Ein neues Rathaus beim Globus-Provisorium?

Zürcher Politiker träumen von mehr Platz, besserer Raumluft und gefüllten Zuschauertribünen. Wo das überhaupt möglich wäre.

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«Mit Gesetzen und Waffengewalt» steht da auf Lateinisch. Oder: «Ich sterbe, damit die anderen leben.» Die Sinnsprüche an der Fassade des Rathauses am Limmatquai stammen aus längst vergangenen Zeiten. Die Autoren sind Bürgermeister aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Man stelle sich einen derart pathetisch-blutigen Satz von Corine Mauch vor.

Nicht mehr zeitgemäss: Das ist die Hauptkritik diverser Politiker am Rathaus aus dem Jahr 1698, in dem der Kantons- und der Zürcher Gemeinderat tagen. Die Personen auf den Bildern im Ratssaal kennt niemand, der grosse Wandteppich mit den Bezirken und Gemeinden ist nicht mehr aktuell. Auch sind die Platzverhältnisse eng, die Sitzbänke unbequem. Will jemand pinkeln gehen, müssen viele Ratsmitglieder aufstehen, um die Person durchzulassen. Auf dem Pültchen hat knapp ein Laptop Platz.

Auch die Raumluft lässt zu wünschen übrig. «In langen Debatten werden wir durch den CO2-Ausstoss der 180 Parlamentsmitglieder richtiggehend sediert», sagt SP-Kantonsrat Andrew Katumba. Marco Denoth meint, die Arbeitsverhältnisse seien nahe an der Unwürdigkeit. «Immerhin wird hier über Budgets von 8 bis 15 Milliarden Franken entschieden», gibt der Gemeinderat und SP-Präsident zu bedenken. Auch fehlten Sitzungszimmer und Arbeitsräume.

Die Limmat als Fluchtweg

Was die Politiker noch mehr ärgert, ist der fehlende Zugang fürs Publikum. Obwohl die Sitzungen öffentlich sind, verirrt sich kaum eine Zuschauerin auf die Tribüne. «Es würde mir angesichts der massiven Tür nie in den Sinn kommen, das Gebäude zu betreten», sagt Denoth. «Es ist wie ein Konklave», ergänzt Katumba.

Die EVP kritisiert vor allem die Sicherheitslage. Kantonsrat Hans­peter Hugentobler hatte in einem Vorstoss die «katastrophale» Situation bemängelt. Es gibt im ersten Stock nur eine Tür aus dem Saal und im Erdgeschoss nur eine Tür ins Freie. Im Brandfall müssen die Politiker zehn Meter in die Limmat oder auf die Strasse springen – ein feuerpolizeiliches No-go.

Enge Verhältnisse, kleine Klapptische: Viele Parlamentsmitglieder wünschen sich bessere Arbeitsbedingungen. Foto: Raisa Durandi

Die Lösung dieser Politiker lautet: Es braucht ein neues Parlamentsgebäude. SP und EVP reichen am Montag im Kantonsrat eine Motion ein. Gefordert wird eine Kreditvorlage für ein «Haus der Demokratie». Am Mittwoch doppelt die städtische SP im Gemeinderat nach mit einem ähnlichen Postulat. Katumba und Denoth schwebt ein offenes, transparentes Haus für alle vor. Darin soll es Begegnungszonen mit dem Publikum, ein Forum für politische Gruppierungen und Infrastruktur für die Parlamentsmitglieder und Kommissionen geben.

«Ziel ist, mehr Öffentlichkeit, mehr Zugänglichkeit und mehr Austausch zu schaffen, um unsere demokratischen Institutionen zu stärken», sagt Katumba. Das sollte man sich nach über 300 Jahren im ­alten Gebäude leisten. Er vergleicht den Neubau mit einem Schwamm, der die Anliegen aus der Bevölkerung in die Parlamente saugt. Als Standort infrage käme das Papierwerd-Areal, wo das Globus-Provisorium steht, für das die Stadt seit 50 Jahren eine zündende Idee sucht. Auch der Carparkplatz oder das Kasernenareal seien Optionen.

Viele Anläufe gescheitert

Es ist nicht der erste Versuch für ein neues Rathaus. In den 1980er-Jahren forderte SVP-Kantonsrat Toni Bortoluzzi ein weniger enges Gebäude. In den 90ern wollten Hartmuth Attenhofer (SP), Ruedi Aeschbacher (EVP) und Anton Schaller (LdU) in die Neue Börse ziehen. Anfang des Jahrtausends fragten Liliane Waldner und Hugo Buchs (beide SP): Warum nicht nach Winterthur? Im Gemeinderat war die SP mit Markus Zimmermann aktiv geworden. Sie alle scheiterten.

Auch der aktuelle Vorstoss wird es nicht leicht haben. Vor allem im Kantonsrat ist der Widerstand gross. Die Geschäftsleitung (GL), in der alle Parteien vertreten sind, hat laut Präsidentin Yvonne Bürgin (CVP) mit grossem Mehr eine Rückkehr nach dem Exil befürwortet (siehe Box).

Eine der wenigen Auszugswilligen in der GL ist die Grüne Esther Guyer. Ihre Fraktion stellt sich aber gegen sie. Auch die Bürgerlichen blockieren. Martin Hübscher (SVP) plädiert für Bescheidenheit in eigener Sache: «Wir haben Wichtigeres zu finanzieren.» Ausserdem sei es doch eine Ehre, in einem derart geschichtsträchtigen Gebäude tagen zu dürfen.

