«Nach der Geburt sollte der Sex von der Frau her kommen»

Ein Baby stellt die Partnerschaft auf eine harte Probe. Was kann getan werden, damit die Beziehung nicht an der neuen Situation zerbricht? Eine Studie der Universität Zürich will diese Frage klären.

Viel zu tun und wenig Zeit für die Beziehung: Alltag mit einem Baby.

Viel zu tun und wenig Zeit für die Beziehung: Alltag mit einem Baby. Bild: Keystone

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Frau Anderegg, Babys gibts ja nicht erst seit gestern. Warum führen Sie diese Studie (siehe Box; Anm. d. Red.) ausgerechnet jetzt durch?
Es gibt zwar immer mehr Angebote für werdende Eltern, wobei aber die Geburt und der Säugling im Fokus stehen – Geburtsvorbereitung, Hebammenbesuche zu Hause oder Beratungsstellen in den Quartieren. Im Alltag frischgebackener Eltern ist allerdings weniger die Kinderbetreuung problematisch, vielmehr gerät die Partnerschaft in die Krise. Wir wollen wissen, wie Paare in solchen Situationen unterstützt werden können.

Haben Eltern heute nach der Geburt des ersten Kindes mehr zu kämpfen als früher?
Das würde ich so nicht sagen. Ich denke eher, dass Fachpersonen wie Hebammen und Ärzte sensibilisierter sind für solche Themen. Paare machen heute in der Öffentlichkeit weniger einen Hehl daraus, wenn es in ihrer Beziehung nicht gut läuft. Und die Hemmschwelle, sich zu trennen, scheint heute tiefer zu sein als früher.

Worunter leidet die Beziehung frischgebackener Eltern?
Es gibt verschiedene Hinweise darauf, weshalb die Qualität der Beziehung und die Zufriedenheit der Partner mit der Geburt eines Kindes abnehmen. Sie haben weniger Zeit füreinander, weil das Kind einen Grossteil ihrer Aufmerksamkeit beansprucht. Sie müssen mit weniger Schlaf auskommen und sind oft gestresst, weil sie viele verschiedene Rollen unter einen Hut bringen wollen. Eine Frau ist nicht nur Mutter, sondern auch Partnerin, Tochter, Freundin, Schwester, Arbeitnehmerin. Nach der Geburt fehlt oft die Energie, um all diesen Ansprüchen gerecht zu werden, und das führt zu Frustration.

Also sind Paare nach der Geburt eines Kindes frustrierter als vorher?
Es existieren bisher im deutschsprachigen Raum noch keine exakten Daten darüber, wie markant diese Probleme tatsächlich sind und wie diese konkret aussehen. Deshalb sind wir sehr gespannt auf die Resultate unserer Studie. Eine internationale Umfrage hat ergeben, dass rund zwei Drittel der Eltern nach der Geburt eines Babys eine grosse bis leichte Abnahme der Beziehungszufriedenheit verspüren. Nur ein Drittel sagt, dass es nach der Geburt gleich zufrieden oder sogar zufriedener ist. Das ist der spannende Punkt: Was macht diese Menschen zufriedener als die anderen?

Haben Sie dazu eine These?
Ein Baby kann ein Paar als Team stärken. Das Ziel, gemeinsam als Familie ein Kind grosszuziehen und ihm ein gutes Daheim zu bieten, kann natürlich zusammenschweissen.

Wenn man ein Schreibaby hat, ist es wohl etwas schwieriger, diesen Teamgeist nicht zu verlieren…
Natürlich spielt das Kind in diesem Prozess eine grosse Rolle. Viel wichtiger ist aber der Gemütszustand der Eltern. Sind sie gestresst, fällt es ihnen schwerer, die Signale ihres Kindes wahrzunehmen und zu deuten. Sie erkennen nicht, ob das Baby weint, weil es kuscheln, schlafen oder essen will. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: «Wenn es den Eltern gut geht, geht es auch dem Kind gut.» Es gibt schon in der Schwangerschaft Faktoren, die auf ein höheres Risiko der Partnerschaftsunzufriedenheit nach der Geburt hindeuten.

Was sind das für Risikofaktoren?
Frauen und Männer, die bereits während der Schwangerschaft unzufrieden in ihrer Beziehung sind, werden nach der Geburt kaum glücklicher werden. Eine Partnerschaft mit einem Kind zu retten, funktioniert leider nur in den seltensten Fällen. Wichtig ist auch die Kommunikation eines Paares. Wenn diese ungünstig ist, wird sie nach der Geburt noch schwieriger, weil man durch die Kinderbetreuung noch weniger Zeit dafür hat, miteinander zu reden.

