Nahtoderlebnis beim Mittagsrun

Büro-Jogging-Gruppen sind beliebt. Doch was als Massnahme fürs Teambuilding daherkommt, ist in Wahrheit ein sozialdarwinistischer Verdrängungskampf.

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Für die einen Menschen ist Sport so attraktiv wie ein Besuch beim Zahnarzt: etwas, das man zu vermeiden oder möglichst lange aufzuschieben versucht. Die anderen brauchen ihren Sport wie Heroin und kriegen schlechte Laune, wenn sie nichts tun. Eine Mischform ist der Bürofitter: Er treibt regelmässig, aber ohne grossen Ehrgeiz Sport, gern nutzt er dafür auch die Mittagspause. Zwischen 12.00 und 14.00 kann man ihn in seinem natürlichen Habitat beobachten, wie er mehr oder weniger dynamisch eine Trainingseinheit absolviert.

In meinem Unternehmen schliessen sich die Bürofitter mittags zum gemeinsamen Laufen zusammen. Das birgt aber ungeahnte Gefahren. Wie in vielen Unternehmen besteht auch das hiesige Kader aus Marathon- und Triathlon-gestählten Hochleistungsjoggern. Und so wirkt das gemeinsame Mittagsjoggen zwar wie eine Massnahme zur Förderung der Teambildung, ist in Wahrheit aber eine höchst kompetitive Veranstaltung mit reichlich Absturzpotenzial.

Immer wieder nämlich schliessen sich Läufer aus den unteren Chargen an, um den Ehrgeiz, das Stehvermögen und die Leidensfähigkeit eines Kadermannes zu beweisen. Leider aber klaffen der berufliche und der sportliche Ehrgeiz in vielen Fällen arg auseinander. Mit dramatischen Folgen für den Laufgruppenneuling. Man kann vieles erleben beim Versuch, das Topmanagertempo zu halten: serielle Nahtoderlebnisse, die Schmach, die Gruppe langsam am Horizont verschwinden zu sehen, oder besonders übel: sich aufgrund akuter Erschöpfung diskret in ein Gebüsch zu erbrechen. Und wer zehn Minuten hinter der Spitzengruppe herlahmend im Hof von Tamedia eintrifft, muss mit weiteren Demütigungen rechnen. Etwa hämisch grinsende Raucher, die die Sportler zwar verachten, aber dennoch genau registrieren, in welcher Reihenfolge die Bürofitter zurückgekommen sind. Immerhin ein Trost hat der Langsame: Ihm bleibt die Peinlichkeit erspart, dem Chef nackt unter der Dusche begegnen zu müssen.

Das Leiden geht aber auch nach dem Duschen weiter. Denn wo der Manager gleich in sein Büro in der Teppichetage verschwinden kann, verrät sich der gewöhnliche Laienläufer in der Kantine durch einen roten Kopf und den stechenden Duft seines nach der Dusche aufgetragenen Deodorants. Wenn er Pech hat, schwitzt er während der ersten Nachmittagssitzung noch immer so stark nach, dass er für jeden als Ehrgeizling erkennbar ist, der sein Limit nicht kennt. Darum: Wer fit bleiben will, treibe Sport – um Karriere zu machen, greift man lieber auf Netzwerk-Apéros zurück. Dort ist es leichter, mitzuhalten.


Michèle Binswanger ist Autorin beim «Tages-Anzeiger», liebt Sport und Trainingsphilosophien. Wöchentlich schreibt sie die Work-out-Kolumne und postet regelmässig auf diesem Instagram-Kanal.

Erstellt: 03.10.2019, 16:09 Uhr

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