«Nominiert diesen Tramchauffeur zum Schweizer des Jahres»

Die Durchsage des Trämlers, der vor «rumänischen Bettlern» warnte, bringt dem Mann viel Lob der Leser ein. Er verstosse gegen die Bundesverfassung, sagt aber eine Rassismus-Expertin.

Dankbar für die Warnung: Viele Leser schätzen, dass sie Tramführer auf einsteigenden Bettler aufmerksam machen.

Dankbar für die Warnung: Viele Leser schätzen, dass sie Tramführer auf einsteigenden Bettler aufmerksam machen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Tramchauffeur der VBZ hat seine Fahrgäste vor «rumänischen Bettlern» gewarnt. Dafür hat Luz-Maria Lüthold kein Verständnis. Sie ist Mitarbeiterin von SOS Rassismus Deutschschweiz, einer Anlaufstelle, die Opfer rassistischer Diskriminierung berät und rassistische Vorfälle dokumentiert. «Diese Durchsage ist schlimm.»

Selbst wenn die Männer tatsächlich Bettler sind, woher habe der Chauffeur wissen wollen, welcher Nationalität sie sind. Nicht alle Rumänen seien Bettler und nicht alle Bettler Rumänen. «Die Durchsage des Tramchauffeurs verletzt Artikel 8 der Bundesverfassung.» Demnach darf niemand diskriminiert werden, namentlich nicht wegen seiner Herkunft, seiner Rasse oder seiner Lebensform.

Strafe von bis zu drei Jahren Haft

Lüthold ist der Meinung, dass der Tramchauffeur gegen das Verbot der Rassendiskriminierung verstossen hat, das im Schweizerischen Strafgesetzbuch unter Artikel 261bis verankert sei. Er habe sich nämlich an die Öffentlichkeit gerichtet. Bei einer Anzeige könnte dem Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe Zürich eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren drohen.

Seien die Männer zudem keine Bettler gewesen, habe sich der Tramchauffeur mit seiner Durchsage der üblen Nachrede schuldig gemacht, hält Lüthold fest. Er könnte dafür mit einer Geldstrafe von bis zu 180 Tagessätzen bestraft werden. Allerdings handelt es sich dabei um ein Antragsdelikt, was bedeutet, dass die Betroffenen den Chauffeur anzeigen müssten.

Tramführer mit «Zivilcourage» oder «unbeabsichtigter Rassismus»

In den Kommentarspalten von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt sich, dass nicht alle Leser die Meinung von Luz-Maria Lüthold teilen. Anthony Smith macht es kurz: «Korrekt gehandelt. Punkt.» Er erhält Schützenhilfe von Petra Kleimann. Sie ist der Meinung, Zürich brauche solche Tramführer. «Solche Leute zeigen Zivilcourage und lassen sich von der Gutmenschenfraktion den Mund verbieten, wenn es darum geht, rechtschaffene Bürger vor zwielichtigen Elementen zu warnen.» Sie erlebe solches Gebettel verbunden mit Taschendiebstählen fast jeden zweiten Tag in der Stadt. Und findet: «Es ist richtig, die Leute beim Namen zu nennen!» In dieselbe Kerbe schlägt auch Leo Spescha: «Nominiert bitte diesen Tramchauffeur zum Schweizer des Jahres.»

Edi Kuster findet die Durchsage grundsätzlich gut: Auf Bettler im Tram hinzuweisen, gehe absolut in Ordnung – es sei eigentlich eine gute Durchsage des Trämlers gewesen. «Fraglich ist nur die Nennung der Nation. Wie weiss der Tramführer, dass es Rumänen waren? Waren sie angeschrieben? Oder andersrum: Ist es relevant zu wissen, welche Nationalität ein Bettler hat?»

«Miesgelaunter Schweizer Tramchauffeur»

Eine Erklärung für das Verhalten des Tramführers findet Jonas Bauer. Er finde es auch okay, dass der Tramführer auf die Bettler hingewiesen habe, «aber das mit der Nationalität ist wohl unbeabsichtigter Rassismus. Ausserdem, warum ist das relevant? Wären deutsche oder russische Bettler besser, schlechter oder weniger schlimm?»

Mit Ironie quittiert Leser Peter Zumsteg den Vorfall. Er schreibt, dass fairerweise auch folgende Durchsage gemacht werden müsste. «Information der Züri-Linie: Achtung, ein mies gelaunter Schweizer Tramchauffeur fährt Sie herum. Er fährt ruckartig an und bremst abrupt. Er wird seine laute Klingel oft und gerne einsetzen. Er wird auch dann nicht die Türe öffnen, wenn er Sie direkt sehen kann. Wir bitten Sie um Ihr Verständnis.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.02.2012, 17:02 Uhr

Artikel zum Thema

Tramführer warnt vor «rumänischen Bettlern»

Via Durchsage macht ein Tramchauffeur seine Passagiere auf «rumänische Bettler» aufmerksam. Die VBZ wollen die ungewöhnliche Nennung der Nationalität nicht kommentieren. Mehr...

VBZ lässt keine Dicken ans Steuer

Die Verkehrsbetriebe Zürich laden nur Tramfahrer an Bewerbungsgespräche ein, die ein bestimmtes Gewicht nicht überschreiten. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...