Neue Ampel macht Velofahrern Beine

Wenn die kleine Ampel an der Gessnerbrücke gelb blinkt, dürfen Velos fahren. Gleichzeitig dürfen Fussgänger ihren Weg kreuzen. Das neue Verkehrsregime ist der Zürcher Beitrag zu einem nationalen Versuch.

Schaltet nie auf Grün, der Verkehr rollt trotzdem: Die Veloampel vor der Sihlpost-Baustelle (r.).

Schaltet nie auf Grün, der Verkehr rollt trotzdem: Die Veloampel vor der Sihlpost-Baustelle (r.). Bild: Reto Oeschger

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Die Veloampel schaltet nie auf Grün. Als Farben kennt sie einzig Rot und Gelb. Und doch verheisst die Ampel velofreundlichere Zeiten für Zürich. Zu bestaunen ist das kleine Lichtsignal im Kreis 4 an der Kreuzung von Kasernen- und Lagerstrasse. Velofahrer, die auf dem breiten Trottoir von der Gessnerbrücke her kommen und geradeaus in die Lagerstrasse fahren, werden zu Teilnehmern des landesweiten Forschungsprojekts «langsamverkehrsfreundliche Lichtsignalanlagen».

Genau genommen findet der Versuch nur in Zürich und Basel statt. Doch wenn sich die innovative Verkehrsführung bewährt, kann die kleine Ampel Velofahrern auch an anderen Kreuzungen zu längeren Go-Phasen verhelfen. Das Besondere an der Ampel ist, dass sie Velofahrern auch dann das Weiterfahren erlaubt, wenn gleichzeitig die Fussgänger Grün haben, welche ihren Weg kreuzen. Gelbes Blinken signalisiert dem Velofahrer: Du darfst fahren, aber du musst aufpassen, weil Fussgänger vor dein Rad treten können. Und wenn sie das tun, musst du ihnen den Vortritt gewähren.

Eigentlich verboten

«Zwei Verkehrsteilnehmern gleichzeitig Grün zu geben, wenn sie dadurch zu kollidieren drohen, ist eigentlich nur möglich, wenn einer von ihnen am Abbiegen ist und der andere – in den meisten Fällen Fussgänger – geradeaus unterwegs ist», erklärt Wernher Brucks, Chef Verkehrssicherheit der Dienstabteilung Verkehr. Die Veloampel an der Kasernenstrasse verstösst somit gegen die Signalisationsverordnung. Im Rahmen des Forschungsprojekts für velofreundliche Lichtsignalanlagen darf die Stadt Zürich jedoch mit dem neuen Konzept experimentieren.

«Bis jetzt hat es durch die neue Regelung keine Unfälle gegeben», erklärt Brucks. «Die Ampel ist seit sieben Monaten in Betrieb. Es scheint zu funktionieren.» In Basel wird an vier Kreuzungen ebenfalls getestet, ob längere Go-Phasen für Velofahrer praktikabel sind und die Sicherheit nicht gefährden. Die Versuchsanordnung ist allerdings etwas anders als in Zürich: An drei Kreuzungen dürfen Velofahrende in Basel auch bei einer roten Ampel rechts abbiegen. Vorausgesetzt, eine kleine Veloampel signalisiert ihnen dies mit einem kleinen gelben Pfeil. Die Velofahrer müssen allerdings auch dort Fussgängern den Vortritt gewähren, die den Zebrastreifen überqueren.

Wenn sich die grosszügigeren Go-Phasen für Velofahrer an der Kasernenstrasse bewähren, könnte die Sonderregelung für Velofahrende in Zürich dereinst an weiteren Ampeln zum Einsatz kommen. Eine der Stellen, die Brucks für die Regelung geeignet erscheint, ist die Ampel neben dem Geschäft des Heimatwerks an der Uraniastrasse kurz vor der Rudolf-Brun-Brücke in Richtung Niederdorf. «Dort fahren schon jetzt viele Velofahrer verbotenerweise einfach bei Rot weiter, selbst wenn Fussgänger die Strasse überqueren», sagt Brucks. Der Sicherheitsexperte hofft auf Inputs der Verkehrsteilnehmer: «Aus der Velofahrerszene werden wir bestimmt reichlich Hinweise bekommen, wo die Spezialregelung noch gewünscht wird.»

Bund muss entscheiden

Vorerst muss sich die gelb blinkende Ampel jedoch weiter bewähren. Das Ingenieurbüro Rapptrans, das die Versuche im Auftrag des Bundesamtes für Strassen durchführt, wird Ende Jahr einen Bericht erstellen. Fällt er positiv aus, kann der Bundesrat die Signalisationsverordnung so ändern, dass die neue Regelung legal wird, oder ein Departement erlässt eine dahin gehende Weisung. Wie lang das dauern kann, ist laut Brucks nicht abzuschätzen.

Ähnlich wie beim aktuellen Test mit längeren Go-Phasen für Velos verstiess auch die Kennzeichnung von Velowegen mit einem roten Strassenbelag zunächst gegen die Signalisationsverordnung. Unter anderem am Bahnhofquai und an der Verzweigung Walchebrücke/Museumstrasse/Bahnhofquai hat Zürich im Rahmen eines vom Bund bewilligten Versuchs mit dem roten Strassenbelag experimentiert. Man hoffte, damit den Autofahrern das Konfliktpotenzial mit Velofahrern klarer vor Augen zu führen und ihnen bewusst zu machen, dass mit Velofahrern zu rechnen ist. Der Versuch war erfolgreich, die rote Markierung des Asphalts ist seit dem 1. Januar dieses Jahres offiziell erlaubt.

Erstellt: 18.03.2014, 09:42 Uhr

Die Veloampel in der Praxis. (Video: TA)

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