Ein neuer Beauty-Trend erreicht Zürich

Nach dem Haarschnitt noch eine Schönheits-OP gefällig? Wie Friseure ein neues Geschäft entdecken.

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Figaro Salvatore Fendi*, in Zürich kein Unbekannter, hat in den letzten Jahren zahlreiche Einladungen an schöne Orte bekommen. Zum Beispiel nach Davos. Einladungen von Schönheitschirurgen zu Informationsveranstaltungen über die Möglichkeiten der Schönheitsindustrie. Einladungen, die den Coiffeusen und Coiffeuren das Rekrutieren von potenziellen Schönheits-OP-Anwärterinnen näherbringen sollen, vermutet Fendi. «Die Einladungen sind sehr subtil gemacht, ästhetisch, chic, mit schöner Schrift und auf Qualitätspapier.»

Fendi hat sich nicht gross gewundert, er kennt das Vorgehen bereits aus seiner Zeit in Los Angeles Ende der 90er-Jahre. Irgendwann komme alles von drüben hierher, ist er überzeugt. «In Los Angeles geht man zum Schönheitschirurgen wie bei uns zum Coiffeur.» Seit ein paar Jahren sieht er diesen Trend auch auf Zürich zukommen: «Es ist ganz eindeutig, was da passiert.»

Eine neue Kundin aus Küsnacht erzählte ihm kürzlich, dass sie bei ihrem letzten Besuch beim Dorfcoiffeur an der Kasse einen Flyer bekommen habe, der sie zu einer Botox-Party einlud. Das hatte sie zum Coiffeurwechsel bewogen.

Im Gegenzug Gefälligkeiten

Solche Anwerbungen und die Angebote von Schönheitskliniken hält Fendi für «unterirdisch». Ein Coiffeur sei für viele so etwas wie ein Alltagspsychologe oder persönlicher Berater. «Wer das missbraucht, um Klienten Schönheits-OPs anzudrehen, nutzt das Vertrauensverhältnis zur Kundin schamlos aus.» Im Gegensatz zu Los Angeles rede man hier leider nicht offen über solche Koope­rationen. «Aber ich muss nur in einen Coiffeursalon schauen und weiss sofort, was los ist», sagt Fendi.

Haare schön, Gesicht auch? Wenn der Coiffeur ein Nebengeschäft entdeckt. (Bild: Reuters)

Auf Anfrage wollte sich kaum ein Coiffeur zum Thema äussern. Es heisst nur allgemein: «Ja, davon haben wir auch schon gehört.» Einzig der Zürcher Coiffeurkönig Valentino steht dazu, dass in der Schönheitsindustrie ein «Geben und Nehmen» herrsche. Man halte sich gegenseitig Kunden zu, im Gegenzug gebe es Gefälligkeiten, Gutscheine, manchmal auch Geld. «Vom Haartransplantationschirurgen über den Schönheitschirurgen bis hin zum Dentalchirurgen, alle wollen mit uns zusammenarbeiten», sagt der Star der Zürcher Coiffeure, schränkt aber ein, er selber mache nie den ersten Schritt.

Valentino bekommt zehn bis zwölf Anfragen pro Jahr, sowohl aus der Schweiz, als auch aus dem Ausland. Konkret nennt er etwa die Zusammenarbeit mit der Klinik Pyramide am See. Dort lässt die Marketingverantwortliche Stefanie Baumann ausrichten: «Es gibt bei uns keine Kontakte mit Coiffeursalons. Nur in unserem Hair & Body Atelier im Zusammenhang mit Haarausfall und Haartransplantationen arbeiten wir mit Coiffeuren zusammen.» Auch mit einer anderen Zürcher Klinik pflegt Valentino nach eigenen Angaben eine Kooperation. Eine Anfrage des TA zu solchen Partnerschaften blieb von der Klinik aber unbeantwortet.

