Negrellisteg: Stadt stoppt Planung

Überraschende Kehrtwende bei einem Zürcher Prestigebau: Die Stadt hat das 30-Millionen-Projekt für eine Velo- und Fussgängerbrücke über das Gleisfeld beim HB auf unbestimmte Zeit verschoben.

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Von einem Bau, «der Zürichs Gesicht prägen wird», schwärmte Stadträtin Ruth Genner im April 2011. Damals stellte die grüne Politikerin das Siegerprojekt für den Negrellisteg vor, einer 150 Meter langen Fussgänger- und Velobrücke über die Bahngleise, welche die Kreise 4 und 5 zwischen Europaallee und Zollstrasse verbinden sollte.

Den Architekturwettbewerb gewonnen hatten zwei Ingenieurbüros aus London und Paris. Laut ihren Plänen sollte sich der Negrellisteg in sieben Meter Höhe ohne eine einzige Stütze über das gesamte Gleisfeld erstrecken. Die Stadt wollte das definitive Bauprojekt 2013 vorlegen, 2014 das Volk abstimmen lassen und die Brücke 2016 eröffnen. Kostenpunkt für den nach dem Ingenieur Alois von Negrelli (1799–1858) benannten Prestigebau: 30 Millionen Franken.

Veloweg soll durch Stadttunnel

Doch jetzt hat der Stadtrat eine überraschende Kehrtwende vollzogen. «Das Projekt Negrellisteg wurde auf unbestimmte Zeit zurückgestellt», bestätigt Stefan Hackh, Sprecher des Tiefbauamtes von Ruth Genner. «Wir treten einen Schritt zurück und machen eine Gesamtschau.» Hackh führt zwei Gründe dafür an. Erstens habe das Tiefbauamt die Prioritäten anders gesetzt.

So fokussiert es derzeit auf die Veloverbindung unter dem HB hindurch, zwischen Kasernenstrasse und Sihlquai. Der dafür nötige Tunnel existiert bereits: Er wurde Ende der 80er-Jahre zusammen mit dem Bahnhof Museumstrasse als Vorinvestition in den Stadttunnel gebaut, der einst die A 1 mit der A 3 verbinden und die Sihlhochstrasse überflüssig machen soll. Der 200 Meter lange Tunnelstummel soll ab 2014 den Veloweg und eine Velostation mit 1500 Plätzen aufnehmen. Diese Verbindung ist deutlich günstiger als der Negrellisteg: Inklusive Zufahrtsrampen wird sie auf 7 Millionen Franken geschätzt.

Nicht beerdigt, sondern verschoben

Als zweiten Grund für die Abkehr vom Negrellisteg nennt Stefan Hackh die neue Ausgangslage, die sich mit dem Bau des Polizei- und Justizzentrums (PJZ) im alten Güterbahnhof ergebe. Dies erfordere eine Gesamtschau aller Gleisquerungen in dem Gebiet. Dabei müsse geklärt werden, welche Bedeutung dem Negrellisteg zukäme.

Wie weit finanzielle Bedenken und die zu erwartende Opposition gegen das 30-Millionen-Projekt für den Rückzieher verantwortlich sind, lässt Hackh offen. Den Vorwurf einer Fehlplanung weist er zurück. Der Negrellisteg sei ja nicht beerdigt, sondern vorerst auf unbestimmte Zeit verschoben. Allerdings: Ein neuer Zeitplan für den Bau existiert nicht. Die siegreichen Architekten wurden laut Hackh bereits über die neue Entwicklung informiert.

«Luftschloss von Frau Genner»

Politiker zeigen sich wenig erstaunt vom Planungsstopp. Laut FDP-Fraktionschef Roger Tognella hat der Stadtrat das Projekt Negrellisteg schon gar nicht in seinen Aufgaben- und Finanzplan für die Jahre 2012–15 aufgenommen. In dem Papier heisst es, die Planung 2013 bis 2015 sei «von einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld» geprägt. Tognella sagt: «Da gilt es, Prioritäten zu setzen und haushälterisch mit dem Geld umzugehen.» Der FDP-Mann erinnert an andere geplante Grossinvestitionen wie den Ausbau des Bahnhofs Oerlikon, die Kunsthauserweiterung oder das Kongresshaus. Er bezweifelt, dass der Negrellisteg je gebaut wird: «Das dürfte ein Luftschloss von Frau Genner bleiben.»

Auch für SVP-Fraktionschef Mauro Tuena ist das Projekt «gestorben». Er ist froh, dass die Stadt «dieses Luxusprojekt» fallen lässt. 30 Millionen für einen Velo- und Fussgängersteg seien fernab jeglicher finanzieller Realität. Für GLP-Fraktionschef Gian von Planta, der die Baukosten ebenfalls kritisiert, kommt der Rückzieher eher überraschend. Mit Blick auf die geplanten Grossüberbauungen an der Zollstrasse und Europaallee hätte eine Verbindung über die Bahngleise einem Bedürfnis entsprochen.

«Eine pragmatische und gute Lösung»

SP-Fraktionschefin Min Li Marti verweist auf das wirtschaftliche Umfeld, das die Stadt zu einer Prioritätensetzung zwinge. Aus ähnlichen Gründen hält auch Grünen-Fraktionschef Markus Knauss den Entscheid, auf den Negrellisteg vorerst zu verzichten, für vertretbar. Den Stadttunnel als Veloverbindung zu nutzen und daneben noch Veloabstellplätze zu bekommen, sei eine «pragmatische und gute Lösung».

Bei der Planung im HB-Gleisfeld scheint das Tiefbauamt derzeit keine glückliche Hand zu haben. So stösst auch das von ihm erkorene Siegerprojekt für den Neubau des Bahnhofs Hardbrücke auf breiten Widerstand im Stadtparlament. Dort wird befürchtet, das Neubauprojekt der Stararchitekten Gigon/Guyer könnte die Erweiterung der Gleis- und Perronanlagen blockieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2012, 08:19 Uhr

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