Der diskrete Charme der Zürcher Aristokratie (4)

«Noblesse oblige», sagte die Mutter zum Sohn

Ulrich von Bonstetten gehört zur Berner Linie einer hochadligen Familie, die in Zürich ausgestorben ist. Das neue Namensrecht könnte nun zu ihrer Renaissance führen.

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Berns Hausberg, der Gurten, ist schneebedeckt, der Blick auf Münster und Bundeshaus in der eisigen Luft glasklar, und die durch den Erker schräg einfallenden Sonnenstrahlen verwandeln das mit Stilmöbeln und Familienerb­stücken eingerichtete Wohnzimmer in ein Gemälde von Velázquez. Mitten in der in warmes Braun getünchten Szenerie steht Ulrich von Bonstetten, raucht Pfeife – und fühlt sich schrecklich unwohl. Denn er wird fotografiert.

«Könnten Sie nicht einen meiner Vorfahren abbilden?», fragt er und weist um sich. An den Wänden hängen Porträts besagter Ahnen und Landschaftsbilder seines Vorfahren Abraham August von Bonstetten. Ulrich von Bonstetten gehört zu einer der ältesten Adelsfamilien der Schweiz. Hochadel. Über einige Ecken gerät er gar in die Nähe des eng­lischen Königshauses: Einer seiner Vorfahren heiratete 1658 Ann Carey, die Ururgrossnichte Ann Boleyns, deren Tochter Königin Elizabeth I. ihre Cousine Maria Stuart köpfen liess.

Tiefgarage ersetzt Stammburg

In Bern sind die von Bonstettens eines der drei noch existierenden «wohledelvesten» Geschlechter. Das ist die oberste der vier definierten Statusgruppen des alten Bern. Doch sind die von Bonstettens ursprünglich keine Berner. Ihr Stammsitz liegt im Zürcher Säuliamt.

Bonstetten liegt aus Stadtzürcher Sicht ennet des Uetlibergs und hat 5400 Einwohner. Das Gemeindewappen zeigt in goldenem Schildrand drei silberne Rauten auf schwarzem Grund. Es ist das Familienwappen der von Bonstetten. Davon abgesehen, erinnert dort nichts daran, dass hier wohl schon im 12. Jahrhundert Freiherren residierten, die rangmässig den Kyburgern und Habsburgern gleichgestellt waren. Wo ihre Stammburg lag, ist jetzt die Tiefgarage einer Wohnsiedlung. Seinen Stammsitz hat Ulrich von Bonstetten einige Male besucht. Er habe dort sehr nette Bekanntschaften gemacht, sagt er. Doch ein Genius Loci hat ihn nicht erfasst. Er fühlt sich durch und durch als Berner, ist Präsident der «Familienkiste», wie in Bern aufgrund der meist eisernen Dokumententruhen altrechtliche Familienstiftungen genannt werden. Und er sitzt im Gesellschaftsrat der ehemaligen Berner Adelsstube, der Gesellschaft zum Distelzwang.

Adel präsenter als in Zürich

«Die alten Geschlechter sind in Bern immer noch präsent», sagt von Bonstetten. Vorab innerhalb der Burgergemeinde, wo die Zünfte dem öffentlich-rechtlichen Recht unterstehen, also für ihre Mitglieder Aufgaben wie etwa die Sozialhilfe übernehmen. In Zürich dagegen sind die Zünfte heute Vereine ohne öffentliche Aufgaben. «In Bern haben wir es mit Landadel zu tun, der Bern zu einer Adelsrepublik machte, während Zürich Zunftrepublik war», fährt der ­Sozial- und Wirtschaftshistoriker und pensionierte Gymnasiallehrer fort.

Conrad Ulrich, Fachmann für Zürcher Familiengeschichte, sieht das ähnlich: «Zürich hatte viel zu wenig Land, um einen gefestigten Landadel zu bilden.» Dadurch sei Zürich zu einer Handels- und Produktionsstadt geworden. «Und wenn man Handel und Produktion betreibt, muss man durchlässig sein, da der erfolgreiche Handwerker in der Regel irgendwann Kaufmann wird.» Diese Durchlässigkeit aber schwäche die Kompaktheit einer Schicht und damit das Standesbewusstsein.

Ulrich von Bonstetten will nicht von Standesbewusstsein sprechen. Das wirke zu hochnäsig. Ein «Traditionsbewusstsein» spürt er aber durchaus, allerdings oft mehr bei seiner Umgebung als bei sich selbst. So habe man ihn, der ein eher fauler Schüler gewesen sei, in der Schule zuweilen zurechtgewiesen, er müsse nicht meinen, er könne sich einen Schlendrian leisten, weil er ein «von» sei. Und wenn er etwas anstellte, habe ihn seine Mutter auf die Folgen hingewiesen, die mit seinem Namen einhergingen: «Noblesse oblige.»

