Nachts Tempo 30 in ganz Zürich

230 Kilometer Strasse in Zürich sind zu laut. Die Verwaltung arbeitet an einem Sanierungsprogramm, das zu einer flächendeckenden Tempo-30-Zone führen kann.

«Die stetige Fahrweise würde trotz tiefer Geschwindigkeit nur zu geringen Verlusten bei der Reisezeit führen»: Zürichs Strassen, die zu laut sind.

«Die stetige Fahrweise würde trotz tiefer Geschwindigkeit nur zu geringen Verlusten bei der Reisezeit führen»: Zürichs Strassen, die zu laut sind. Bild: TA-Grafik str / Quelle: Tiefbauamt

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Nur noch sieben Jahre haben Kantone und Gemeinden in der Schweiz Zeit, den Strassenlärm so weit zu senken, dass er unter den Grenzwert der eidgenössischen Lärmschutzverordnung kommt. In der Stadt Zürich ist eine ämterübergreifende Gruppe daran, eine Strassenlärmstrategie zu erarbeiten, die dann vom Stadtrat bewilligt und für die überkommunalen Strassen mit dem Kanton abgesprochen werden muss.

Im Zentrum der Strategie steht die Verlangsamung des Verkehrs sowohl auf den städtischen Nebenstrassen wie auch auf den kantonalen Hauptstrassen. Die Arbeitsgruppe diskutiert unter anderem die Einführung von Tempo 30 nachts in der ganzen Stadt – von 22 bis 6 Uhr. Und dies auch auf den breiten Ein- und Ausfallachsen, wo heute Tempo 50 gilt und wo für bauliche Massnahmen der Kanton zuständig ist.

Um in diesen Stunden das langsame und vorsichtige Fahren zu fördern, würde die Strassenbeleuchtung deutlich reduziert und die Lichtsignalanlagen würden nur gelb blinken. Dieses Regime wäre «recht einschneidend», schreibt Erich Willi, Projektleiter Verkehrsplanung, auf der Website des Tiefbauamtes (unter Publikationen und Broschüren). Doch würde die stetige Fahrweise trotz tieferer Geschwindigkeit nur zu geringen Reisezeitverlusten führen, umgekehrt aber zu spürbar weniger Lärm. «Die Diskussion dazu steht ganz am Anfang.»

Tempo 30 halbiert den Lärm

Deutlich weiter ist die Lärmarbeitsgruppe der Stadtverwaltung bei den kommunalen Strassen. Sie hat als Erstes 80 Strassenabschnitte ins Auge gefasst, auf denen heute Tempo 50 gilt, für die aber Tempo 30 in Betracht kommt. Tempo 30 reduziert den Strassenlärm um 2 bis 3 Dezibel, was akustisch einer Halbierung der Verkehrsmenge entspricht. 30 dieser Abschnitte haben keinen öffentlichen Verkehr, durch 50 Abschnitte führt eine Buslinie.

Ein Versuch auf der Kalchbühlstrasse in Wollishofen im Herbst 2009 ergab eine Lärmverminderung von 2,4 bis 4,5 Dezibel infolge Tempo 30. Das lag über den Erwartungen, doch ergab sich auch ein Zeitverlust für die VBZ-Busse von 2 Sekunden pro 100 Meter. Das summiert sich und macht auf einzelnen Strecken in Spitzenzeiten zusätzliche Fahrzeuge nötig, wenn das heutige Angebot aufrechterhalten werden soll. Deshalb kommentierten die Verkehrsbetriebe den Versuch damals deutlich zurückhaltender als das Tiefbauamt und der Umweltschutz. Auch die Dienstabteilung Verkehr des Polizeidepartements, die für die Verkehrssteuerung zuständig ist, äusserte sich verhalten.

Kaum Platz für Schutzwände

Nach Angaben von Bruno Hohl, Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes, konnte inzwischen für die meisten der 80 Strassenabschnitte eine einvernehmliche Lösung gefunden werden. Die beteiligten Fachstellen hätten in einer intensiven und konstruktiven Arbeitsphase eine wegweisende Verständigung erzielt. Der Stadtrat soll nun bis Ende Jahr über die Vorschläge entscheiden. Später wird im Rahmen der Strassenlärmstrategie geprüft, in über 30 Quartierzentren Tempo 30 einzuführen. Diese Quartierzentren sind im kommunalen Verkehrsplan festgelegt und wurden vom Volk in der Abstimmung vom Februar 2004 gutgeheissen.

Hohl betont: Die Lärmschutzverordnung des Bundes gebe vor, dass Massnahmen an der Lärmquelle Vorrang haben, also Temporeduktionen oder andere Änderungen des Verkehrsregimes. Tempo 30 sei bei kommunalen Strassen oft die sinnvollste Massnahme. Sie bringe deutliche Lärmreduktionen, habe positive Effekte für Sicherheit und Aufenthaltsqualität und sei kostengünstig. Nur wenn auf die Quelle nicht eingewirkt werden kann, kommen Lärmschutzwände zur Anwendung. Und für Lärmschutzwände hat es vor allem in der Innenstadt kaum Platz. Schallschutzfenster sind nur eine Ersatzmassnahme, wenn nicht saniert werden kann.

140'000 Menschen lärmgeplagt

Ein Drittel der Strassen in Zürich mit einer Länge von 230 Kilometern erzeugt einen Lärm, der lauter ist, als es die Lärmschutzverordnung mit ihrem Immissionswert erlaubt. An diesen Strassen wohnen rund 140'000 Menschen. Die Stadt hat sich bisher auf die lautesten Strassen konzentriert, die sogar den Alarmwert überschreiten. Auf 30 Kilometer Länge wurden Schallschutzfenster eingebaut und entlang der Rosengarten-, Witikoner-, Hirschwiesen- und Leimbachstrasse einzelne Lärmschutzwände erstellt. Kosten: rund 100 Millionen Franken, bezahlt von Stadt und Kanton sowie durch Bundesbeiträge. Kantone und Gemeinden, die ab 2018 immer noch zu laute Strassen haben, stehen weiterhin in der Pflicht, erhalten aber keine Bundesbeiträge mehr.

Erstellt: 14.10.2011, 11:02 Uhr

Optische Verkehrsberuhigung: «Kreisel» auf Zürcher Quartierstrasse. (Bild: Keystone )

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