Neun Franken für einen Liter Leitungswasser

Wie viel darf im Restaurant ein Liter Hahnenburger kosten? Zürcher Wirte verteidigen Preise bis zu neun Franken. Eine Konsumentenschützerin hält dagegen – was meinen Sie?

Viele trauen sich erst gar nicht, es im Restaurant zu bestellen: Leitungswasser.

Viele trauen sich erst gar nicht, es im Restaurant zu bestellen: Leitungswasser. Bild: Keystone

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6.50 Franken für einen Liter Hahnenwasser in der Brasserie Louis im Niederdorf. Mit dieser aufsehenerregenden Meldung wartete Radio 1 auf und liess Gäste den Preis kommentieren. Die Einschätzungen waren wenig schmeichelhaft.

Brasserie-Geschäftsführer Christian Kramer junior verteidigt sich. «Diesen Preis verrechnen wir nur in Ausnahmefällen», sagt er zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Etwa dann, wenn bei sonnigem Wetter Gäste vier bis fünf Stunden auf der Terrasse sitzen und kaum etwas konsumieren. Zudem macht Kramer darauf aufmerksam, dass die Leitungswasserpreise auf der Karte vermerkt sind: Ein halber Liter kostet 4.50 Franken, ein Glas 2 Franken. Zum Vergleich: Für einen halben Liter Passugger zahlt man in der Brasserie Louis 6.50 Franken.

«Es kann nicht alles gratis sein»

Gastro-Zürich-Chef Ernst Bachmann geht das Thema auf den Wecker, wie er sagt. Es brauche eine Karaffe und Gläser. Und dann müssten diese vom Kellner an den Tisch gebracht und wieder abgeräumt werden. Dann folge der Abwasch. «Dienstleistungen kosten etwas», stellt Bachmann klar. Jeder Wirt sei in der Preisbildung frei. «Es kann nicht alles gratis sein», meint er. Schon das Brot oder die Buntstifte für die Kinder würden umsonst auf den Tisch gestellt.

In seinem Restaurant Muggenbühl in Zürich-Wollishofen kostet der Halbliter gar 4.50 Franken, berichtet Bachmann. Wenn ein Liter verlangt werde, bringe er zwei Karaffen und verrechne 9 Franken. Allerdings nicht immer. «Es braucht Fingerspitzengefühl», findet er. Bestellt jemand zwei gute Flaschen Wein, muss er für das Leitungswasser nicht unbedingt bezahlen.

Wirte müssen knapp rechnen

Bachmann gibt zu bedenken, dass die Wirte gerade in der Innenstadt «gut rechnen» müssen, da die Mietzinse horrend seien. Zudem habe eine Änderung im Gesamtarbeitsvertrag der Gastronomiebranche Anfang Jahr einen Kostenschub verursacht. Neu muss den Kellnerinnen und Kellnern der volle 13. Monatslohn ab dem ersten Arbeitstag entrichtet werden. Vorher war es erst ab dem 25. Arbeitsmonat. Zudem findet Bachmann, dass der Mindestlohn von 3400 Franken für einen ungelernten Kellner eher hoch sei – verglichen etwa mit der Verkaufsbranche.

«Wenn ich 2 Franken für eine Karaffe verlange, geht die Rechnung nicht auf», sagt Bachmann. Mit den 2 Franken bezieht er sich auf zwei vergangene Debatten. Vor sieben Jahren hatte der damalige Marketingchef von Zürich Tourismus propagiert, das gute Züriwasser müsse einen Preis – eben 2 Franken – haben. Und vor zwei Jahren startete die Aktion «Züriwasser – Drink & Donate», bei der ein Gast für einen halben Liter Leitungswasser in der eigens kreierten ZH2O-Karaffe 3 Franken zahlte. Davon gingen 2 Franken an den Wirt und 1 Franken an die Hilfsorganisation Helvetas, die mit der Spende Trinkwasserprojekte unterstützte.

Gastro Zürich gibt keine Empfehlungen für den Preis von Leitungswasser ab. Bachmann hält die Wirte bloss an, den Preis – wie die Brasserie Louis – auf der Karte zu deklarieren. Der Markt regle den Rest. «Wenn ein Wirt unverschämt ist, kommt der Gast nicht mehr», weiss Bachmann.

Für Touristen abschreckend

Die Preisdeklaration auf der Karte ist denn auch eine von drei Forderungen des Konsumentenschutzes. Denn der Gast gehe davon aus, dass das Leitungswasser nichts bis wenig kostet, wie Sara Stalder von der Stiftung Konsumentenschutz sagt. Weiter fordert sie, dass Leitungswasser überhaupt angeboten wird und zu einem Menü gratis ist, analog der kantonalen Regelung im Tessin.

6.50 oder 9 Franken für einen Liter nennt Stalder unverhohlen eine «Abzocke». Ein solcher Preis schrecke bewusst vom Hahnenwasserkonsum ab und gebe zudem kein gutes Bild der Branche ab. Dabei denkt sie etwa an den Tourismus. Stalder berichtet jedoch auch von vielen Rückmeldungen von Konsumenten, welche Schweizer Restaurants für ihr Gratis-Wasser loben.

Auch in Zürich gibt es zahlreiche Betriebe, die nichts für Hahnenburger verlangen, so etwa das Café Zähringer oder das Rosso. Manche wie das Mexicano halten es wie der Muggenbühl-Wirt Bachmann: Gut konsumierende Gäste zahlen nichts, die anderen den vollen Preis.

Erstellt: 17.08.2012, 11:00 Uhr

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3–4 Franken

 
16.9%

5–6 Franken

 
4.3%

Mehr als 6 Franken

 
3.6%

4732 Stimmen


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