Notfallstation für Vögel wird selbst zum Notfall

Der Volière Zürich fehlt es an Geld und Personal. Wie das 111 Jahre alte Vogelhaus dieses Jahr überstehen soll, ist ungewiss.

In der Volière Zürich leben auch Exoten: Ein Tucan frisst der Leiterin Elisabeth Kehl aus der Hand.

In der Volière Zürich leben auch Exoten: Ein Tucan frisst der Leiterin Elisabeth Kehl aus der Hand. Bild: Doris Fanconi

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Elisabeth Kehl und Marc Stähli sind am Anschlag. Sie arbeiten in der Volière Zürich, der grössten Pflegestation für Wildvögel in der Schweiz. Sie füttern, putzen Käfige und Gehege, bestellen Futter, beantworten E-Mails, beraten am Telefon, nehmen Exoten in die Ferien oder suchen Plätze für Zuchtvögel. Die Volière am Mythenquai ist nicht nur Notfallstation für Wildvögel, sie ist auch Ferienhotel und Refugium für Exoten. Doch jetzt droht sie Opfer des eigenen Erfolgs zu werden.

Die Zahlen sprechen für sich: Vor zehn Jahren wurden rund 300 Wildvögel pro Jahr abgegeben, heute sind es über 1150. «Wir werden buchstäblich überrannt», sagt Elisabeth Kehl, Leiterin der Volière und Präsidentin der Volière Gesellschaft. Für sie und ihren Arbeitskollegen Marc Stähli bedeutet dies: früher aufstehen und länger arbeiten. Um 6.30 Uhr werden die ersten Vögel gefüttert, wenn die Sonne untergeht, müssen oft noch die Jungvögel speziell verpflegt werden. «In der Regel sind das 12-Stunden-Tage», sagt Elisabeth Kehl. «So kann das nicht weitergehen. Wir brauchen eine weitere Hilfskraft.»

Das Aus droht

Die längeren Arbeitszeiten im kommenden Frühling stehen in direktem Zusammenhang mit der dramatischen Zunahme der abgegebenen kranken und verletzten Wildvögel. Der grösste Teil, 68 Prozent, sind aus dem Nest gefallene Jungvögel. «Die Leute sind sensibilisiert worden», sagt Kehl. «Wenn sie Jungvögel entdecken, telefonieren sie heute der Polizei oder dem Tierrettungsdienst. Die bringen die Vögel dann zu uns.»

Dieses Jahr versucht Elisabeth Kehl den Betrieb noch durchzustehen: «Aber danach droht das Aus. Wir übernehmen zwar eine Aufgabe für die Öffentlichkeit, aber niemand will dafür bezahlen.» Die Volière wird dieses Jahr 111 Jahre alt. Das Gebäude gehört der Stadt. Für den Betrieb ist jedoch eine eigene Gesellschaft zuständig. Sie hat 700 Mitglieder, die meisten von ihnen zahlen jährlich zwischen 20 und 50 Franken. Seit 1940 ist der Beitrag nie erhöht worden. Inzwischen steuert der Tierschutz jährlich 60 000 Franken bei, dafür hat die Stadt im Jahr 2000 ihr finanzielles Engagement zurückgezogen.

Vögel sind keine Sympathieträger

Die Volière braucht dringend neue Sponsoren. «Wir sind seit Jahren am Betteln», sagt die Präsidentin. Ihr Ehemann, Oliver Kehl, betreut die Finanzen. Er hat bereits früher einmal die Goldküstengemeinden um Hilfe angefragt. Mit Erfolg – sie haben einen kleinen Beitrag geleistet. Auf der linken Seeseite ist er hingegen auf Ablehnung gestossen, auch bei den Versicherungsgesellschaften, die ihren Sitz hinter der Volière haben. «Von dort ist noch gar nie Geld gekommen», sagt Oliver Kehl.

«Vögel sind keine Sympathieträger.Sie sind halt keine Kuscheltiere, mit denen sich Staat machen lässt.» Deshalb fehlt das Geld jetzt an allen Ecken und Enden, zumal auch die Kosten für die Vögel steigen. Bis zu zwölf verschiedene Früchtesorten werden täglich verfüttert. Dazu kommen frisches Fleisch, Fisch, Mehlwürmer, Insektenfutter, Eier, Nüsse, Blütenpollen und Ameiseneier. Die Rechnungen für Beleuchtung, Heizung und Wasser sind zu begleichen. Und schliesslich sind da noch die Löhne der beiden Tierpfleger. Sie können nicht davon leben, beide haben noch einen Nebenjob.

Keine guten oder schlechten Vögel

Die arbeitsintensivste Zeit steht den Tierpflegern noch bevor. Absoluter Hochbetrieb herrscht in den Monaten Mai bis August. Dann werden am meisten Vögel in die Vogelpflegestation eingeliefert. Häufig handelt es sich um völlig unspektakuläre Tiere. So wird die Liste 2010 von Stockenten (300) angeführt, gefolgt von Haussperling (107), Amsel (93), Stadttaube (82), Rabenkrähen (65), Mauersegler (55), Blaumeise (30) und zahlreichen anderen, zum Teil auch sehr seltenen Arten. Von den insgesamt 1150 Wildvögeln, die letztes Jahr abgegeben wurden, konnten laut Kehl 45 Prozent gerettet werden. Die Frage, weshalb sich die von vielen als unhygienisch empfundenen Tauben darunter befinden, beantwortet die Leiterin der Volière kurz und prägnant: «Es gibt keine guten oder schlechten Vögel. Wenn mir ein Tier gebracht wird, versuche ich es mit allen Mitteln zu retten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2011, 09:37 Uhr

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