Mörgelis Chef holte Berater – bezahlt von der Uni Zürich

Flurin Condrau hat im Kampf gegen Christoph Mörgeli drei externe Berater engagiert. Das wirft Fragen zu den Krisenmanagern beim Kanton auf – und zu den Ausgaben von Konto 3132.

Flurin Condrau im Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich. Foto: Alex Spichale («Aargauer Zeitung»)

Flurin Condrau im Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich. Foto: Alex Spichale («Aargauer Zeitung»)

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Oberjugendanwalt Marcel Riesen hatte im Fall Carlos einen PR-Berater. Unterdessen ist klar, dass auch die Universität im Fall Mörgeli externe Berater eingesetzt hat, insbesondere Flurin Condrau, der Leiter des Medizinhistorischen Instituts und damals Chef von Christoph Mörgeli. Dies geht aus Untersuchungsakten der Staatsanwaltschaft hervor, welche Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegen. Bei dem Verfahren geht es um Amtsgeheimnisverletzung, konkret um die Frage, wer dem TA-Journalisten Iwan Städler vertrauliche Berichte über den schlechten Zustand des Medizinhistorischen Museums und die mangelhafte Arbeit von Kurator Christoph Mörgeli weitergegeben hat.

Demnach hat Condrau mindestens drei externe Berater engagiert. Mit dem ersten, Samuel Bill, nahm Condrau im Dezember 2011 Kontakt auf. Bill hat eine Einzelfirma und bietet Organisationsentwicklung insbesondere von Museen an. Er arbeitet dabei seinerseits mit externen Fachleuten zusammen. Am 31. Januar 2012, bei einem weiteren Gespräch mit Condrau, ging es um die Neupositionierung des Medizinhistorischen Museums. Nach dem Gespräch stellte Bill eine Offerte aus.

Fachlich und inhaltlich sollte die Arbeit von Margarethe Greiner, eine Archäologin und Museumsfachfrau aus Innsbruck, erledigt werden. Die Betreuung des Museums und der umfangreichen Sammlung lag zu diesem Zeitpunkt in den Händen von Christoph Mörgeli. Doch der wusste laut eigenen Angaben nicht, was sein Chef mit Bill in die Wege geleitet hatte. Im Feb­ruar 2012 erhielt Mörgeli von Condrau dann in einem Mitarbeitergespräch wegen ungenügender Leistung eine Probezeit aufgebrummt.

Im April wurden sich Flurin Condrau und Samuel Bill handelseinig und unterzeichneten den Beratungsauftrag. Bill sollte erst eine Analyse vornehmen, dann Interviews mit ungefähr 30 internen und externen Persönlichkeiten führen und eine Vision für das Museum im Jahr 2022 entwickeln. Einer der Interviewten war übrigens auch Christoph Mörgeli. Totale Kosten dieser Beratung: 40'000 Franken.

Samuel Bill hatte für seine Arbeit den sogenannten Jütte-Bericht bekommen, den Condrau im Vorjahr über den Zustand der Sammlung in Mörgelis Museum erstellen liess. Zudem hatte Bill Einblick in den von Condrau verfassten akademischen Bericht über Kurator Mörgeli. Die Frage der Diskretion wurde nicht speziell festge­halten. Bill meinte dazu lediglich: «Diskretion ist eigentlich unser Business. Alles, was durch unsere Hände geht, bleibt bei uns.»

Coach mit geheimem Auftrag

Den zweiten Berater engagierte Flurin Condrau ebenfalls im April 2012: Es war der Coach und Unternehmensberater Othmar Fries. Er arbeitet schon länger mit der Universität zusammen und macht dort Coachingseminare für Führungskräfte. Auch die Volkswirtschaftsdirektion und das Personalamt des Kantons Zürich gehören zu seinen Kunden. Warum genau Condrau mit Fries Kontakt aufgenommen hat, ist nicht bekannt. Anfang April hatte Condrau mit Bill eben die Neuausrichtung des Museums aufgegleist. Weil sie es ohne das Wissen von Mörgeli getan hatten, musste Condrau mit einer Verschärfung des Konfliktes mit dem streitbaren SVP-Nationalrat rechnen.

Über den Inhalt ihrer Zusammenarbeit haben Othmar Fries und Flurin Condrau Stillschweigen beschlossen. In der schriftlichen Vereinbarung heisst es dazu: «Informationen von Flurin Condrau werden vertraulich behandelt und nur mit dessen Einverständnis an andere Personen und Stellen weitergeleitet.» Gleichwohl geht aus den Untersuchungsakten hervor, dass Condrau in Fries einen «Sparringspartner» gesucht hat, mit dem er seine «Führungsrolle sichern» und seine «Arbeitsfähigkeit erhalten» konnte.

Was Fries für sein Coaching verlangte, geht aus den Akten nicht hervor. Die Rechnungen hat er aber ans Ins­titut geschickt, sie wurden also von der Universität bezahlt. Der Coachingauftrag dauerte offiziell bis zum 7. Mai 2012 und wurde anschliessend in losem Mailkontakt fortgesetzt. Condrau hat seinen Coach nicht eigenmächtig engagiert. Die Personalabteilung soll ihm eine Reihe von Beratern vorgeschlagen haben. Auch Fries hat von Condrau den akademischen Bericht, der dem Amtsgeheimnis untersteht, bekommen. Sowohl Bill wie Fries bestreiten, dass sie diesen Bericht an Iwan Städler weitergegeben haben.