Was meinen Sie mit ungünstiger Kommunikation?
Es bedeutet, dass man häufig nur über Sachverhalte spricht. Wenn mir mein Partner beispielsweise erzählt, dass er gestresst ist, weil er einen Vortrag halten muss oder weil ein Jahresgespräch ansteht, ist für mich nicht ersichtlich, worin der Stress effektiv liegt, warum er deshalb unter Druck steht. Wenn wir nicht wissen oder nachvollziehen können, was den Partner emotional bewegt, ist es auch schwieriger, auf seine Bedürfnisse einzugehen.

Die Kommunikation ist ja nicht das Einzige, was in einer Beziehung nach der Geburt eines Kindes zu kurz kommt. Wie wichtig ist die Sexualität?
Sexualität ist eine grosse Ressource für eine Beziehung. Sie schafft sowohl physisch als auch emotional viel Nähe und Verbundenheit. Nach der Geburt verspürt die Frau eine wahre Hormonachterbahn. Dabei kann die Lust für eine gewisse Zeit ganz wegfallen. Beim Mann ist das nicht so. Trotzdem ist es sehr ungünstig, wenn ein Mann die Frau unmittelbar nach der Geburt zu Sex drängt. Der erste Schritt zum Sex sollte nach der Geburt von der Frau kommen, weil sich bei ihr viel mehr verändert.

Und was ist mit den Bedürfnissen der Männer?
Er hat natürlich immer noch das Bedürfnis nach Nähe – nicht nur körperlich. Da braucht es viel Grosszügigkeit und Verständnis von beiden Seiten. Und auch hier ist eine gute Kommunikation wichtig. Wenn ich weiss, was eine Situation für den Partner schwierig macht, kann ich eher darauf eingehen.

Inwieweit können die Erkenntnisse dieser Studie später genutzt werden?
«Glücklich als Paar – mit Kind», so kann man das übergeordnete Ziel der Studie zusammenfassen. Wir wollen mit den Ergebnissen der Studie herausfinden, auf welche Art Paare in der Zeit vor und nach der Geburt am besten unterstützt werden können und wie diese Unterstützung konkret aussehen könnte. Soll sie in Form einer Beratung durch die Gynäkologin während der Voruntersuchungen stattfinden oder durch die Hebamme erfolgen? Hilft eine landesweite Kampagne? Braucht es eine zusätzliche spezifische Schulung für Fachpersonen? Solche und ähnliche Fragen gilt es zu klären.

Erstellt: 16.12.2014, 11:59 Uhr

Informationen zur Studie

Das Psychologische Institut der Universität Zürich sowie das Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Nordwestschweiz haben die Studie «Paare werden Eltern» gemeinsam erarbeitet. Sie wird vom Schweizerischen Nationalfonds und von der Gesundheitsförderung Schweiz finanziell unterstützt. Ziel ist es herauszufinden, wie die Paarkompetenzen von werdenden Eltern so weit gestärkt werden können, dass die Zufriedenheit in der Partnerschaft auf einem stabilen Niveau gehalten oder sogar verbessert werden kann.

Die Studienleiter suchen hierzu deutschsprachige Paare, die zum ersten Mal Eltern werden. Interessenten können sich bis zur 27. Schwangerschaftswoche auf der Internetplattform www.paarewerdeneltern.ch melden. Einen Einsendeschluss gibt es nicht. Die Studie wird so lange weitergeführt, wie sich Paare melden. 200 müssen es mindestens sein, um die Studie durchführen zu können. «Wir nehmen weiter Anmeldungen entgegen, werden diese aber aufgrund der Festtage erst im Januar alle beantworten können», sagt Studienleiterin Valentina Anderegg.

Die Teilnehmer der Studie werden rund ein Jahr lang begleitet. Teil der Studie sind Onlinebefragungen zu verschiedenen Zeitpunkten sowie drei Kommunikationsübungen. Die Durchführung der Befragung sowie des praktischen Teils ist flexibel gestaltet und kann auch am Abend oder am Wochenende erfolgen, damit der Familienalltag nicht gestört wird.

Die Daten werden laufend ausgewertet. Erste Tendenzen lassen sich gemäss Studienleiterin Valentina Anderegg in einem halben Jahr erkennen. Konkretere Ergebnisse erwartet sie Anfang Sommer 2016. (tif)

«Ein Baby kann ein Paar als Team stärken»: Studienleiterin Valentina Anderegg. (Bild: zvg)

Valentina Anderegg

Die Psychologin Valentina Anderegg arbeitet seit 2009 am Lehrstuhl für Kinder/Jugendliche und Paare/Familien der Universität Zürich und schreibt ihre Doktorarbeit zum Thema «Paare werden Eltern». Dabei interessiert sie sich sowohl für Themen der Partnerschaft als auch für die Eltern-Kind-Beziehung. In ihrer Tätigkeit als Psychologin im Spital Affoltern am Albis setzt sie ihr Fachwissen in die Praxis um und unterstützt so Einzelpersonen und Paare vor, während und nach der Geburt.

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