Nur noch alte Junggesellen

Die Zürcher Linie der von Bonstetten ist 1606 ausgestorben. Während es bei ihr schlicht an männlichen Nachkommen fehlte, verschwinden andere alte Zürcher Familien, weil sie «fremdgingen». So etwa das einflussreiche Rittergeschlecht der Mülner, die zu den Habsburgern überliefen. Andere wanderten einfach aus. In der von dem Zürcher Genealogen Eduard August Rübel 1926 erstellten Liste der noch lebenden Altzürcher Familien erscheinen weder Manesse noch Waldmann, noch Brun und Stüssi. Füssli, Bürkli und Meyer von Knonau waren im Aussterben begriffen, weil sie, wie Rübel schreibt, an männlichen Mitgliedern nur «alte Junggesellen, Kinderlose oder ältere Väter» haben, die seit zehn bis zwanzig Jahren keine Kinder mehr zeugten – also: keine Chance mehr auf männlichen Nachwuchs mehr bestand. In manchen alten Zürcher Familien werden derzeit Diskussionen darüber geführt, wer denn als Nachkomme gelten soll. Auftrieb gibt solchen Diskussionen das neue Namensrecht. Sie stehen meist im Zusammenhang mit Stiftungen, welche ursprünglich den Sinn hatten, Familienmitglieder finanziell zu unterstützen, wenn sie in Not gerieten. Heute geht es in der Regel um einen Zustupf fürs Studium oder für Auslandaufenthalte. Wer soll davon profitieren? Wie von alters her nur die männlichen Nachkommen? Meist kommt man heute zum Schluss, dass auch Frauen das Anrecht auf Unterstützung haben, wenn sie den entsprechenden Namen tragen – unverheiratet oder angeheiratet.

Nachkommen mit Sternchen

Doch findet das neue Namensrecht auch allmählich in den Stammbäumen Niederschlag. So ist der Sohn von Stephanie von Orelli ein Orelli, obwohl sein Vater kein Orelli ist. Dafür sind die Söhne von Roman Kilchsperger, die den Namen der Mutter Viola Tami tragen, im Familienstammbaum offiziell als 17. Generation verzeichnet – allerdings mit Sternchen versehen, obwohl sie «waschechte» Kilchsperger sind. Diese sich anbahnende genealogische Freiheit würde, zu Ende gedacht – und biologisch selbstverständlich –, dazu führen, dass ein Geschlecht auch über die Frauenlinien weiter besteht. Was zweifellos die Wieder­geburt der Zürcher Linie der von Bonstetten bedeuten würde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2014, 12:57 Uhr

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Infobox

Die Ursprünge der hochadligen Familie von Bonstetten reichen wahrscheinlich ins 10. Jahrhundert zurück. Seit Beginn des 13. Jahrhunderts ist der Stammbaum gesichert. Die Stammburg liegt in Bonstetten, ihre Grablege in der Klosterkirche Kappel. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts besassen sie auch die Herrschaft Uster, die sie als habsburgisches Lehen hatten. Mit den Habsburgern waren sie lange Zeit eng verbunden – nicht zuletzt, weil die begüterten Freiherren von Bonstetten ihnen immer wieder finanziell aus der Patsche halfen. So war Hermann von Bonstetten (1255–1312) Reichsvogt und stellvertretender Landgraf des ­Königs Rudolf von Habsburg. Seit dem 14. Jahrhundert geraten sie in den Bann der aufstrebenden Stadt Zürich. Sie gehören schliesslich zur dortigen Aristokratie, spielen aber in einer höheren Liga. 1499 bestätigt ihnen Kaiser Maximilian (1459–1519) persönlich den Freiherrenstand. Auch in ihrer Heiratspolitik orientierten sich die von Bonstettens über die Stadt hinaus. So heiratete 1463 Andreas Roll von Bonstetten die Bernerin Johanna von Bubenberg, eine Schwester Adrian von Bubenbergs. Ihr Sohn heiratet wiederum eine Bernerin, eine von Wattenwyl. Damit ist die Berner Linie gefestigt. Die Zürcher Linie aber stirbt 1606 aus. Die Familie von Bonstetten brachte bedeutende Staatsmänner, Offiziere und Kirchenmänner wie etwa Äbte von St. Gallen und Einsiedeln hervor. Und zwei hervorragende Schweizer Gelehrte: den Humanisten Albrecht von Bonstetten (1442 bis ca. 1504) und den Aufklärer Karl Viktor von Bonstetten (1745–1832), dessen kürzlich ediertes Gesamtwerk vierzehn Bände umfasst. Aus jüngerer Zeit ist Walter von Bonstetten (1867–1949) bekannt, einer der wichtigsten Mitbegründer der Schweizer Pfadfinderbewegung.

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