Mönch Martin lanciert sein heissestes Buch

Alt-Abt Martin Werlen lässt sich im neuesten Œuvre von Franziskus zur Narrenfreiheit beflügeln: Er tadelt Kirche und Katechismus, sinniert über Gott und die Welt.

Richtet in seinem Buch den Blick auf Gott und die Welt: Martin Werlen, bis 2013 Abt von Einsiedeln, hat aufgeschrieben, was ihm zugefallen sei. Foto: PD

Richtet in seinem Buch den Blick auf Gott und die Welt: Martin Werlen, bis 2013 Abt von Einsiedeln, hat aufgeschrieben, was ihm zugefallen sei. Foto: PD

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Martin Werlen, bis 2013 Abt von Einsiedeln und dann in die Reihe der Mönche zurückgetreten, meldet sich zurück. Mit dem Buch «Heute im Blick», das er gestern Freitag in der Jugendkirche «jenseits» in Zürich vorstellte. Begrüsst von seinem Nachfolger Abt Urban Federer und unterbrochen von Stifts­organist Theo Flury mit virtuosen Zwischentönen auf dem Klavier, gab der Alt-Abt Kostproben aus seinen «Provokationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht» (Untertitel). Zum Beispiel: «Kirchenrecht und Katechismus reichen nicht, um als gläubige Menschen unterwegs zu sein. Wem sie genügen, der betreibt Götzendienst.» Oder: «Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch.» Doch Mönch Martin richtet den Blick nicht nur auf die Kirche und ihre Versteinerungen, sondern auch auf Begegnungen mit Menschen, auf Flüchtlinge und Arme, auf seine eigene Krankheit, kurz auf Gott und die Welt.

Nur mit Notizheft

Der Text sei rein zufällig entstanden, bekannte der 54-Jährige. Während eines halbjährigen Urlaubs vom Kloster Einsiedeln, das er in den Klöstern St. Martin im ungarischen Pannonhalma und in Dormitio in Jerusalem verbrachte. Nur mit Notizheft, nicht aber mit dem ­Laptop ausgerüstet, habe er aufgeschrieben, was ihm zugefallen sei, «was ihm geschenkt wurde von konkreten Menschen».

Rudolf Walter, Cheflektor des Herder-Verlags, sagte, das Buch sei ungewöhnlich schnell entstanden. Im August habe ihm Werlen das Manuskript angeboten. Drei Monate später liegt es jetzt als Buch vor. Walter reihte es in die spezifische «Swiss Line von Tell bis Küng» ein und sah es mit lauter Hitzemetaphern wie «Heisse Eisen», «Zündstoff» und «Glut» treffend charakterisiert. Wohl auch, weil Werlen mit seinem neuesten Œuvre an seine 2012 erschienene Broschüre «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» anknüpft.

Der Aufruf des Alt-Abtes

Leitmotivisch nimmt der Einsiedler Mönch Bezug auf den neuen Papst; er will die Menschen mit seinem Buch dazu bewegen, «sich mit Papst Franziskus auf den Weg zu machen». Franziskus, der Papst seines Herzens, beflügelt ihn ganz offensichtlich zu Narrenfreiheit: An der Buchvernissage verwies er auf den ­heiligen Filippo Neri, der im Rom des 16. Jahrhunderts, als Kardinal verkleidet, Demonstrationszüge mit lauter falschen Kardinälen organisierte, um die Prunksucht des päpstlichen Hofstaats aufs Korn zu nehmen. Vielleicht werde es auch in unseren Tagen wieder Demonstrationen geben, schloss der Alt-Abt vielsagend.

Martin Werlen: Heute im Blick. Provo­kationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht. Verlag Herder. Freiburg im Breisgau 2015. S. 192. 19.50 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 20:38 Uhr

Martin Werlen: Heute im Blick. Provo­kationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht. Verlag Herder. Freiburg im Breisgau 2015. S. 192. 19.50 Fr.

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