Momente der «Ahs» und «Ohs» am Silvesterlauf

Rund 20'000 erlebten einen Laufsonntag in der Zürcher Innenstadt, der idealer nicht hätte sein können.

Die besten Bilder vom Lauf. (Video: Frrok Boqaj)

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Was für ein Tag zum Laufen! Keine Päckli schleppenden Weihnachtseinkäufer in der Bahnhofstrasse, kein Schneematsch auf dem Bsetzistein in der Altstadt, weder brennende Sonne noch strömender Regen: Am 43. Silvesterlauf brauchte niemand eine Kappe, einen Schal oder gar Handschuhe – und doch waren sie allgegenwärtig.

Rund 20'000 Läuferinnen und Läufer waren gestern unterwegs, die Familien beim Frischeluftschnappen auf der Kurzstrecke einmal rundherum, Väter eindringlich auf ihre Dreikäsehochs einredend («nur no dä Egge, dänn gsehsch s Ziel!»), Mütter mit Nachwuchs an jeder Hand, die einen mit Seitenstechen, die anderen mit roten Backen oder auch beidem.

Die Allerjüngsten schliefen in der Trage am Bauch eines laufenden Elternteils, die anderen weinten der so sehnsüchtig erwarteten Ziellinie entgegen. Und der Grossteil der Kleinkinder schien es unendlich cool zu finden, mit Mama und Papa Richtung Medaille zu sprinten. Medaille! Das ist doch das, was die ganz Grossen im Fernsehen nach dem Sieg jeweils erhalten.

Momente der «Ahs»

Sie alle genossen den mehr oder weniger schnellen Weihnachtsbummel um die Mittagszeit, ein paar Stunden bevor der richtige Zauber überhaupt losgeht. Denn wenn die Stadt ab dem früheren Abend mit ihren verschiedensten Lichtern zu glänzen beginnt, erhält der Silvesterlauf jeweils noch eine andere Dimension. Es sind die Momente der «Ahs» und «Ohs», in denen man den Rennweg hinauf selbst das tiefe Einatmen vergisst und der Heartbreak-Hill über dem Urania-Parkhaus einem bald nur noch ein müdes Lächeln entlockt.

Der Silvesterlauf ist das laufende Volksfest, das in 42 Jahren zum Monument gewachsen ist und seinen Namen vom Original in São Paulo erhalten hat – das aber tatsächlich an Silvester stattfindet. Uhr und Zeit sind oft zweitrangig, Genuss und Vergnügen prioritär. Und wenn sich abends zu guter Letzt noch die Verkleidungs- und Fasnachtskünstler auf den Weg machen, ist definitiv klar, dass die Interessen und Ziele andere sind als bei jenen, die Mitte Nachmittag versuchten, mit einem der neuen Tempomacher Schritt zu halten.

Und es sind nicht immer nur die Rennen der Angemeldeten in einer der unzähligen Kategorien, die an diesem Tag zu beobachten sind. Es sind auch die Rennen jener, die einen Zug zu spät angereist und auf dem Weg zum Start bereits verspätet sind. Und es sind die Rennen der Eltern, die zwischen Weinplatz und Münsterhof hin- und herwetzen, um die Sprösslinge hier und später auch da anzufeuern.

Frage und Antwort

«Sie chömed!», tönt es laut die Strehlgasse hinunter. Tatsächlich kündet sich die Läuferschar rauschend an. Leichtfüssig die Vordersten, und je länger das Feld wird, desto schwerer werden auch die Schritte. Und der letzte Teenie fragt verzweifelt: «Warum tue ich mir das an?» Die Antwort ist ganz einfach: Er wird auch für diese Läuferin ein unvergessliches Erlebnis werden, dieser Silvesterlauf. Wetten?

Erstellt: 15.12.2019, 18:05 Uhr

Abraham und Sclabas rocken das Eliterennen

Kleine Änderung, grosse Wirkung: Erstmals fanden die Eliterennen rund um das Fraumünster nicht während der Siegerehrung der Kinder statt – erstmals standen deshalb die Zuschauer drei Reihen tief um die 330 Meter lange Strecke. Und so bezeichnete Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig das Ausscheidungsrennen, bei dem die Besten 16 (Männer) und 12 Runden (Frauen) laufen und die anderen vorher ausscheiden, «fast als Bahnwettkampf, ohne dass man die andere Seite sieht».

Für Spirig war das Anfangstempo allerdings zu schnell, sie war erst am Freitag von einem elftägigen Trainingslager auf Gran Canaria zurückgekehrt. Sie wurde Vierte, während U-20-Europameisterin Delia Sclabas überlegen gewann. die 18-jährige Bernerin hatte bald die Führung übernommen und gab diese auch nicht mehr ab. Erstmals in diesem Format lief 800-m-Spezialistin Selina Büchel, die Dritte wurde und den 4-km-Lauf als «abhärtend» und «als Herausforderung für den Kopf» bezeichnete.

Bei den Männern siegte ein Altbekannter: Tadesse Abraham, der Schweizer Rekordhalter im Marathon, war wie Büchel direkt von Sion angereist, wo sie am Samstag den Weihnachtslauf bestritten hatten. Abraham verschärfte schon vor Halbzeit das Tempo, «um das Rennen fürs Publikum attraktiver zu machen» – dem hatte keiner seiner Schweizer Marathonkollegen etwas entgegenzusetzen.

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