Wie funktioniert die Notruf-Uhr? Der Pöstler zeigts!

Senioren, die ihre Notruf-Uhr bei der Post bestellen, können sich diese nun persönlich einrichten lassen. Was taugen die elektronischen Lebensretter?

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Man kennt sie schon seit längerem, diese Armbänder mit dem grossen roten Knopf: Sie erlauben es Senioren, im Notfall rasch und unkompliziert Hilfe zu organisieren. Das System funktioniert, hat aber einen Haken. Der rote Knopf fühlt sich für manche Menschen an wie ein Stigma.

Da kämen Handyuhren wie die Apple Watch eigentlich wie gerufen. Uhren, mit denen man dank integrierter SIM-Karte ­telefonieren kann. Die einen GPS-Sender enthalten, der die Position des Trägers übermitteln kann. Denen man dank Sprachsteuerung sogar Befehle wie «Ruf 144 an» geben kann.

Nur: Viele ältere Menschen scheuen den Umgang mit der für sie ungewohnten Technologie. Zumal sie die zahllosen Funktionen einer solchen Uhr weder wollen noch nutzen.

Ein Knopf, zwölf Anrufe

Diese Lücke schliessen elektronische Notfalluhren wie jene des Zürcher Start-ups Smart­watcher. Sie werden nicht mit einem herkömmlichen Betriebssystem, sondern mit einer eigens entwickelten Notfall-Software ausgeliefert. Braucht der Träger der Uhr Hilfe, drückt er einen kleinen Knopf auf der Seite. Das Programm ruft daraufhin bis zu zwölf Kontaktpersonen an, ­Verwandte zum Beispiel oder Nachbarn. Oder, je nach Programmierung und Abonnement, die Notrufzentrale. Gleichzeitig übermittelt die Uhr den Helfern oder dem Notruf die Position des Hilfesuchenden.

Ein Geschäft, so müsste man meinen, das brummen sollte, ­leben doch immer mehr alte Menschen daheim. Rahel Reimann, Projektleiterin der jungen Firma Smartwatcher, gibt keine Zahlen bekannt, sagt aber, es laufe gut. Doch sie räumt auch ein: «Trotz eines zunehmenden Bedürfnisses nach Sicherheit im ­Alter scheuen viele Senioren den Gang ins Fachgeschäft, und sie machen einen Bogen ums Onlineshopping.»

Die Post hat sich angeboten

Nun hat Smartwatcher von unerwarteter Seite Schützen­hilfe erhalten: von der Post. Seit Mitte August läuft in der Stadt ­Zürich ein viermonatiger Pilotversuch. Zehn eigens geschulte Pöstler liefern die Uhren auf Wunsch nicht nur nach Hause, sondern richten sie vor Ort ein und erklären den Kunden deren Bedienung. Wer will, kann sich die Uhr auch einfach vorführen lassen. Die ersten Erfahrungen, sagt Reimann, seien positiv.

Die Initiative für den Versuch kam von der Post aus. Das wirft Fragen auf: Ist es die Aufgabe eines Staatsbetriebs, betagten Menschen eine Notrufuhr zu erklären und zu programmieren?

«Oberste Priorität hat für die Post die Grundversorgung», sagt Sprecher François Furer. «Daran ändert sich nichts.» Sie müsse aber auf sinkende Briefmengen reagieren: «Solche Tests zeigen, welche alternativen Dienstleistungen die Post anbieten kann.»

Furer verweist auch auf die gesellschaftliche Entwicklung; die Post antizipiere diese und reagiere auf neue Bedürfnisse. Was beim Test und bei einer allfälligen definitiven Einführung des Smartwatcher-Service für die Post finanziell herausschaut, gibt sie nicht bekannt. Für die Käufer der Uhren ist der Service auf jeden Fall nicht ganz billig: 99 Franken kostet die Einrichtung durch den Paketboten, eine reine Vorführung 50 Franken.

Ein Handy kostet gleich viel

Ohnehin hat die elektronische Sicherheit ihren Preis. Allein die Notrufuhr mit eingebauter SIM-Karte kostet zwischen 350 und 500 Franken. Dazu kommen monatliche Kosten, die je nach Abo zwischen 15 und knapp 40 Franken betragen. Im Vergleich zu anderen Notrufsystemen liegt das im Rahmen. Aber: Für denselben Preis erhält man ein Handy oder eine voll funktionsfähige Smartwatch, mit der man nicht nur ganz normal telefonieren kann, sondern etwa auch SMS verschicken oder Mails abrufen. Die Notrufuhr hingegen lässt keine weiteren Funktionen zu.

Das sei auch bewusst so gewollt, sagt Projektleiterin Reimann: «Der Träger muss sich nach dem Einrichten um nichts mehr kümmern. Fehlmanipulationen sind praktisch ausgeschlossen.» Nicht einmal Telefonkosten entstehen für den ­Träger, die Uhr ist so programmiert, dass die Helfer bei einem Notruf zurückrufen müssen. 

«Nur schwer zu bedienen»

Was aber sagen Fachleute zu diesen neuen Notrufuhren? Andreas Bircher vom Roten Kreuz hat Vorbehalte. Er weiss zwar um den Wunsch vieler Senioren, nicht mit einem roten Knopf am Arm herumlaufen zu müssen, um jederzeit Hilfe holen zu können. Deshalb hat das Rote Kreuz, das selbst ein Notrufsystem mit eigener Notrufzentrale betreibt, solche Uhren getestet. Und sie vorerst nicht ins Sortiment aufgenommen.

«Für Menschen, die fit und mobil sind, sind sie sicher geeignet», sagt Bircher. «Nicht aber für Menschen mit Einschränkungen, etwa Schwerhörige oder Personen mit beginnender Demenz. Unsere Erfahrung zeigt, dass für unsere Zielgruppe ein Touchscreen oder ein kleiner Knopf an der Seite der Uhr nur schwer zu bedienen ist.»

Hinzu komme die geringe Akku-Laufzeit. Tests hätten gezeigt, dass die meisten Modelle täglich aufgeladen werden müssten, damit ein Notruf möglich ist, so Bircher: «Das geht schnell vergessen. Oder wird verdrängt, denn für Betagte kann nur schon das Einstecken am Ladegerät zum Problem werden.» 

Rahel Reimann von Smartwatcher wehrt sich: Die Uhr ­alarmiere ihren Träger, wenn der Ladestand zu tief sei. Und sie ­lasse sich drahtlos laden. Die Kunden jedenfalls seien zufrieden: «Negative Rückmeldungen haben wir nicht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2018, 09:54 Uhr

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