Nachbarn ärgern sich über die Bewohner des Asylzentrums in Oerlikon

Das kantonale Durchgangszentrum Regensbergstrasse liegt mitten in einem Wohnquartier. Anwohner klagen über zu viel Lärm, Dreck und Drogen. Die Behörden widersprechen.

Grenzt direkt an Wohnhäuser: Das Durchgangszentrum (l.) an der Regensbergstrasse 243.

Grenzt direkt an Wohnhäuser: Das Durchgangszentrum (l.) an der Regensbergstrasse 243. Bild: Reto Oeschger

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Mit Namen hinstehen will der Mann nicht – wie alle anderen auch. Sie wollen sich keine Schwierigkeiten einhandeln. Doch hinter vorgehaltener Hand wagen die Anwohner des kantonalen Durchgangszentrums Regensbergstrasse in Oerlikon zu sprechen. Sie äussern sich zwar unterschiedlich in Ton und Wortwahl, im Kern aber beschweren sie sich alle über dieselben Phänomene: zu viel Lärm, Dreck und Drogen. Die Unterkunft steht direkt an der Regensbergstrasse. Auto um Auto rauscht vorbei, kaum ein Mensch ist unterwegs. Im Asylheim selber ist es ruhig. Abfallsäcke liegen draussen am Boden, weil die Container überfüllt sind.

Es fällt auf, wie nah die Nachbarn am Asylheim wohnen – anders als etwa bei der bis Herbst 2010 genutzten Asylunterkunft im ehemaligen Hotel Atlantis Sheraton, das nicht direkt an Wohnhäuser grenzt. Hier aber trennt nur eine Bretterwand die Anwohner von der Liegenschaft, in der zurzeit 91 Asylbewerber untergebracht sind, hauptsächlich Menschen aus Eritrea, dem Irak, Nigeria, Somalia, Serbien und Montenegro. «Diese Nähe», klagt einer der Gesprächspartner, «erzeugt Probleme.» Vor allem junge Männer seien nicht selten bis in die Nacht viel zu laut, zerstörten Möbel, spuckten überall hin. Mehrmals haben Anwohner beobachtet, wie Asylbewerber mit Drogen gedealt und abgepackte Säckchen in den Gärten versteckt haben. Andere wiederum berichten von Junkies, die sich hier ihren Stoff holen.

Anhaltende Klagen

Verantwortlich für den Betrieb der Asylunterkunft ist die Asyl-Organisation Zürich (AOZ), eine selbstständige öffentlich-rechtliche Anstalt der Stadt Zürich. Sie verweist auf die guten Noten, die das Durchgangszentrum und dessen Team seit Jahren erhalte: von Besuchern, Ärzten, Polizisten sowie städtischen und kantonalen Mitarbeitern. Das Einvernehmen mit der Nachbarschaft und dem Quartier sei insgesamt gut, sagt AOZ-Sprecher Thomas Schmutz. Die Mitarbeitenden würden vor allem nachts darauf achten, dass es nicht lärmig werde. Es komme zwar immer mal wieder zu «kurzzeitigen akustischen Störungen», die Heimleitung greife dann aber umgehend ein. Im Grundsatz werde die Umgebung der Liegenschaft «sehr sauber» gehalten – was Besucher und auch Nachbarn bestätigen würden.

Auch die Stadtpolizei sieht im Durchgangszentrum Regensbergstrasse «keinen Problemherd», wie Sprecherin Judith Hödl sagt. Inwieweit die geschilderten Klagen der Anwohner zutreffen – dazu will sich die Stadtpolizei nicht äussern, da sie nur Kenntnis von jenen Vorfällen hat, die ihr gemeldet worden sind. Der letzte datiert vom Januar. Damals kam es zu einem Streit unter Bewohnern, und nach einem Anruf der Heimleitung mussten Beamte der Stadtpolizei ausrücken. Im vergangenen August erhielt die Stadtpolizei zudem Hinweise auf Drogengeschäfte. Bei einer Kontrolle im selben Monat seien jedoch keine Drogen sichergestellt worden, sagt Hödl. AOZ-Sprecher Schmutz ergänzt: «Die Bewohner vermeiden es in der Regel, Drogengeschäfte im oder neben dem Zentrum durchzuführen – aus Angst vor Interventionen der Polizei.»

«In der Stadt fehlt jede soziale Kontrolle»

Die Liegenschaft wird seit 1998 als Asylheim genutzt. In all den Jahren seien die Klagen mal lauter, mal leiser gewesen, aber nie verstummt, sagt ein langjähriger Anwohner. «Genützt haben die Reklamationen nichts.» AOZ-Sprecher Schmutz entgegnet, auf Beanstandungen reagiere man «umgehend und sachgemäss».

