Nach zwanzig Jahren erstmals kein Whiskyschiff mehr in Zürich

Letztes Jahr buhlten in der Stadt Zürich gleich zwei Whiskymessen fast gleichzeitig um Kundschaft. Dieses Jahr wird es keine mehr geben.

In Zürich gibt es dieses Jahr kein Whiskyschiff. Foto: Andrea Zahler

In Zürich gibt es dieses Jahr kein Whiskyschiff. Foto: Andrea Zahler

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Es klingt wie ein schlechter Scherz: Nach zwanzig Jahren wird diesen November erstmals kein Whiskyschiff mehr in der Stadt zur Spirituosenverkostung laden. Das traditionelle Whiskyschiff, das seit 2017 im «Trockendock» Albisgüetli weilt, muss nach Pfäffikon ausweichen. Und die Whisky- und Rummesse, die 2018 erstmals am Bürkliplatz stattfand, ist bereits wieder Geschichte. Es ist, wenn man so will, die jüngste Absonder­lichkeit in einer von Verworrenheiten geprägten Geschichte.

Der Versuch einer Rekonstruktion: 1999 fand die erste Messe am Bürkliplatz statt: Der Anlass hiess damals noch Whisky­ship, als Veranstalter fungierten verschiedene Firmen, verantwortlich war stets derselbe Mann: Eric Braun.

Als Besucher hatte man damals viel zu husten, denn auf den Schiffen durften noch Zigarren geraucht werden. Und auch andere Anbieter kamen auf den Geschmack. Mit einer Konkurrenzveranstaltung, die 2000 im Hauptbahnhof stattfand, konnte sich Braun einigen; einen Zusammenschluss mit der gleichzeitig stattfindenden Gourmesse lehnte er jedoch ab. Stattdessen gab es auf den Whiskyschiffen Lachs und später auch Schaumwein, Schokolade und Mineralwasser zu degustieren.

Der Erfolg wurde zum Problem

Einige Aussteller klagten damals über eine mangelhafte Organisation. Ein Zigarrenanbieter wurde 2001 auf der Website des Whiskyship gar diskreditiert, «dass die Firma die letztjährige Rechnung noch nicht bezahlt hat und somit für 2001 gesperrt ist». Die Zürcher Schifffahrtsgesellschaft hatte zum 10-Jahr-Jubiläum genug und wollte den Anlass kippen.

Aber dann kamen Martin Monnier und Christian Lauper an Bord. Die beiden Whiskyhändler versprachen Besserung und einen geordneten Betrieb. Das Whiskyship hiess fortan Whiskyschiff und erfreute sich eines anhaltend hohen Besucherzustroms. 2016 zählte man 6000 Eintritte. Doch ausgerechnet der Erfolg wurde zum Problem, das merkte man als Besucher am immer stärkeren Gedränge.

2017 zogen Monnier und Lauper die Konsequenzen – nicht zuletzt wegen verweigerter Ausbaumöglichkeiten seitens der Stadt und steigender Mieten. Das Whiskyschiff zügelte ins «Trockendock» Albisgüetli.

Der Bruch mit dem Bürkliplatz kam allerdings nicht bei ­allen Händlern gut an: Einige ­Albisgüetli-Aussteller beklagten Umsatzeinbussen aufgrund fehlender Kundschaft (hinter vorgehaltener Hand hörte man auch von Mängeln in Sachen Promotion, Ticketing und Verpflegungsmöglichkeiten). Sie wollten zurück an den Bürkliplatz.

«Vorher sind die Schiffe von der Expovina besetzt, nachher sind unsere Referenten anderweitig gebucht.»Christian H. Rosenberg, neuer Organisator

Diese Händler fanden in Christian H. Rosenberg, Herausgeber der Fachblätter «Drinks» und «Whiskytime» sowie langjähriger Leiter der Inter-Whisky-Messe in Frankfurt, einen neuen Organisator. Rosenberg reaktivierte die Schiffe am Bürkliplatz und positionierte seine Whisky- und Rummesse eine Woche vor der Albisgüetli-Veranstaltung. ­Rosenberg beteuerte, nicht aus bösem Willen zu handeln: «Vorher sind die Schiffe von der Expovina besetzt, nachher sind unsere Referenten anderweitig gebucht.» Aber es war unschwer zu erahnen, dass bei diesem Zweikampf nur die Messe mit der grösseren Besucheranzahl überleben würde.

Doch dann gab es keinen Sieger. Beide Messen verzeichneten 2018 je 3500 Eintritte, ein Patt in der Limmatstadt. Es kam zu neuen Verhandlungen, eine Vereinigung schien greifbar, kam aber nicht zustande. Rosenberg ­seinerseits sah sich mit Schweizer Spirituosenimporteuren ­konfrontiert, die möglicher­weise wieder ins Albisgüetli abspringen wollten – und gab auf. «Das ­Risiko war einfach zu gross», sagt der Veranstalter des Whisky- und Rumschiffs.

Kurzfristige Absage

Und das Whiskyschiff im «Trockendock»? Auch dieser Anlass findet 2019 nicht statt. Der Grund: Es gab Verzögerungen beim Umbau im Albisgüetli. «Wir erfuhren Ende September, dass wir unseren Event nicht durchführen können», sagt Monnier. Er und Lauper setzten darauf alles in Bewegung, prüften über zwanzig Locations im Raum Zürich und wurden schliesslich in Pfäffikon ZH fündig; für den Transport der Besucher wurden Shuttlebusse ab Bahnhof organisiert. Der Traditionsanlass ist also gerettet, doch die Stadt Zürich bleibt im November erstmals seit 21 Jahren whiskyfreie Zone.

Eigenartig: Auf der Website des Whiskyschiffs Zürich war bis Mittwochmittag noch das Albisgüetli als Austragungsort aufgeführt, erst dann folgte der Hinweis: «Neu in Pfäffikon ZH». Beim Whisky- und Rumschiff stand zu lesen: «Diese Website ist zurzeit im Wartungsmodus. Bitte später wiederkommen.»

21. Whiskyschiff Zürich, 28.–30. November, Bikers Base Eventhalle, Pfäffikon ZH.

Erstellt: 17.10.2019, 08:25 Uhr

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