Neue 4½-Zimmer-Wohnung mit Seeblick für 1720 Franken

Der Zürcher Stadtrat will im Kreis 8 eine Siedlung mit 100 Wohnungen bauen. Der subventionierte Neubau beim Zürichhorn soll der Seefeldisierung entgegenwirken.

Hier werden neue günstige Wohnungen nicht lange leer stehen: Bevorzugte Lage an der Bellerivestrasse mit dem Zürichsee in Sichtdistanz.

Hier werden neue günstige Wohnungen nicht lange leer stehen: Bevorzugte Lage an der Bellerivestrasse mit dem Zürichsee in Sichtdistanz. Bild: Reto Oeschger

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Eine 4½-Zimmer-Wohnung mit Seeblick für 1720 Franken, nur eine Gehminute vom «Schwumm» im Zürichsee entfernt? Diese Lustvorstellung aller Mieter wird Realität, wenn es nach dem Willen des Stadtrates geht: eine kommunale Wohnsiedlung mit 100 bis 110 Wohnungen an der Bellerivestrasse, rechts und links der Einmündung Hornbachstrasse. Die Siedlung ist mehrteilig und verdichtet, gleich hoch und in der Form ähnlich wie die Häuser weiter oben an der Hornbach- und der Dufourstrasse. Ein Drittel der Wohnungen soll subventioniert sein – darunter die eingangs beschriebene 4½-Zimmer-Wohnung. Freitragend kosten 4½ Zimmer nach heutiger Schätzung 2220 Franken, 3½ Zimmer 1930 und 5½ Zimmer 2440 Franken.

Für die Durchführung eines Architekturwettbewerbs hat der Stadtrat bereits 640'000 Franken bewilligt; jetzt beantragt er dem Gemeinderat 6,26 Millionen für die Ausarbeitung eines Bauprojekts. Trotz Sparphase weiss er diese Ausgaben politisch legitimiert, hat doch der Gemeinderat im Juni 2009 eine Motion von Urs Rechsteiner (CVP) und Martin Mächler (EVP) überwiesen, die kommunalen oder gemeinnützigen Wohnungsbau im Quartier Riesbach verlangt.

70 Millionen soll es kosten

Doch hat sich die Stadt schon vorgängig mit dem Areal Hornbach befasst. Dort besitzt sie zwei Parzellen, die auf der einen Seite mit Werkbauten städtischer Betriebe und einem Pavillon samt Ausstellungsfläche der Autofirma Amag belegt sind, auf der anderen Seite mit einem Schulpavillon, einem kleinen Wohnhaus und einer Wiese. Dort war Ende der 80er-Jahre das Thermalbad Tiefenbrunnen geplant, dem das Volk zwar zugestimmt hatte, für das sich jedoch kein Betreiber fand. Die Grundstücke waren für eine Überbauung unattraktiv, da sie zu einem grossen Teil für einen Anschluss an den Seetunnel vorgesehen waren. Im aktuellen kantonalen Richtplan befindet sich dieser Anschluss weiter oben am See, deshalb steht das Areal jetzt ganz zur Verfügung.

Vorgaben für die städtische Überbauung sind ferner: Ersatzbau für den Werkhof, eine Kinderbetreuungsstätte, Büros, Verkaufs- und Gewerberäume entlang der stark befahrenen Bellerive-strasse, Offenlegung des Hornbachs, eine Allee und 140 Parkplätze, ein Teil davon als Ersatz der 40 Parkplätze, die dem offenen Hornbach weichen müssen. Rund 70 Millionen Franken kostet die Überbauung. Der Stadtrat will das Vorhaben keiner Baugenossenschaft überlassen «angesichts der komplexen, im Verfahren mit Risiken behafteten Aufgabe».

Wenig kommunale Siedlungen im Seefeld

Tatsächlich gibt es noch viel zu tun: Die Parzellen müssen umgezont und die Baulinie muss korrigiert werden. Zudem ist ein Gestaltungsplan erforderlich. Der Fahrplan des Stadtrates sieht so aus: Start Wettbewerb im kommenden Sommer, Projekt fertig 2013, Bewilligung im Gemeinderat Mitte 2014, Volksabstimmung Anfang 2015, Baubeginn Herbst 2015, Einzug der glücklichen Mieterinnen und Mieter Ende 2017.

Im Seefeld steht erst eine kommunale Wohnsiedlung: die Überbauung Tiefenbrunnen mit 102 Wohnungen. Auch der Bestand an genossenschaftlichen Wohnungen liegt weit unter dem städtischen Durchschnitt. Gleichzeitig ist das Quartier weitgehend überbaut. Die Folge an dieser attraktiven Wohnlage heisst Seefeldisierung: teure Renovationen, viele Einpersonenhaushalte und Mieten, die für Familien und Mittelständischekaum mehr zu bezahlen sind. Aus diesem Grund verlangt die Motion der CVP/EVP gezielt Wohnmassnahmen im Kreis 8. In der Gemeinderatdebatte damals im Juni 2009 lehnten SVP und FDP den Vorstoss ab. Sie argumentierten, in Zürich sei jede vierte Wohnung gemeinnützig und die Durchmischung der Bevölkerung damit gewährleistet.

Erstellt: 03.02.2011, 22:18 Uhr

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