Neue Wohnsiedlung: Doppelt so viele Bewohner, zehnmal geringerer Energieverbrauch

Eine 5,5-Zimmer-Wohnung für 1875 Franken inklusive Nebenkosten? In einer neuen Null-Energie-Siedlung? An einer bevorzugten Wohnlage? In Zürich? Ja, das gibts. Bald. Einen kleinen Haken hat die Sache aber.

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An der Siedlung Balberstrasse in Wollishofen nagt der Zahn der Zeit. Die zehn Häuser mit 51 Wohnungen aus den 1920er-Jahren sollen abgerissen, eine neue Siedlung mit 68 Wohnungen und einem Kinderhort errichtet werden.

Was an vielen Orten wie etwa bei den benachbarten Stünzihäusern zu heftigen Protesten führt, geht an der Balberstrasse in Minne über die Bühne. Dafür gibt es viele Gründe. Der wichtigste: Entgegen dem Trend für Neubauten im Quartier steigen die Mietpreise nicht so stark. Zwar sind die heutigen Mieten tiefer (und die Wohnfläche kleiner). Doch wer will sich beschweren, wenn künftig eine neue, hellere und besser ausgestattete 3,5-Zimmer-Wohnung (80 Quadratmeter) 1380 Franken im Monat kostet? Oder eine der 30 geplanten 4,5-Zimmer-Wohnung (97–105 Quadratmeter) 1600 Franken oder eine der 15 5,5-Zimmer-Wohnung (119 Quadratmeter) 1875 Franken.

Für Familien und Alleinstehende

Auch die 2000 Franken für die drei 6,5-Zimmer-Wohnungen (131 Quadratmeter) sind für Stadtzürcher Verhältnisse günstig. Nicht nur Familien sollen an der Balberstrasse bedient werden. Dazu ist ein gutes Dutzend 2,5-Zimmer-Wohnungen geplant (1215 Franken). Wer vom Staat subventioniert wird, kann mit einem Preisabschlag zwischen 250 und 500 Franken rechnen.

Einen kleinen Haken hat die Sache für den durchschnittlichen Wohnungssuchenden. Um eine der Wohnungen zu ergattern, muss man Mitglied der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) sein. Denn der Neubau Balberstrasse ist ein ABZ-Projekt. Vorrang haben natürlich die heutigen Siedlungsbewohner, wie Martin Grüningner, Leiter Bau und Bewirtschaftung der ABZ, erklärt.

Kaum Chancen für Externe

Berechtigte Hoffnungen können sich weitere ABZ-Mitglieder machen, vorab aus der Umgebung – die laut eigenen Angaben grösste Wohnbaugenossenschaft der Schweiz betreibt 700 Wohnungen im Quartier. «Es werden fast keine Wohnungen für Externe übrig bleiben», kündigt Grüninger an. Handkehrum werden für Externe Wohnungen frei von Mitgliedern, die neu an die Balberstrasse ziehen.

Der Abriss der alten Siedlung ist für kommenden Herbst geplant, der Bezug der neuen 2015. Dass es zu Rekursen gegen das heute Mittwoch im «Tagblatt» ausgeschriebene Bauprojekt kommt, ist eher unwahrscheinlich. «Wir waren stets in Kontakt mit den Nachbarn und sind höhenmässig nicht ans Limit gegangen», sagt Grüninger. Die Siedlung wird drei- bis vierstöckig. «So passt sie besser ins Quartier.» Spezielle Herausforderung ist die Hanglage.

Ersatzwohnungen für alle

Die Grösse der Genossenschaft ermöglicht auch gute Übergangslösungen, denn gebaut wird in einem Zug und nicht etwa etappiert. Die heutigen Siedlungsbewohner können während der Bauzeit eine ABZ-Wohnung in der Nähe beziehen. Die Genossenschaft hat vorgekehrt und diverse Wohnungen, die an Nichtmitglieder gingen, nur befristet zur Verfügung gestellt. Diese Mieter müssen demnächst ausziehen.

Das 26,5-Millionen-Neubauprojekt an sich ist bemerkenswert. Denn auf derselben Grundstücksfläche werden mit bis zu 240 Personen etwa doppelt so viele wie heute wohnen können. Und diese sollen pro Quadratmeter Wohnfläche nur noch rund ein Zehntel des heutigen Energieverbrauchs für Heizung und Warmwasser benötigen.

Holz dominiert die neue Siedlung

Heute wird mit Öl und Gas geheizt, künftig sorgt dafür eine Wärmepumpe, die der Erde oder der Abluft die Wärme entzieht. Auch soll eine Fotovoltaikanlage Energie liefern. Auf das krasse Verhältnis angesprochen, räumt Grüninger ein, dass die heutige Siedlung schlecht isoliert und eine der verbrauchsstärksten ABZ-Siedlungen sei.

Speziell am Bau der Rapperswiler Raumfindung Architekten ist auch das Material. Es wird vor allem mit Holz gebaut, was eine gewisse Behaglichkeit gewährt. Der Anteil der grauen Energie ist bei Holz leicht besser als bei einem konventionellen Bau, sagt Grüninger. Der ökologische Aspekt spielt bei der ABZ, die sich zur 2000-Watt-Gesellschaft bekennt, eine grosse Rolle. «Mit der Fotovoltaikanlage werden die Häuser quasi zur Null-Energie-Siedlung.»

Tiefgarage und Ladestationen für Elektroautos

Da steht etwas quer in der Landschaft, dass neu eine Tiefgarage mit 39 Parkplätzen und sieben weitere Aussenplätze geplant sind. Heute müssen Bewohner mit Auto mit der blauen Zone vorliebnehmen. Die 46 Plätze sind allerdings unter dem Parkplatzminimum, wie Grüninger betont. Neuerdings darf dieses Minimum unterschritten werden. Auch wird es Abstellplätze für Mobility-Autos geben sowie Plätze mit Ladestationen für Elektrofahrzeuge und -velos.

Gerne hätte die ABZ eine grössere Siedlung errichtet. Doch ein Landabtausch mit der Stadt scheiterte daran, dass das benachbarte Kindergartengebäude des damaligen Stadtbaumeisters Hermann Herter aus dem Jahr 1928 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Grüninger nimmts gelassen: «Die Spielwiese des Kindergartens kommt auch unseren Mitgliedern zugute.»

Erstellt: 23.01.2013, 14:51 Uhr

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