Am 11. September 2012 erschien im «Tages-Anzeiger» die grosse Geschichte über das Medizinhistorische Museum und die ungenügende Leistung von Kurator Christoph Mörgeli. Sie hat die Pläne von Condrau über den Haufen geworfen. Berater Samuel Bill war damals kurz vor der Fertigstellung seines Berichts über Museum und Sammlung. Doch abgeliefert hat er den Bericht schliesslich nicht.

Condraus Medienberater

Neben Samuel Bill und Othmar Fries hatte Condrau noch einen weiteren externen Berater, Steven Loepfe. Auf Anfrage bestätigte er den Kontakt mit Flurin Condrau. Er habe ihn im Sommer 2012 an einem Klinikjubiläum in der Innerschweiz als Redner engagiert. Zu seinem Auftrag wollte er sich nicht äussern. Gemäss den Untersuchungsakten hat er Condrau in der Medienarbeit unterstützt, und zwar nach der Veröffentlichung des Berichtes im «Tages-Anzeiger». Zweimal war die Empfehlung die gleiche gewesen: keine Auskunft geben. Die Zusammenarbeit mit Flurin Condrau hat laut Loepfe «einige Monate» gedauert. Die Rechnung hat er ans Institut geschickt. Es ging um weniger als 10'000 Franken.

Im November wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Amtsgeheimnisverletzung ein Strafverfahren gegen zwei Mitarbeiter des Medizinhistorischen Instituts eröffnet. Am 16. November trat Condrau als Institutsleiter vorübergehend zurück. Inzwischen ist er aber wieder im Amt. Zu seinen externen Beratern will er keine Stellung nehmen: «Ich möchte aufgrund laufender straf- und arbeitsrechtlicher Verfahren sowie in- folge des Amtsgeheimnisses zu dieser Angelegenheit nicht Stellung beziehen», teilte er dem TA mit.

Christoph Mörgeli will sich zu den externen Beratungsmandaten von Condrau ebenfalls nicht äussern. Er betont aber, er habe selber keine bezahlten Berater beigezogen. Er habe sich lediglich unter Freunden und Bekannten ausgetauscht. Milieuanwalt Valentin Landmann, der einmal bei TeleZüri für Mörgeli Partei ergriffen hatte, tat dies laut Mörgeli ohne Mandat und aus freien Stücken. Inzwischen vertritt ihn der Solothurner SVP-Kantonsrat Manfred Küng als Anwalt.

Konto für externe Berater

Wie viel der Kanton für externe Berater ausgibt, ist unklar. Allerdings existiert in der Rechnung ein Sachkonto 3132, in welchem «Honorare für externe Berater, Gutachter und Fachexperten etc.» verbucht werden können. Im Jahr 2012 wurden diesem Konto gut 51 Millionen Franken belastet, 13 Millionen Franken mehr als budgetiert. Auch übers Konto 3130 könnten theoretisch externe PR-Berater und Coachs bezahlt werden: Das Konto trägt den Titel «Dienstleistung Dritter». Auf ihm wurden 2012 mehr als 1,1 Milliarden Franken verbucht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2014, 23:57 Uhr

Wichtigste Ereignisse

Die letzten drei Jahre im Fall Mörgeli

Februar 2011: Flurin Condrau übernimmt die Leitung des Medizinhistorischen Instituts und wird damit Chef von Christoph Mörgeli, dem Kurator des Medizinhistorischen Museums.

Sommer 2011: Condrau lässt das Museum durch eine internationale Expertenkommission unter der Leitung von Professor Robert Jütte aus Stuttgart evaluieren. Gemäss dem Jütte-Bericht ist das Museum veraltet und in schlechtem Zustand. Gleichzeitig verfasst Condrau einen akademischen Bericht über die Arbeit von Mörgeli. Auch der fällt negativ aus. Beide Berichte bleiben geheim.

November 2011: Die Uni konfrontiert Mörgeli mit der negativen Beurteilung und setzt eine «ausserordentliche Leistungsbeurteilung» an.

Februar 2012: Flurin Condrau führt mit Christoph Mörgeli ein Mitarbeitergespräch durch. Für Mörgeli wird eine Probezeit angesetzt.

11. September 2012: Der «Tages-Anzeiger» veröffentlicht die Recherche von Iwan Städler zum Fall Mörgeli. Darin zitiert er aus dem noch unveröffentlichten akademischen Bericht von Flurin Condrau und auch aus dem Jütte-Bericht.

22. September 2012: Die Universität stellt Christoph Mörgeli frei.

18. Oktober 2012: Christoph Mörgeli kündigt einen Rekurs gegen seine Entlassung an.

Anfang November 2012: Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Strafverfahren gegen zwei Mitarbeiter des Instituts. Sie sollen Städler die geheimen Berichte weitergegeben haben. Sie werden suspendiert.

16. November 2012: Flurin Condrau gibt die Institutsleitung vorübergehend ab. Johann Steurer wird sein interimistischer Nachfolger.

29. Oktober 2013: Die Universität kündigt der suspendierten Mitarbeiterin, bevor das Strafverfahren abgeschlossen ist.

6. November 2013: Uni-Rektor Andreas Fischer tritt nach Kritik an der Entlassung der Mitarbeiterin zurück.

1. Februar 2014: Flurin Condrau kehrt als Institutsleiter zurück.

Anfang Februar 2014: Mörgeli zeigt Flurin Condrau wegen Amtsgeheimnisverletzung an. Er soll die Berichte an Städler weitergeleitet haben. (sch)

(Tages-Anzeiger)

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