Dass sich die Situation nicht grundlegend bessert, kommt für einen anderen Anwohner nicht überraschend: «Ein Durchgangszentrum in der Stadt zu platzieren, ist nicht sinnvoll.» Die Asylbewerber seien nur einige Monate dort untergebracht, bevor sie auf die Gemeinden verteilt werden. «Sie haben also nur wenig Anreiz, sich im Quartier zu integrieren.» Zudem könnten sie dank des urbanen Milieus leicht in die Anonymität abtauchen. Eine Anwohnerin beklagt, was auch die Stadtzürcher FDP jüngst beanstandet hat: «In der Stadt fehlt jede soziale Kontrolle.»

Die AOZ ist anderer Ansicht: Durchgangszentren seien kantonale Erstintegrationszentren, sagt Sprecher Schmutz. «Personen mit einer unter Umständen langfristigen Aufenthaltsperspektive in der Schweiz sollen rasch die deutsche Sprache lernen und sich mit den lokalen Gegebenheiten vertraut machen.» Die Gesellschaft verlange, dass Männer und Frauen mit einem Schutzstatus baldmöglichst einer Erwerbsarbeit nachgehen. Normale Wohnumgebungen förderten diesen Prozess am besten, sei es in einem Dorf, einer Kleinstadt oder einer Grossstadt wie Zürich.

Erstellt: 24.02.2012, 07:37 Uhr

Klagen sind nie verstummt: Die Liegenschaft wird seit 1998 als Asylheim genutzt.
(Bild: Reto Oeschger)

Zürich: Kontingent bald erfüllt

In der Stadt Zürich sind derzeit 1677 Asylsuchende untergebracht, das sind 313 Personen mehr als vor einem Jahr – Tendenz steigend. Mehrmals pro Woche weise die Platzierungsstelle des kantonalen Sozialamtes der Stadt weitere Asylsuchende zu, sagt Thomas Schmutz, Mediensprecher der Asyl-Organisation Zürich (AOZ). Analysiert man den heutigen Bestand der Asylsuchenden in der Stadt Zürich nach Herkunftsnationen, steht Somalia an der Spitze, gefolgt von Sri Lanka, Eritrea und Tunesien.

Wie alle anderen Gemeinden im Kanton ist die Stadt verpflichtet, sozialhilfeabhängige Asylsuchende aufzunehmen. Gemäss Beschluss der Sicherheitsdirektion liegt die Aufnahmequote zurzeit bei 0,5 Prozent der Wohnbevölkerung, dies bedeutet für Zürich insgesamt 1860 Asylsuchende. Bis also die aktuelle kantonale Vorgabe erreicht ist, können der Stadt noch 183 Asylbewerber zugeteilt werden. Weil die Zürcher Bevölkerung stetig wächst, wird sich das Kontingent in diesem Jahr noch leicht erhöhen. Ändern kann sich die kommunale Aufnahmequote auch aus einem anderen Grund: Steigt die Zahl der Asylgesuche weiter an, könnte der Kanton die Quote heraufsetzen. Sie war früher auch schon einmal doppelt so hoch.

Noch offen ist, wann genau Asylsuchende in den Trakt eines Personalhauses des Stadtspitals Triemli einziehen. Der Stadtrat wird Ende Monat oder Anfang März über diese Zwischennutzung entscheiden. 70 Personen könnten dann vorübergehend dort unterkommen. Anschliessend steht der Trakt voraussichtlich wieder Altersheimbewohnern zur Verfügung, die wegen Renovationsarbeiten in ihrem Stammhaus temporär anderswo untergebracht werden müssen. (sit)

23 Asylbewerber verhaftet

In einer Asylunterkunft an der Juchstrasse in Altstetten hat die Stadtpolizei am Donnerstagmorgen 209 Personen kontrolliert. 46 Personen führte sie für genauere Abklärungen auf die Wache. 21 Männer und 2 Frauen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren wurden festgenommen. Ihnen wird Drogenhandel, Diebstahl, Hehlerei sowie Verstösse gegen das Ausländergesetz vorgeworfen. Die Verhafteten stammen aus verschiedenen Ländern Afrikas, Asiens und Europas. In der Barackensiedlung sei es in letzter Zeit immer wieder zu tätlichen Streitereien und Randalen gekommen, teilte die Stadtpolizei mit. Anlass für die Razzia waren Hinweise aus der Bevölkerung sowie die Gründe für diverse Einsätze, welche Polizisten wegen Auseinandersetzungen in Nothilfezentren in den letzten Wochen leisten mussten. Zwei Beamte des Bundesamtes für Polizei (Fedpol) unterstützten die Aktion. (sit)

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