «Wir haben beobachtet, dass Fuchsmütter dort, wo man die Tiere jagt, mehr Junge zur Welt bringen», sagt Kern. Man könne zwar mit einem Abschuss punktuell eine Entlastung schaffen, «doch in Kürze werden die freien Reviere wieder eingenommen». Die Natur reguliert das selbst.

Im Frühling sterben jeweils die schwächsten Jungtiere wegen Nässe und Kälte. Deren Zahl ist allerdings gering. Insgesamt sind letztes Jahr rund 260 Tiere gestorben, fast 80 Prozent wurden Opfer des Strassen- und Schienenverkehrs. «Aber auch ohne Auto und Bahn würde sich der Bestand regulieren», meint Kern und ergänzt: «Man kann sagen, punkto Population hat die Natur ­alles im Griff.»

Der Fuchs müsse als Wildtier akzeptiert und entsprechend behandelt werden. Mitleid sei da fehl am Platz. «Man tut ihm keinen Gefallen, wenn man Katzenfutter auf die Terrasse stellt, den Kompost nicht abdeckt und Wurstreste vom Grillfest herumliegen lässt.» Wenn Jungfüchse im Garten wohnen, müsse man alles wegsperren. Junge Füchse seien wie junge Hunde: Alles werde zerbissen und fortgetragen. Das Positive daran: «Ihre Anwesenheit ist ein Indikator dafür, dass man einen schönen Garten hat», so Kern.

Welche Folgen das Füchsefüttern haben kann, zeigt der Fall einer städtischen Klinik. Dort habe das Nachtpersonal jeweils die jungen Füchse gefüttert. Als diese grösser wurden und nicht mehr so herzig aussahen, hätten die Leute mit Füttern aufgehört. Die Füchse reagierten darauf, indem sie die einstigen Wohltäter ins Hosenbein «kluppten». So wie es Jungtiere bei der Mutter machen, wenn sie hungrig sind. Da seien diese erschrocken, «obwohl das eine normale Verhaltenweise ist», so Kern.

Am besten nicht einmischen

Wer Füchse füttere, leiste ihnen einen Bärendienst. Sie bekommen Karies, zeigen ein abnormes Verhalten, werden extrem aufdringlich. «Füchse finden genug Nahrung in der Stadt», weiss Kern. Am besten mischt man sich gar nicht ein.

Das musste auch ein Passant feststellen, der glaubte, im Seefeld zwei junge Füchse zu retten. Eine Füchsin deponierte ihre zwei Welpen in einem Gebüsch, weil sie in einen anderen Bau zügeln musste. Der Passant entdeckte die Winzlinge und nahm sie in einer Schachtel nach Hause. Die Füchslein mussten getötet werden, weil es für sie keine Aufzuchtsmöglichkeit gibt. Und die Fuchsmutter, hätte man sie denn gefunden, hätte die Jungen nicht mehr angenommen und wahrscheinlich sogar selbst getötet. «Ein gut gemeintes Fehlverhalten», konstatiert Kern.

Geringes Risiko für Fuchsbandwurm

Und der gefürchtete Fuchsbandwurm? Kern beruhigt: Weil die Füchse in der Stadt mehr aus dem Kompost fressen, Wurstzipfel vom Wochenende hinter dem Gebüsch finden, vertilgen sie weniger Mäuse, die als Überträger gelten. «Dadurch haben Füchse in der Stadt tendenziell weniger Bandwurmbefall.» Das Risiko, sich einen solchen Parasiten einzuhandeln, sei sehr gering. Die Plattform «Fuchsratgeber» gibt Kern recht: In Europa würden auch in Regionen, wo der Fuchsbandwurm oft vorkommt, kaum mehr als 10 neue Krankheitsfälle pro Jahr und Million Menschen registriert. Selbst für gesunde Hauskatzen sei der Zürcher Fuchs keine Gefahr.

«Auch wenn Zürich uns gehört», sagt Wildhüter Kern, «die Füchse sind keine Eindringlinge. Die Stadt ist auch ihr Lebensraum – auch wenn sich nicht alle Tiere an unsere Regeln halten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2016, 00:14 Uhr

Verhaltensregeln

Wenn der Fuchs zu Besuch kommt


  • Füchse niemals füttern, sondern ignorieren oder mit lauter Stimme verjagen.

  • Mit Jungfüchsen, und seien sie noch so zutraulich, niemals spielen.

  • Bauten mit Jungfüchsen dem Wildhüter melden.

  • Hunde sofort an die Leine nehmen – grosse Hunde können Füchsen gefährlich werden, und Hunde könnten sich mit der Räude anstecken.

  • Aufdringlichen Füchsen mit dem Gartenschlauch oder einem Eimer Wasser auflauern und sie mit lauter Stimme und Wassergüssen verjagen.

  • Kranke oder verletzte Füchse unverzüglich dem Wildhüter oder der Polizei melden.

  • Bissverletzungen durch Füchse, sollten sie tatsächlich einmal vorkommen, unverzüglich einem Arzt zeigen.


(Quelle: Schweizer Tierschutz)

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