Ähnlich tickt Benno Scherrer (GLP). Er will sich «nicht selber ein Denkmal setzen». Ausserdem hätten moderne Rathäuser oft den zweifelhaften «Charme von Kongresshotels». Für Markus Bischoff (AL) haben die knappen Raumverhältnisse gar Vorteile: Es zwinge zu konzentriertem Arbeiten. «Zwei Laptops auf dem Tisch garantieren keine bessere politische Arbeit», sagt er.

Mit ZKB-Millionen zahlen

Positiver klingt es aus dem Gemeinderat. Markus Kunz (Grüne) ist klar für einen Auszug: «Die Arbeitsbedingungen im Rathaus sind unter jeder Kanone.» Andri Silberschmidt (FDP) ist hin- und hergerissen. Er lobt den Charme des alten Rathauses, findet es aber «in Zeiten der Entfremdung von Volk und Politik nicht bürgerfreundlich». Der Jungpolitiker könnte sich folgende Lösung vorstellen: ein Kongresshaus mit integriertem Parlament auf dem Carparkplatz, finanziert mit den Jubiläumsmillionen der ZKB.

Gespalten mit Tendenz Nein ist Stefan Urech (SVP). Zwar sei die Bestuhlung und Infrastruktur nicht mehr zeitgemäss. Doch gerade die Porträtbilder von ihm unbekannten Menschen an der Wand zeigten doch, dass man als heutiger Politiker auch nur ein kleiner Teil einer grossen Geschichte sei. Corina Gredig (GLP), die nächstens in den Kantonsrat wechselt, ist hingegen offen: «Die Idee ist prüfenswert.» Im alten Rathaus könnte man ein Museum, Kino, Theater oder die Kinder-Uni installieren, findet sie. Parteikollege Sven Sobernheim wünscht sich ebenfalls einen niederschwelligeren Zugang fürs Publikum.

«Wo mein Volk ist, da ist mein Herz.» Auch dieses Zitat steht an der Fassade des alten Rathauses.

Erstellt: 13.04.2019, 10:00 Uhr

Warum die Politiker ins Exil weichen müssen

Letztlich ist es auf den Klimawandel zurückzuführen, dass den Zürcherinnen und Zürchern in der Altstadt eine riesige Bauerei blüht. Und das geht so: Da in den nächsten Jahrzehnten mit mehr überfallartigen Niederschlägen gerechnet wird, muss der Hochwasserschutz verbessert werden. Eine Massnahme ist der Bau eines Entlastungsstollens, mit welchem die Sihl-Fluten von Langnau am Albis nach Thalwil in den See umgeleitet werden sollen. Die Folge: Der Limmat-Raum als Seeausfluss muss entrümpelt werden. Konkret: Die Zürcher Rathausbrücke – im Volksmund: Gemüsebrücke – muss abgebrochen und neu gebaut werden, weil sie heute ein Nadelöhr ist. Zudem wird die Limmatsohle ausgebaggert, damit mehr Wasser durchfliessen kann. Das soll ab 2023 geschehen und wird gemäss städtischem Tiefbauamt bis 2025/26 dauern. Die Kosten werden mit rund 36 Millionen Franken beziffert. Die Stadt wird demnächst die Studie dazu publizieren.

Der Kanton nimmt die Grossbaustelle beim Rathaus zum Anlass, das altehrwürdige Gebäude zu sanieren. Haustechnik, Sicherheit, Platzverhältnisse: Vieles ist im Rathaus veraltet respektive liegt im Argen. Auch dieses Vorhaben dürfte zwei bis drei Jahre dauern, heisst es bei der Baudirektion. Die Kosten sind noch unbekannt, dürften aber in diesem hochgradig denkmalgeschützten Gebäude locker ein paar Dutzend Millionen betragen. Nun sollen verschiedene Szenarien auf ihre Machbarkeit geprüft werden. Sie gehen in unterschiedlichem Mass auf die Bedürfnis-Wunschlisten ein, welche die Nutzer des Hauses sowie die Denkmalpflege eingegeben haben. Ziel ist laut Baudirektionssprecher Thomas Maag, dem Regierungsrat 2020 einen Projektierungskredit zu beantragen. Angepeilter Baubeginn ist Ende 2023 oder Anfang 2024.

Vier Standorte zur Auswahl

Das Renovationsprojekt bedeutet für den Kantons- und den Gemeinderat sowie die Kirchensynoden und das Jugendparlament, dass sie temporär heimatlos sind. Auch der Regierungsrat und der reformierte Kirchenrat verlieren ihren Sitzungsraum.

Das kantonale Immobilienamt sucht derzeit Alternativen fürs mehrjährige Exil. Laut Maag werden aktuell vier Standorte evaluiert. Welche, will er nicht verraten. Entlocken lässt er sich nur, dass sie in der Stadt Zürich liegen. Man munkelt, eine der Möglichkeiten sei die Maag-Halle beim Prime-Tower, in welcher derzeit das ebenfalls wegen Umbauten exilierte Tonhalle-Orchester das Publikum verzückt. Die gute Akustik dürfte den redseligen Politikerinnen und Politikern gefallen. (pu)

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