Kollaborationen finden statt

Wie verbreitet solche Zusammenarbeiten sind, bleibt offen. Die meisten antworten wie Coiffeuse Susanna Burger, Präsidentin des Verbandes Schweizer Coiffeurgeschäfte Sektion Zürich-Stadt. Sie sagt nur: «Das gibt es sicher, jedoch nicht bei mir.» Bei André Hann, Leiter Administration beim Verband Schweizer Coiffeurgeschäfte Kanton Zürich und Aktuar bei der Prüfungskommission Coiffeuse/Coiffeur der Bildungsdirektion, tönt es ähnlich. Das seien «interessante» Fragen, «aber leider kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Wir machen keine Aussage.»

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Dass die Schönheitsindustrie sich gegenseitig unterstützt und dies zum Teil auch mit Gefälligkeiten fördert, ist unbestritten. «Kollaborationen finden statt», sagt Urs Bösch, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie (SGAC). Und zwar in ­allen Bereichen zwischen Coiffeuren, Beauty-Studios und der Schönheitschirurgie. Mit seiner Recherche habe der TA «in ein Wespennest gestochen». Denn im Berufsstand der Medizin gelte die Regel: keine Rabattierung, keine Provision. «Ein Patient darf nicht aus wirtschaftlichen Gründen zu etwas gedrängt werden», sagt Bösch.

Laut Standesordnung des Berufsverbandes der Schweizer Ärzte (FMH), welche die wichtigsten Pflichten des Medizinalberufgesetzes konkretisiert und berufsethische Regeln definiert, gilt: «Arzt und Ärztin dürfen für die Zuweisung von Patienten und ­Patientinnen oder für die Vornahme einzelner Untersuchungs- oder Behandlungsmassnahmen kein Entgelt oder andere Vorteile versprechen oder entgegennehmen.» Die Standesordnung gilt für alle Mitglieder der FMH, unabhängig von ihrer beruflichen Stellung.

Forderung nach Transparenz

Es besteht also eine Art Grauzone, in welcher gegenseitige Gefälligkeiten die wirtschaftlichen Beziehungen stärken. Wo liegt die Grenze? Wann wird es problematisch? Dass Coiffeure und Schönheitsstudios Empfehlungen zu Schönheitseingriffen geben, sei nachvollziehbar, sagt SGAC-Präsident Bösch. «In ihren Behandlungen sehen sie Resultate und reden über Erfahrungen.» Solche Informationen sollten aber «nicht primär eine finanzielle Grundlage haben». Wenn es wirtschaftliche Beziehungen gebe, «dann müssten diese dem Kunden respektive Patienten gegenüber trans­parent gemacht werden».

Bösch weist zudem darauf hin, dass «Werbung für einen Arzt grundsätzlich verboten ist». Die entsprechenden Gesetze und deren Einhaltung würden von den Behörden aber zu wenig kontrolliert. Zudem sei die Werbung für Angebote von Schönheitskliniken heute oft ille­gal. Die SGAC-Mitglieder seien über die Gesetzesgrundlagen orientiert, und man verlange ein korrektes Verhalten: «Gravierende Verstösse gegen Regeln und Gesetze können zu einem Ausschluss aus der Gesellschaft führen.»

Für Christian Depner, Facharzt FMH für Plastische und Ästhetische Chirurgie und leitender Arzt Plastische Chirurgie in der Pallas-Klinik Zürich, sind etwa «Aussehentipps vom Coiffeur grundsätzlich nicht problematisch». Jedoch sollen diese «ohne Hintergedanken im Zusammenhang mit einer Provision erfolgen». Generell seien Provisionszahlungen für Kundenvermittlungen sehr schwierig, «weil eine ehrliche Empfehlung nicht mehr garantiert ist». Depner rät den Kunden, sich immer unabhängig zu ­informieren und idealerweise mehrere Meinungen einzuholen.

* Name der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2017, 06:25 Uhr

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